Nr. 50/2018 vom 13.12.2018

Wie viel Platz braucht dein Öl?

Bettina Dyttrich über irreführende Ökobilanzen von Lebensmitteln

Von Bettina Dyttrich

Eigentlich ist es ja positiv, das Interesse an Ökobilanzen. Es zeigt, dass es vielen Leuten nicht egal ist, was sie konsumieren: Welches Material für den Hausumbau schont die Umwelt? Wie viel besser ist die CO2-Bilanz, wenn ich den Zug nehme, statt zu fliegen? Was soll ich essen, Huhn oder Tofu? (Tofu.)

Das Problem ist, dass Ökobilanzen eine Objektivität suggerieren, die sie nicht haben. Besonders vertrackt ist das bei Lebensmitteln. Ökobilanzen können sinnvoll sein, wenn es um industrielle Prozesse geht, deren Input und Output man genau messen kann – und sonst nichts. Aber Landwirtschaft ist kein industrieller Prozess, und wenn man trotzdem so tut, endet es meist in Umweltzerstörung und Tierleid.

Je nachdem, welche Faktoren eine Ökobilanz berücksichtigt, kann das Resultat sehr unterschiedlich, sogar gegenteilig ausfallen. So gibt es Studien, die besagen, am ökologischsten sei Milch von mit Getreide und Soja gefütterten Hochleistungskühen. Diese Studien betrachten nur eine Messgrösse: wie viel klimaschädliches Methan die Kuh pro Liter Milch ausstösst.

Alles andere wird ausgeblendet: wie viele Pestizide das Soja abbekam, ob die Fütterung von Lebensmitteln die Ernährungssicherheit gefährdet oder dass die meisten so gefütterten Kühe nicht alt werden, man also dauernd «Ersatzrinder» aufziehen muss, die noch keine Milch geben, aber schon Methan ausstossen.

Ein anderes Beispiel: Immer wieder heisst es, Palmöl sei ökologischer als europäische Öle, weil mit Palmen auf gleich viel Fläche viel mehr Öl produziert werden könne. Das mit der Fläche stimmt: Die Ausbeute von Ölpalmen ist sehr hoch. Aber entscheidend ist etwas anderes: Ölpalmen wachsen um den Äquator, auf den gleichen Flächen wie der bedrohte tropische Regenwald. Wenn Regenwald für Ölpalmenplantagen gerodet wird, ist der Schaden enorm, ganz anders, als wenn auf einem Acker in Europa, der schon seit Jahrhunderten als Acker genutzt wird, Raps wächst. So etwas lässt sich in einer Ökobilanz schlicht nicht abbilden.

Ähnlich bei der Baumwolle: Weil Biolandbau geringere Erträge bringt, schneidet Biobaumwolle in manchen Ökobilanzen schlechter ab als konventionelle. Aber auch hier greift es viel zu kurz, nur den Flächenbedarf anzuschauen: Mit ihrem enormen Pestizid- und Wasserverbrauch hinterlassen konventionelle, meist gentechnisch veränderte Baumwollmonokulturen ausgelaugte, vergiftete Böden. Die wichtigste Frage ist nicht, wie viel Platz eine Kultur braucht, sondern ob ihr Anbau den Boden zerstört oder erhält, ob er die Umwelt vergiftet, ob er die Artenvielfalt bedroht oder fördert. Gute Landwirtschaft kann zudem wunderschöne Landschaften schaffen. Um das alles zu erfassen, genügen Rechnungen nicht. Aber vielleicht reden wir in letzter Zeit auch einfach zu viel vom Essen und zu wenig vom Verkehr. Dort ist es nämlich ganz einfach: Fliegen schadet, immer.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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