Nr. 48/2018 vom 29.11.2018

Der Mikrochip unter deiner Haut

Tausende SchwedInnen lassen sich RFID-Chips in die Hand implantieren – als Schlüssel oder Bahnticket. Für die Biohackerszene ist das der erste Schritt hin zu Cyborgs.

Von Volodya Vagner, Malmö

Nur eine kleine Beule: Die Hand einer Schwedin mit RFID-Implantat. Foto: Pieter ten Hopen, VU / Laif

Der Hochgeschwindigkeitszug Stockholm–Malmö gleitet lautlos durch die Novemberfinsternis. Draussen ist es nasskalt und windig, die Stimmung drinnen gemütlich. Die Schaffnerin hat keine Lochzange mehr dabei, sondern nur noch ein Smartphone. Papierfahrkarten hat hier niemand, alle zeigen stattdessen ihr Handy vor. In Schweden lässt sich heute vieles nur noch papierfrei machen. Wie die meisten Nahverkehrsbetriebe ersetzte die Stockholmer U-Bahn Papiertickets schon vor Jahren mit aufladbaren Plastikkarten.

Für eine wachsende Anzahl von ZukunftsenthusiastInnen ist all das aber schon Schnee von gestern. Um den Alltag noch reibungsloser zu gestalten, haben sich Tausende von SchwedInnen in den letzten Jahren RFID-Chips in die Hand operieren lassen, um damit Plastikkarten und Schlüssel zu ersetzen. Auch die Schwedische Bahn (SJ) bietet PassagierInnen die Möglichkeit, ihr Ticket mit einem implantierten Chip vorzuweisen. Mit dem Diensthandy kann die Schaffnerin im Schnellzug nicht nur die Bildschirme der Passagiere, sondern auch deren Implantate scannen.

«Initiiert haben wir dieses Pilotprojekt im Mai 2017. Inzwischen haben etwa 3000 Menschen die entsprechende App, und circa 150 Reisende fahren monatlich mit Implantaten», erklärt SJ-Sprecher Stephan Ray. Wie viele ImplantatsträgerInnen es inzwischen landesweit gibt, ist nicht bekannt – in Fachkreisen spricht man von rund 6000. Das, was die SJ anbietet, ist nicht das Implantat selbst, sondern nur die Möglichkeit, die persönliche Bahn-Card-Nummer darauf zu speichern, die dann beim Scannen des E-Tickets abgerufen wird. Laut Ray kam der Impuls zur Einführung der Chiptechnologie von KundInnen, die schon ein Implantat hatten und dieses auch zum Zugfahren nutzen wollten. Nicht nur die SJ setzt auf die RFID-Implantate: Bei einer Reihe von Firmen – etwa der schwedischen Tochterfirma des Reisekonzerns Tui – nutzen die Angestellten Implantate, um im Büro Türen zu öffnen und den Kopierer zu bedienen.

Der Körper als «wetware»

Die Nachfrage nach dem Implantat kommt vor allem aus der aktiven schwedischen Biohackerszene. Die weltweite Bewegung avantgardistischer Erfinderinnen, Künstler und Theoretikerinnen ist in den letzten Jahren entstanden. Während die klassische Hackerkultur seit Beginn des digitalen Zeitalters die Grenzen des softwaretechnisch Machbaren erforscht, konzentriert sich die noch junge Biohackerkultur auf das Potenzial für die Optimierung des menschlichen Körpers – in der Szene «wetware» genannt.

Laut Moa Petersen, Dozentin für Digitale Kultur an der Universität Lund, unterscheidet sich die schwedische Szene von BiohackerInnen anderswo: «Die globale Biohackerbewegung ist ideologisch und interessensmässig fragmentiert», sagt Petersen. «Als die Bewegung 2015 Schweden erreichte, setzte sich hierzulande die sogenannte transhumanistische Strömung durch. Ihr Ziel ist es, den menschlichen Körper – und auf lange Sicht die gesamte Spezies – mithilfe von Technologie zu perfektionieren.»

Für dieses evolutionspolitische Utopieprojekt sind Chipimplantate von zentraler symbolischer Bedeutung. Dabei geben viele TranshumanistInnen zu, dass die heutigen Chips im Grunde nichts anderes als einoperierte EC-Karten und somit technisch an sich kein grosser Wurf sind. «Chipimplantate sind aber eine Manifestation der transhumanistischen Ideologie. Ein lang ersehnter, erster Schritt in Richtung einer radikalen Veränderung», so Petersen.

«Scannen ist superleicht»

Die Begeisterung, mit der die schwedischen BiohackerInnen den Implantattrend vorantreiben, zeigt, wie sehr sich die Szene politisch von der klassischen Hackerkultur unterscheidet. Während beide Subkulturen eine Leidenschaft für den technologischen Fortschritt teilen, haben die ImplantatenthusiastInnen nicht unbedingt dieselbe freiheitliche Grundeinstellung, die in der traditionellen Hackerszene verbreitet ist.

Peter Sunde Kolmisoppi, Netzaktivist und Mitgründer der Filesharing-Seite «Pirate Bay», hält wenig vom Implantattrend: «Ich verstehe nicht, wer so was haben will», sagt er über eine abhörsichere Leitung von einem unbekannten Ort aus. Das Argument, dass Implantate verglichen mit Smartphones sicherheitstechnisch harmlos seien, überzeugt ihn nicht. Für ihn sind die praktischen Vorteile der Implantate minimal – die Risiken dafür bedeutend. «RFID-Chips zu scannen, ist superleicht. Geht man mit einem ausreichend starken Scanner im Rucksack durch einen Bus, kann man problemlos die Namen, Adressen, Telefon- und Kontonummern von den Bibliotheks-, Bus- und sonstigen Chipkarten der Fahrgäste ziehen.» Die Implantate seien genauso angreifbar – nur dass man sie eben nicht ablegen kann.

Die Tatsache, dass die schwedische Biohackerszene in dieser Hinsicht so sorglos und gleichzeitig so einflussreich ist, überrascht Sunde Kolmisoppi nicht: «Man geht in Schweden leichtfertig mit dieser Problematik um.» SJ-Sprecher Stephan Ray dagegen, der selbst auch ein Implantat trägt, hofft schon auf die nächste Chipgeneration: «Toll wäre ein Chip, der mir Updates zu meinem Gesundheitsstatus gibt.»

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