Nr. 48/2018 vom 29.11.2018

Der Mann als lieb gewonnene Gewohnheit

Pierre-Yves Maillard galt von Anfang an als Favorit für das Präsidium des Gewerkschaftsbunds. Viele Gewerkschafterinnen sind wütend darüber.

Von Martin Germann und Sarah Schmalz

Wenn am Samstag die 237 Kongressdelegierten des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) die Nachfolge von Paul Rechsteiner bestimmen, steht das Resultat arithmetisch bereits fest. Das zumindest hat die Unia-Zeitung «Work» im Wahlkampf berechnet. Die Rechnung ist einfach: Neben der zahlenmässig grössten Gewerkschaft Unia sprechen sich offiziell auch die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) und die Syndicom für Pierre-Yves Maillard aus. Die drei Gewerkschaften stellen zusammen 125 der 237 Delegierten und damit die Mehrheit. Barbara Gysi sei also chancenlos.

Widerstand an der Basis

Das Fazit der Unia-Zeitung steht symptomatisch für einen Wahlkampf, bei dem der Sieger schon vor der Debatte gekürt war. Support erhielt der wirkungsstarke Waadtländer SP-Staatsrat Pierre-Yves Maillard nicht nur von drei der mächtigsten Gewerkschaften, auch die Presse schrieb ihn zum Favoriten hoch. Ausser Acht gelassen wurden dabei zwei Tatsachen: Erstens präsentiert sich die Ausgangslage weitaus komplexer, als sie im Vorfeld herbeigeschrieben wurde. Denn am Kongress entscheiden nicht die Zentralvorstände der Gewerkschaften, sondern die Delegierten, und das in einer geheimen Wahl, bei der sich sicher nicht alle an die Empfehlung ihrer Gewerkschaft halten werden.

Zweitens hat sich innerhalb der Basis längst Widerstand gegen Pierre-Yves Maillard gebildet. Bereits Anfang September sprach sich die Unia-Frauenkonferenz mit überwältigender Mehrheit für eine Frau als SGB-Präsidentin aus. Später folgte ein von Frauen aus allen grösseren Gewerkschaften unterschriebener Appell der SGB-Frauenkommission. Viele Frauen an der Basis machen im Gespräch mit der WOZ ihrem Ärger Luft. Lucie Waser, Kopräsidentin der SGB-Frauenkommission, sagt: «Es gibt einen sehr einfachen Grund dafür, dass Pierre-Yves Maillard favorisiert wird: Er ist ein Mann. Und dass man Männer an die Spitze der Gewerkschaften stellt, ist eine lieb gewonnene Gewohnheit.»

«Gespür für die Jungen»

Ein Gewerkschaftsfunktionär, der sich nicht namentlich zitieren lassen will, rechnet damit, dass rund ein Drittel der 87 Unia-Delegierten ihre Stimme Barbara Gysi geben könnten. Barbara Gysi könnte auch davon profitieren, dass mindestens 33 Prozent der Delegierten Frauen sein müssen. So sagt etwa Florian Vock, Mitglied der LGBT-Kommission des SGB und Präsident des Aargauer Gewerkschaftsbunds: «Ich habe bisher noch kaum eine Frau getroffen, die nicht für Barbara Gysi stimmen wird.» Für Vock tritt Maillard wie ein Gewerkschafter der alten Schule auf, wohingegen Gysi auch Glaubwürdigkeit und ein Gespür für neue Themen habe, die viele junge Angestellte beschäftigten.

Zugespitzt könnte man es auch so formulieren: Barbara Gysi vertritt innerhalb der Gewerkschaften tendenziell die Minderheiten; die gelernte Sozialarbeiterin wird von der Migrationskommission und der LGBT-Kommission unterstützt. Maillard, der ehemalige Smuv-Gewerkschafter, steht eher für die klassische, männlich geprägte Gewerkschaftstradition.

Viele GewerkschafterInnen verlangen nicht nur deshalb eine Frau an der Spitze, weil der SGB nun zwanzig Jahre von einem Mann geführt wurde. Sie argumentieren auch mit dem Wandel der Arbeitswelt: Die «Wachstumsmärkte» für die Gewerkschaften sind Branchen, in denen in der Regel unterbezahlte, gewerkschaftlich kaum organisierte Frauen arbeiten, etwa im Reinigungsgewerbe oder in der Pflege. Auch im Detailhandel ist der gewerkschaftliche Organisierungsgrad noch vergleichsweise tief. Dass die Gewerkschaften ihren Mitgliederschwund bremsen konnten, liegt nicht zuletzt daran, dass mehr Frauen eingetreten sind.

In der Baubranche ist der gewerkschaftliche Organisierungsgrad bereits sehr hoch, die Stellen in der Industrie fallen zunehmend weg, wodurch auch ihre Bedeutung schwindet. Lucie Waser sagt: «Für die Zukunft der Gewerkschaften ist es entscheidend, dass wir mehr Frauen mobilisieren können. Schaffen wir das nicht, geht der Mitgliederschwund weiter, dann wird es zu weiteren Fusionen kommen.» Für Waser steht auch fest, dass eine Frau an der Spitze des Gewerkschaftsbunds viel bewirken würde. Nachdem sie jahrelang als Klub der starken Männer wahrgenommen worden seien, müssten die Gewerkschaften eine andere Aussenwirkung entfalten, um Frauen zu mobilisieren. Die aktuelle Wahl sei deshalb auch eine Richtungswahl: «Wollen wir weitermachen wie gewohnt? Oder wählen wir eine Frau an die Spitze, um einen ersten Impuls für eine andere Zukunft zu geben?»

Buhlen um die Linken

Wie viel Boden Barbara Gysi am Wahltag gutmachen kann, ist schwer abzuschätzen. Von ihren politischen Profilen her sind sich Maillard und Gysi ähnlich. Beide verfügen über einen grossen politischen Erfahrungsschatz und sind in der Gewerkschaftsbewegung verankert. Über Inhalte wurde in diesem Wahlkampf denn auch wenig geredet. Hervorgehoben wurden vielmehr die Unterschiede in der Wirkung: Maillard, der rhetorisch starke Mann, der mit seinen anekdotischen Reden das Publikum mitreisse. Gysi, die etwas spröde Sachpolitikerin, die stille Schafferin, die immer im Klein-Klein der Tagespolitik verhaftet bleibe.

Maillards Hang zum grossen Auftritt werde nicht von allen geschätzt, sagt VPOD-Regionalsekretär Agostino Soldini: «Das hat ihm auch schon den Vorwurf des Chauvinismus eingebracht.» Kritik schlage Maillards Kandidatur auch in der Westschweiz entgegen, vor allem von VertreterInnen der kleineren Gewerkschaften und von den Frauen. Und es gibt noch eine dritte Fraktion, die Maillard nicht unterstützt: jene, die auf kantonaler Ebene Maillards Unternehmenssteuerreform bekämpfte und auf nationaler gegen den Steuer-AHV-Deal eintritt. Doch weil Gysi Letzteren ebenfalls unterstützt, stehen diejenigen Delegierten, die Maillard von links kritisieren, auch nicht hinter ihrer Kandidatur. «Ich werde mich enthalten, weil für mich beide unwählbar sind», sagt Soldini. Er wisse auch von etwa dreissig weiteren Delegierten, die beide Kandidaturen kritisch sähen.

Dass Barbara Gysi am Dienstag im «Blick» für die 35-Stunden-Woche warb, kann wohl auch als Versuch gewertet werden, den linken Flügel ins Boot zu holen. Sie selbst sagt am Telefon: «Ich glaube nach wie vor an meine Chance.»

Der SGB-Kongress findet am 30. November und am 1. Dezember 2018 in Bern statt. Am Freitag steht dabei die Altersvorsorge im Zentrum. Die Präsidiumswahl erfolgt am Samstag.

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