Nr. 50/2018 vom 13.12.2018

Sie erkennen sich an ihren Narben

In «Shoplifters» entwirft Hirokazu Koreeda eine sehr eigenartige Gemeinschaft von Randständigen. Mit seinem neuen Film hat der grosse Humanist endlich die Goldene Palme in Cannes gewonnen.

Von Lukas Foerster

Noch nicht verstrickt im Netz der Verpflichtungen: Miyu Sasaki und Kairi Jo als Wahlgeschwister in Hirokazu Koreedas «Shoplifters». Still: Cineworx

Das erste Mal sehen wir Yuri (Miyu Sasaki) durch einen engen Spalt. Die Kamera blickt durch eine Lücke in einer Balkonverkleidung, dahinter sitzt das Mädchen und schaut mit einem traurigen, fragenden Gesichtsausdruck zu Osamu (Lily Franky) und Shota (Kairi Jo) zurück, die wir zu diesem Zeitpunkt noch für Vater und Sohn halten. Gleich eine Szene später sitzt Yuri in einem anderen Zimmer, zwischen Osamu, Shota und einer Reihe weiterer Figuren, wie die Mitglieder einer Grossfamilie. Doch nach und nach stellt sich heraus, dass in dem Haushalt, um den sich in Hirokazu Koreedas neuem Film «Shoplifters» fast alles dreht, kaum jemand miteinander blutsverwandt ist.

Die winzige Bruchbude ist eher ein Verschlag als ein Haus, offiziell wohnt darin nur eine ältere Frau. Ihre mickrige Pension teilt sie allerdings mit einer Reihe von MitbewohnerInnen, die sich ihrerseits eher schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs oder Ladendiebstählen über Wasser halten. Die zwischenmenschlichen Arrangements, aus denen sich diese Situation ergeben hat, werden bis zum Schluss nicht ganz geklärt. Es scheint sich um eine Mischung aus Zuneigung, Pragmatismus und – das wird freilich erst im Lauf der Zeit klar – Ausbeutung zu handeln. Um eine geteilte Erfahrung der Aussenseiterschaft jedenfalls, um eine Gruppe von Menschen, die sich, wie in einer der schönsten Szenen des Films zu sehen, gegenseitig an ihren Narben erkennen.

Die Rücksicht der Kamera

Nun sitzt also auch Yuri in diesem bis an die Decke mit allem möglichen Kram vollgestellten kleinen Zimmer, in dem sich fast das komplette private Leben dieser eigenartigen Gemeinschaft abspielt. Auch hier bleibt sie oft für sich, leise und aufmerksam und zumeist sitzend ihre Umgebung beobachtend, auch hier hat sie oft nicht mehr als einen Spalt oder eine provisorisch freigeräumte kleine Ecke irgendwo im Bildhintergrund für sich selbst. Aber immerhin ist sie hier Teil einer Gemeinschaft, die sich auf engstem Raum zu arrangieren versteht. Das ist auch eine Frage der filmischen Organisation: Wieder und wieder gelingt es Koreeda, den Schauplatz neu und überraschend in Szene zu setzen, immer wieder ringt er der ärmlichen Behausung neue Ansichten ab, die, das ist das eigentliche Wunder dieses Films, nie klaustrophobisch oder «zugemüllt» wirken. Man könnte auch sagen: Die Kamera ist genauso rücksichtsvoll und aufmerksam, wie die Figuren es sind.

Tatsächlich mag es ein wenig irritieren, wie konfliktfrei das Miteinander im Inneren des doch irgendwie familiären Zirkels lange bleibt. Die Gemeinschaftsszenen grenzen teils fast ans Utopische, vor allem während eines Ausflugs an den Strand, und stehen so in krassem Gegensatz zu den harschen Erfahrungen, die die Figuren machen, wenn sie sich der ökonomischen Realität ausserhalb der eigenen vier Wände stellen müssen. «Shoplifters» ist auch ein Film über die Rückseite des (ohnehin längst nicht mehr allzu) saturierten Hightechjapans, über die Abgehängten, die oft nur durch einen blossen Zufall aus dem System herausgeflogen sind und sich jetzt als Tagelöhner ohne Versicherungsschutz auf Baustellen oder als Sexarbeiterinnen durchschlagen.

Freiheit der Beobachtenden

Eine aufwühlende Wendung im letzten Drittel macht schliesslich endgültig klar, was von Anfang an als Ahnung mitschwingt: Auch im vermeintlichen Schutzraum der Wohngemeinschaft liegt vieles im Argen, jeder und jede hat hier Leichen im Keller, manchmal ganz buchstäblich. Katalysator dieser desillusionierenden Entwicklung, die die vorherigen Momente des Glücks gleichwohl nicht komplett überstreicht, ist die Beziehung der beiden Kinder. Zwar wechselt die Erzählung fliessend zwischen den verschiedenen Figuren und Handlungssträngen hin und her, als roter Faden dienen jedoch die Erlebnisse der fünfjährigen Yuri und des gut doppelt so alten Shota. Vielleicht weil die beiden, wie wir, in erster Linie Beobachtende sind und mit gewissen Freiheitsgraden ausgestattet, weil sie noch nicht komplett verstrickt sind im Netz der Verpflichtungen und materiellen Zwänge.

Koreeda, eine der wenigen bedingungslos humanistischen Stimmen im Gegenwartskino, schliesst hier an «Nobody Knows» (2004) an, seinen vielleicht schönsten Film, in dem vier von ihren Eltern verlassene Geschwister sich einen Weg durch die Welt bahnen. Auch in «Shoplifters» sind die beiden Kinder auf ihren Streifzügen durch die Nachbarschaft weitgehend auf sich allein gestellt. Shota beginnt zunächst damit, seine Wahlschwester in die Kunst und die Rituale des Ladendiebstahls einzuweihen. Aber wenn seine Lektionen zu fruchten beginnen und er beobachtet, wie Yuri, bevor sie ins Regal greift, ebenfalls die Hände aufeinanderlegt und die Däumchen kreisen lässt, keimen Zweifel in ihm auf. Auch das ist ein Wert von Gemeinschaft: Sein eigenes Verhalten zu reflektieren, lernt Shota erst, wenn er es in Yuris gespiegelt sieht.

«Shoplifters» läuft jetzt im Kino.

Bei Trigon-Film ist soeben eine DVD-Box mit fünf früheren Filmen von Hirokazu Koreeda erschienen, darunter auch «Nobody Knows» (90 Franken).

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