Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Kühlschränke für die Weltrevolution

Die trotzkistische Bewegung war in der Schweiz marginal, dennoch hinterliess sie historische Spuren. Ihnen folgt der aktuelle Band der jungen Zürcher Hochschulzeitschrift «Æther».

Von Tim Rüdiger

Ein Hoch auf die kühlende Kraft des Trotzkismus: Der Unternehmer Hans Stierlin in den sechziger Jahren in seiner Kühlschrankfabrik Sibir. Foto: Nachlass Stierlin 213, Archiv für Zeitgeschichte

«Volkskühlschrank» hiess das geräuschlose, kleine und besonders günstige Modell, das die ArbeiterInnen der Sibir Kühlapparate GmbH in Schlieren in den fünfziger Jahren am Fliessband produzierten. Doch genannt hat den Verkaufsschlager kaum jemand so, und «Sibir» wurde bald synonym zu «Kühlschrank» verwendet. Ein solcher war in Schweizer Haushalten fortan kein Luxusgut mehr, sondern Standard. Weniger verbreitet war, dass Hans Stierlin, der Patron des Unternehmens, mehr im Sinn hatte als eine Revolution des Konsumverhaltens: Schon als Kind träumte er davon, «eine riesengrosse, für das Wohl der Arbeiter sorgende Fabrik» zu gründen. Stierlin war überzeugter Trotzkist.

Unter dem Titel «Archive des Aktivismus» widmet sich nun der zweite Band der jungen Zürcher Hochschulzeitschrift «Æther» den Aktivitäten der Deutschschweizer TrotzkistInnen zur Zeit des Kalten Kriegs. Die Bewegung war hierzulande marginal, doch der Band zeigt auf, dass sie nicht wirkungslos blieb. Wo die AutorInnen mit bisher unerschlossenen Nachlässen arbeiten, treten hinter der schreib- und theoriewütigen Bewegung einzelne Biografien hervor. Besonders erhellend sind die Beiträge, die den TrotzkistInnen über die Landesgrenzen hinaus folgen.

Handgreifliche Solidarität

Obwohl sich die TrotzkistInnen nicht nur von der Sozialdemokratie, sondern auch vehement von den Zuständen in der Sowjetunion abgrenzten, war offenes Engagement zur Zeit des Antikommunismus für sie nicht ohne Angst vor Repression oder Statusverlust möglich. Der Unternehmer Stierlin war besonders vorsichtig. In seinem Nachlass zeugt nicht viel mehr als ein aufgehobener Maibändel von seinem politischen Engagement – und dies, obwohl ihm die trotzkistischen Treffen dienstagnachmittags «heilig» waren. Sein lückenhaftes Archiv offenbart aber auch ungeahnte politische Ausdrucksformen. So weigerte Stierlin sich etwa, mit der Sibir einem Gesamtarbeitsvertrag beizutreten, weil ihm die Gewerkschaften zu rechts waren: «Ich brauche keine Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften. Ich bin selbst ein Linker», soll er 1978 einem Funktionär gesagt haben.

Wo es bei Stierlin an politischer Selbstverortung fehlt, ist sie andernorts im Übermass vorhanden. Mit viel Leidenschaft produzierten die AktivistInnen marxistische Analysen. Der Blick richtete sich stets auf das grosse Ganze: die Vereinigung des Proletariats, den Kampf gegen den globalen Imperialismus, die Weltrevolution. Einerseits bot diese Flughöhe viel Risiko für Frustration, andererseits liessen sich die TrotzkistInnen von politischen Kämpfen in anderen Ländern inspirieren.

In der Hoffnung auf eine Revolution der kolonisierten Völker nahmen sie in den fünfziger Jahren die «Dezentrierung Europas» vorweg, die für die Dritte-Welt-Bewegung später zentral wurde; die antikolonialen Bewegungen waren, entgegen früheren marxistischen Überzeugungen, nicht bloss «Hilfstruppen» für die Revolution im Westen. Handgreiflich war diese Solidarität während des Algerienkriegs: Schweizer TrotzkistInnen organisierten Hilfsgütersendungen und boten algerischen AktivistInnen Unterkünfte und finanzielle Unterstützung. Eine weitere globalhistorische Episode des Schweizer Trotzkismus dreht sich um den späteren SP-Sicherheitsexperten Heinrich Buchbinder. Als Teil der «Bewegung gegen die atomare Aufrüstung» war er massgeblich an den Vor- und Nachbereitungen einer von den «Blockfreien» geprägten Konferenz gegen Atomwaffen 1962 in Accra beteiligt.

Die Revolution blieb männlich

Die Beiträge des «Æther»-Bandes beleuchten auch die blinden Flecken des Trotzkismus. So erschwerte der Stellenwert der marxistischen Analyse die Wahrnehmung von sozialen Positionen jenseits des klassischen Klassenkampfs, etwa während der Debatte um die «Überfremdungsinitiative» 1970. Obwohl sie mit Eifer gegen die Initiative anschrieben, begriffen die TrotzkistInnen die MigrantInnen primär als Teil der Arbeiterklasse, damit blieb die Beschäftigung mit ihrer spezifischen Lebensrealität auf der Strecke.

Bei der Positionierung gegenüber der neuen Frauenbewegung in den siebziger Jahren fiel die Theoriefixierung gleich mehrfach ins Gewicht. Zwar setzten sich die TrotzkistInnen aktiv für das Recht auf Abtreibung und für die Mutterschutzinitiative ein. Durch eine aggressiv propagierte Unterordnung des Feminismus unter ihre «Einheitspolitik» drohten sie jedoch Bündnisse wie die «Organisation für die Sache der Frauen» (Ofra) zu spalten. Intern wurden «ungemischte Frauenzellen» nach kurzer Zeit wieder aufgelöst, weil es in einer «revolutionär-marxistischen Organisation» keinen solchen «inneren Widerspruch» geben könne. Gleichzeitig wurden einzelne Frauen, die sich über ungleiche Rollenverteilungen und mangelndes Mitspracherecht innerhalb der Partei beklagten, zum Schweigen gebracht. Das Argument: Sie seien «theoretisch noch zu wenig geschult».

Der Umstand der männlich dominierten Archive wird zwar von den mehrheitlich männlichen AutorInnen kritisch reflektiert. Dennoch irritiert es, wenn die Beschäftigung mit einer historisch «offensichtlich marginalen» linken Bewegung einmal mehr Männerbiografien hervorbringt und kaum Frauen namentlich erwähnt werden. Hoffentlich sind die Archive noch nicht ausgeschöpft.

Die Texte sind auch digital publiziert unter: aether.ethz.ch/ausgabe/archive-des-aktivismus

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