Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Verhängnisvolle Rohstoffkredite

Falls die G20 überhaupt für etwas gut sind, dann in der Bewältigung von Finanzkrisen. In Afrika spürt man davon wenig.

Von Markus Spörndli, Nairobi

Das diesjährige Gipfeltreffen der G20 – gemäss Eigenbeschreibung eine Gruppe von neunzehn «systemrelevanten Industrie- und Entwicklungsländern» sowie der Europäischen Union – war auch diesmal eine hermetisch abgeschirmte Versammlung der Mächtigsten. Wie bereits letztes Jahr in Hamburg sorgte in den vergangenen Tagen in Buenos Aires ein riesiges Polizeiaufgebot dafür, dass die offiziellen Gäste nichts von den Protesten gegen den Gipfel mitbekommen mussten.

Von Afrika aus betrachtet scheinen die alljährlichen G20-Treffen auch in anderer Hinsicht abgeriegelt. Denn von den 55 Staaten des Kontinents ist nur gerade die Republik Südafrika in den Klub der Mächtigen aufgenommen worden. Im Vergleich zu Amerika und Eurasien ist Afrika extrem untervertreten.

Wenn das Ziel der G20 gemäss Selbsterklärung sein soll, eine – im Vergleich zu den früher dominanten G7 – bessere Repräsentation der Staatenwelt zu erreichen und bei den Versammlungen «Kernthemen der Weltwirtschaft zu diskutieren», dann ist es schon merkwürdig, wenn kontinentale Riesen wie Nigeria oder Ägypten aussen vor bleiben. Gemäss Uno-Prognose wird Nigeria innert dreissig Jahren die USA vom dritten Platz der bevölkerungsreichsten Länder verdrängen; Ende dieses Jahrhunderts dürfte ein Drittel der Menschheit auf dem afrikanischen Kontinent leben.

Ist China schuld?

So oder so sind die AfrikanerInnen derzeit besonders stark von gewissen «Kernthemen der Weltwirtschaft» betroffen. Gerade rollt eine Schuldenwelle über den Kontinent. Laut Internationalem Währungsfonds steckten zum Zeitpunkt des G20-Gipfels bereits acht afrikanische Staaten in einer Schuldenkrise – das heisst, die Regierungen können die Kredite nicht mehr zu den vereinbarten Bedingungen und in den vorgesehenen Fristen zurückzahlen. Zehn weitere Länder sind von einer solchen Krise bedroht.

Ein entscheidender Grund dafür liegt darin, dass seit 2008 die Kreditvergabe auf dem Kontinent dramatisch angestiegen ist. Manche sehen China – das auf dem halben Kontinent riesige Infrastrukturvorhaben finanziert hat – als den Hauptschuldigen. Doch die Volksrepublik hat etwa in Angola oder Kongo-Brazzaville bereits die Konditionen für die Begleichung der Schulden entschärft.

Gewinne für Glencore

Eine Studie der britischen Hilfsorganisation Jubilee Debt Campaign zeigt zudem auf, dass China zwar ein wichtiger Kreditgeber in Afrika geworden ist, die meisten Schulden aber weiterhin gegenüber multilateralen Institutionen wie der Weltbank und gegenüber privaten Kreditgebern bestehen. Und Letztere verlangen besonders hohe Zinsen: Obwohl sie «nur» 32 Prozent der afrikanischen Auslandsschulden halten, gehen 55 Prozent der Zins- und Schuldrückzahlungen auf ihre Konten.

Weniger bekannt als Chinas Infrastrukturfinanzierungen ist der zunehmende Einfluss grosser Rohstoffhandelsunternehmen im afrikanischen Kreditgeschäft. Gunvor, Trafigura, Vitol und besonders der in der Schweiz ansässige Branchenprimus Glencore vergeben Kredite im grossen Stil, um sich den Zugang zu Erdöl und anderen Rohstoffen zu sichern – und um einen ordentlichen Zinsgewinn einzufahren. Diese Kredite sind über die Bodenschätze abgesichert, die im Land abgebaut werden. Wenn die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt sinken, geraten die Regierungen in die Schuldenfalle. Genau das ist in letzter Zeit passiert.

So verwundert es nicht, dass praktisch nur Staaten in einer Schuldenkrise stecken, deren Wirtschaft einseitig auf die Gewinnung und den Export von Bodenschätzen ausgerichtet ist: Kongo-Brazzaville etwa sowie Sambia, Moçambique oder der Tschad.

Was hat das mit den G20 zu tun? Ziemlich viel. Immerhin wurde der Klub Ende der neunziger Jahre als Reaktion auf die Welle an Schuldenkrisen gegründet, die damals auf Mexiko, Russland und einige Schwellenländer in Asien übergeschwappt war.

Nun wäre die Zeit gekommen, dass die G20 ihre Kernkompetenz in Afrika ausspielen. Wenn Rohstoffgiganten wie Glencore in intransparenter Weise riesige Summen einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen, ist das nicht nur ein Problem der Verschuldung. Die rohstoffbasierte Kreditvergabe steht meist auch im Widerspruch zu den Entwicklungszielen der Länder und multilateraler Geldgeber. Wie dies zu regulieren wäre, müsste dringend Thema sein in der Gruppe der «systemrelevanten Industrie- und Entwicklungsländer». Mit angemessener afrikanischer Beteiligung hiesse sie dann vielleicht G25.

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