Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Total paranoid?

Von Franziska Meister

«Ich bin der verhassteste Mensch im hiesigen Internet. (…) Mein durchgestrichenes oder blutiges Gesicht verbreitet sich in den sozialen Netzwerken mit dem Tempo von zehntausend Hates pro Stunde (…), ergänzt um Aussagen, die ich nie getätigt habe. Wer würde das auch überprüfen?» Mit wenigen gehetzten Sätzen etabliert der slowakische Journalist und Schriftsteller Michal Hvorecky auf den ersten Seiten von «Troll» den Grundton des Romans. Skizziert wird damit auch gleich die technoid-totalitäre Gesellschaft, durch die sich sein namenloser Protagonist quält. Es ist eine Welt im Osten Europas, nach dem «Hybridkrieg» regiert das «Reich» – seine Agenten hocken in Trollfabriken und verbreiten täglich Lügen und Hass. Gemeinsam mit Johanna, mit der er eine prekäre Gesundheit und die Liebe zur russischen Literatur teilt, will der Ich-Erzähler sich wehren. Bloss: Weshalb heuern die beiden dazu ausgerechnet in einer Trollfabrik an?

Dieses Milieu, die Figuren, die es bevölkern, und die tägliche Arbeit darin stehen im Zentrum der Geschichte: Eine politisch nicht mehr zu verortende Truppe von Esoterikerinnen, Internetjunkies und Durchgeknallten kreiert Dutzende von Fake-Identitäten im Netz und entfaltet so ein perverses Spiel mit Lüge und Wahrheit, das sich vorab gegen die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft wendet: Roma und Schwule, Juden und «die hundertdreissig Muslime hierzulande», Feministinnen und Intellektuelle. Wäre die Geschichte real, würde man sie als sozialanthropologische Studie bezeichnen. Wobei Hvorecky unlängst in einem Interview auf «Spiegel Online» behauptete: «Es ist schon jetzt Realität (…). Aktuell sitzen in den Botschaften Russlands in Prag und Bratislava zahlreiche Agenten, die sich Trolle mieten, Hunderte Fake-Profile erstellen, erfundene News senden, falsche Webseiten aufbauen und manipulative Inhalte viral verbreiten.»

Jetzt bloss nicht paranoid werden. Der Roman findet nach einer Serie an (ziemlich vorhersehbaren) Twists zu einem einigermassen fantasielosen Ende.

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