Nr. 09/2019 vom 28.02.2019

Mitten rein ins queere Getümmel

Tami T stellt mit ihrem Bubblegum-Techno die sexuelle Prüderie des Mainstreampop bloss. Ihr Debütalbum ist eine feuchte Perle des Trash-Hedonismus.

Von David Hunziker

Ungeschminkter Realismus – mit pinkfarbenem Glitzer belegt: Tami T. Foto: Julian Curico

Wenn die Person anruft, steht auf dem Handy nur: «Dumbfuck». Aber das ist keineswegs böse gemeint, ganz im Gegenteil. Denn zwischen diesen beiden geht es nicht um Intelligenz, sondern um Sex, der schön ist, weil er hirnlos ist. Sie treffen sich immer dann, wenn sie spitz ist und jene Person betrunken, und das sind sie ständig. Dann tauschen sie Körperflüssigkeiten – Schleimhaut auf Schleimhaut.

So heisst auch die blitzblanke Elektrohymne, in der diese feuchtfröhliche Geschichte erzählt wird: «Mucous Membrane». Sie findet sich auf «High Pitched and Moist», dem Debütalbum der in Berlin lebenden Künstlerin Tami T. So feucht die Schleimhäute, so klinisch zunächst der Klang dieser Musik, deren Sounds direkt aus dem Biotop des elektronischen Mainstreams vergangener Dekaden gefischt scheinen. Ist das ein postironisches Spiel mit dem Trash? Andererseits kann man auch hören, wie diese Musik über Künstlichkeit geradezu nachdenkt.

Ein Abgrund zwischen den Klängen

In «Mucous Membrane» versucht der Harmoniesynthesizer gar nicht erst, das Klavier, mit dem man ihn vergleichen könnte, getreu zu imitieren. Auch dem perlenden Glockenspiel will man den tropischen Vibe, den es verströmt, nicht recht abnehmen, wenn es plötzlich wie eine Steel Drum klingt, die sich im Finale euphorisch steigert. Und dann erst Tami Ts Stimme: Im Vocoder dauerhaft hochgepitcht und verfremdet, klingt sie wie mit pinkfarbenem Glitzer belegt.

Zwischen diesen Klängen und dem schonungslosen Realismus der Texte scheint sich ein Abgrund aufzutun. Tami T zieht uns mitten ins queere Getümmel, dicht ran an die Körper und emotionalen Dramen. Es gehört zu ihrem Konzept, anders über Sex und Liebe zu singen, als es in der Popmusik meist getan wird. Zur Abschreckung zitiert sie aus einem Megahit des Rappers Flo Rida: «Blow my whistle, baby». Songs wie dieser sind ja nicht nur sexistisch, sondern auch furchtbar prüde, weil sie den Sex in so stumpfsinnige Metaphern kleiden.

Klaviatur mit Dildo

Die Strategie, die Authentizität durch Verfremdung zu steigern, erinnert an Planningtorock, die derzeit angesagteste queere Popfigur aus Berlin. Während der Vocoder dort jedoch die Stimme auf ein ambivalentes Terrain zieht, steigert Tami T damit ihre Weiblichkeit bis ins Barbiehaft-Groteske. Um sie dann auch wieder zu brechen, etwa mit einem selbstgebauten Dildo zum Umschnallen, den sie auf der Bühne mit Schlägen traktiert, um damit Synthesizer anzusteuern. In «Princess» schwört sie dem Frau- wie dem Mannsein ab und setzt Prinzessin als eigenes Gender ein, mit dem Zusatz «Ihre Majestät».

Passagen wie diese strotzen vor Queer Pride, und auch sonst geht es auf «High Pitched and Moist» manchmal fröhlich zu. Zum Beispiel in «Face Riding», einer Hymne auf das Freiheitsgefühl in der sexuellen Unterwerfung. Auch die Sexszene, die sich in «Trans Femme Bonding» in einer Frauentoilette abspielt, schildert Tami T voller Euphorie. Doch die Feierlaune dominiert dieses Album nicht, das macht «Birthday» gleich zu Beginn klar. Die erzählende Person ist die Letzte auf ihrer eigenen Geburtstagsparty, bevor sie sich in einer trostlosen Montagnacht verliert. An den Handjob auf einer Bartoilette kann sie sich noch erinnern, nicht aber ans High danach.

Immer wieder geht es um Gewalt, in «So Afraid» um die Bedrohung von queeren Personen, in «Disgusted» um die destruktive Lust an einer missbräuchlichen Beziehung. Am stärksten ist Tami T aber dann, wenn ihre ungeschminkten Beschreibungen reichen, um Unwohlsein zu erzeugen – vor allem, wenn die Beats dazu auch noch so tanzbar sind. In «Single Right Now» beschreibt sie immer wieder die ewige Wiederkehr einer Datingtragödie: Du triffst jemanden, verliebst dich, die Person stellt sich als Arschloch heraus, dein Herz bricht, du willst jetzt Single bleiben, dann triffst du … Der Bubblegum-Techno wird mit jedem Durchgang irrer, die Stimme hebt sich bis zur völligen Verzweiflung und spaltet sich in einen paranoiden Chor auf. Das letzte, verängstigte «right now» klingt ohne musikalische Begleitung wie die Einsamkeit selbst.

Keine Lust auf die Flöte

Hier gibt es also alle möglichen emotionalen Echoräume, vom Safe Space bis zur mentalen Geisterbahn. Kommerzielle Popsongs, heisst es auf dem Album einmal, würden plötzlich Sinn ergeben, wenn man ein gebrochenes Herz habe: Pop ist wesentlich unvollständig, wird von denen weitergeschrieben, die ihn hören. In dem Sinne, dass Tami T sich Kommerzsounds in DIY-Manier aneignet und dazu für Menschen singt, die nicht auf Flo Ridas Flöte spielen mögen, ist ihr Pop auch ein ehrenwertes inklusives Projekt.

Aber die Inklusion funktioniert eben auch in der Gegenrichtung: Wir bewegen uns hier ja innerhalb der Avantgarde des queeren Pop – darum hat auch gar niemand gemerkt, dass wir gerade ungestört zu einer wunderbaren EDM-Hymne nach der anderen tanzen.

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