Nr. 51/2018 vom 20.12.2018

Noch eine letzte Lore aus dem Förderschacht

Ende 2018 läuft in Deutschland die Subventionierung der Steinkohleförderung aus. Nun wird auch in Ibbenbüren, einem der letzten zwei deutschen Steinkohlebergwerke, der Betrieb eingestellt. Der Industriezweig, der eine ganze Region geprägt hat, landet im Museum.

Von Raphael Albisser, Ibbenbüren

Schluss nach 500 Jahren: Mitglieder eines Bergmannsorchesters an der symbolischen letzten Kohle aus der Zeche Ibbenbüren. Foto: Bernd Thissen, Keystone

Pünktlich zum Pressetermin um 14 Uhr läutet noch einmal die Schachtglocke. Schwere Stahlseile setzen sich lautlos in Bewegung, um gleich wieder abrupt zum Stillstand zu kommen. Fast schon andächtig öffnet ein Bergmann in strahlend weisser Arbeitsuniform das vergitterte Tor des Grubenschachts, aus dem seine Kollegen einen grauen, bis zum Rand mit glitzernden Kohlestücken gefüllten Wagen herausschieben. Das Blitzlichtgewitter geht los: Da ist es, «das letzte Fördergefäss», nach dem der heutige Anlass benannt ist. Es ist der 4.  Dezember, der Tag der heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Als eines der zwei allerletzten deutschen Steinkohlebergwerke stellt das Ibbenbürener Revier im Tecklenburger Land im nördlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens (NRW) hochoffiziell den Betrieb ein. In Bottrop im Ruhrgebiet steht der Festakt an diesem Freitag bevor.

Die Zeremonie in Ibbenbüren, draussen im kühlen Betriebsmittellager, ist knapp gehalten. Heute sei «ein sehr schwerer Tag», sagt Heinz-Werner Voss, Geschäftsführungsmitglied der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH. Seinen beiden prominentesten Gästen aus der Politik schenkt er je einen schweren Kohlebrocken: Armin Laschet, dem CDU-Ministerpräsidenten von NRW, und Marc Schrameyer, dem SPD-Bürgermeister der Stadt Ibbenbüren. Man schüttelt Hände, das Blasorchester des Musikvereins Glückauf spielt, während sich einige geladene Gäste für die Medienleute zum Gruppenfoto formieren. Dann ist die Zeremonie auch schon vorüber. «Wir sehen uns gleich im warmen Zelt», sagt Voss.

«Bergbau der Superlative»

Das «letzte Fördergefäss» war bloss ein symbolischer Akt, tatsächlich abgebaut wurde die letzte Kohle bereits Mitte August. In einer Tiefe von über 1500 Metern und damit in einer der tiefsten Schachtanlagen Europas. Es sind spezielle Bedingungen, unter denen die hochwertige Ibbenbürener Anthrazitkohle mit ihrem besonders hohen Energiegehalt während fünf Jahrhunderten abgebaut wurde: Sie liegt hier nicht nur besonders tief vergraben, sondern auch in besonders dünnen Schichten. Und immer schon kämpfte man unter Tage mit schwierigen Wasser- und Gasbedingungen. Bis ganz zuletzt war ein Grossteil der Infrastruktur auf modernstem technischem Stand, weshalb sich nach Betriebsende ein Grossteil der Maschinen und Geräte zur Weiternutzung an Bergwerke im Ausland verkaufen liess.

Der Rückbau läuft noch eine Weile, etwas weniger als tausend Leute sind derzeit auf der Zeche angestellt. Ihre Zahl wird bald rapide abnehmen, bis am Ende bloss die «Ewigjobs» übrig bleiben: Das Abpumpen des Grubenwassers wird so lange nötig sein, wie hier Menschen leben. Noch stehen auch die vielen Werksgebäude, auf denen gross das jeweilige Baujahr geschrieben steht, alle aus dem letzten Jahrhundert. In den Boomjahren der Nachkriegszeit, als deutschlandweit über 600 000 Leute in mehr als 150 Bergwerken beschäftigt waren, hatten hier rund 8500 Bergleute gearbeitet. Dem Zechensterben, das ab den sechziger Jahren unter anderem aufgrund sinkender Kohlepreise auf dem Weltmarkt einsetzte, konnte sich Ibbenbüren bis zuletzt entziehen. Als die Bundesregierung 2007 das Ende der Subventionierung per Ende 2018 beschloss, bedeutete dies aber auch für die letzten Zechen das Ende.

Zwischen den alten Gemäuern hat man für den heutigen Anlass eine ganze Zeltstadt aufgebaut und darin für Hunderte Gäste einen breiten roten Teppich ausgelegt. Auf Flachbildschirmen an den Zeltwänden werden alte Schwarzweissfotografien gezeigt, auf denen Bergmänner in klassischer Grubenkleidung mit Spitzhacken posieren, die Gesichter bedeckt von Schweiss und Kohlenstaub. Dazwischen zeitgenössische Videoaufnahmen aus der Luft: ein Drohnenflug über die Zeche, zwischen Werkshallen, Türmen und Dampfwolken hindurch über die riesigen Kohlehalden, hinüber zum Kohlekraftwerk Ibbenbüren mit seinem massigen Meiler und dem riesigen Kamin.

Die Redner, die sich am Nachmittag ans Publikum wenden, sind sich einig: Man kann stolz sein – Ibbenbüren auf seine Bergleute, und die Bergleute auf all ihre Errungenschaften. In diesem «Bergbau der Superlative» hätten die schwierigen Bedingungen immer auch innovative technische Lösungen notwendig gemacht, sagt Ministerpräsident Laschet. Und die Liste der Bergmannstugenden, auf die alle Redner immer wieder verweisen, ist lang: Für ihren Mut, ihren Fleiss und ihre Ehrlichkeit werden die «Kumpel» immer wieder gelobt, für Kameradschaft, Verlässlichkeit, gegenseitiges Verantwortungsgefühl, Loyalität und Solidarität. All das dürfe mit dem Bergbau nicht einfach verschwinden, ist man sich einig, sondern solle für die Region identitätsstiftend bleiben. «Es geht um die Lebensleistung der Bergmänner», sagt Laschet. Und Klaus Effing, CDU-Landrat des Kreises Steinfurt, dankt den Bergleuten «für die schwere Arbeit, die sie letztlich für ganz Deutschland geleistet haben». Dass an diesem Nachmittag nur Männer reden, ist kein Zufall. Erst seit zehn Jahren wäre es Frauen überhaupt erlaubt gewesen, unter Tage zu arbeiten. Fast wirkt es, als würde hier nicht nur ein Industriezweig, sondern gleichzeitig auch ein verblassendes Männerbild verabschiedet.

«Unter Einsatz ihres Lebens»

Auch Harald Böhm hört sich die Reden an. Der 58-Jährige hat 34 Jahre lang auf dem «Pütt» gearbeitet, wie die Bergmänner ihr Bergwerk nennen. Vor acht Jahren ging er in den Ruhestand, mit fünfzig, wie es üblich war für jene, die unter Tage arbeiteten. Seither ist er im Vorstand des Knappenvereins Tecklenburger Land, in dem sich ehemalige Kohlearbeiter regelmässig treffen, um sich unter anderem der bergmännischen Traditionspflege zu widmen. «Die Bergleute haben diese Anerkennung verdient», findet Böhm, «denn sie haben unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit unter Tage geschuftet für das Wachstum und den Wohlstand der ganzen Republik.» Sein Knappenverein hat derzeit 346 Mitglieder, und schon das ganze Jahr habe er mit einigen von ihnen unzählige Anlässe zum Ende des Bergbaus besucht. Auch der heutige Anlass stimme ihn durchaus emotional – «aber am letzten Fördergefäss stehen dann halt nicht die Bergleute, sondern Politiker. Da denkt man sich schon seinen Teil.»

Die Partei der Bergmänner ist in NRW traditionell die SPD, die sich selbst in rot-grünen Landesregierungskoalitionen stets gegen einen Kohleausstieg stemmte. Seit den letzten Wahlen regiert Schwarz-Gelb, doch auch CDU-Ministerpräsident Laschet vermag sich als Freund der Bergmänner zu positionieren. Rhetorisch fragt er in den Saal: «Hätte man nicht noch etwas länger weitermachen können?», und erntet Applaus. Doch fügt er an, dass 2007 eben auch ein sozialpolitischer Kompromiss zwischen Politik, Betrieben und Gewerkschaften ausgehandelt worden sei, der heute kaum mehr möglich wäre. «Kein Bergmann fällt ins Bergfreie» lautete damals die Devise, und zumindest in Ibbenbüren setzte man das Ziel praktisch vollständig um. Der zehnjährige Schliessungsprozess verlief ohne Entlassungen.

Als es dunkel wird, werden draussen die ikonografischen Fördergerüste mit ihren grossen Seilscheiben von Scheinwerfern in wechselnden Farben angeleuchtet. Aus dem Kraftwerk im Hintergrund steigt weisser Rauch in den Abendhimmel. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die riesigen Kohlehalden auf dem Zechengelände aufgebraucht sind. Sobald es so weit ist, wird im Kraftwerk Importkohle vom Weltmarkt verstromt. «Ist es sozial- und umweltverträglicher, wenn die Kohle nun aus Kolumbien und von den Philippinen kommt?», fragt drinnen Armin Laschet unter dem Applaus der Zuhörenden.

Mit Umwelt- oder gar Klimaschutz hat der deutsche Ausstieg aus der Steinkohleförderung tatsächlich nicht viel zu tun. Noch immer steht die Schwarzkohle im Energiemix an dritter Stelle, gleich hinter der Windkraft. An erster Stelle steht noch immer die dreckigste aller Energiequellen, die Braunkohle, die weiterhin in riesigen Tagebauen abgegraben wird. Auf Bundesebene wird derzeit beraten, wie und vor allem wann Deutschland gänzlich von der Kohleenergie loskommen soll. Seine Haltung offenbarte Laschet diesbezüglich am 24.  Oktober, als er im rheinländischen Elsdorf an einer Demonstration gegen den Braunkohleausstieg mit 30 000 Teilnehmenden auftrat. Sie würden «für eine gute Sache» einstehen, sagte er den DemonstrantInnen, «und deshalb bin ich hier.» Veranstalterin war die Industriegewerkschaft IG BCE gewesen, und deren Vorsitzender, Michael Vassiliadis, hält heute in Ibbenbüren ebenfalls eine Rede. «Ja, wir sehen die Herausforderungen des globalen Klimawandels», sagt er. «Aber nein, es wird nicht hier entschieden, ob die Welt ihre Klimaschutzziele erreicht.» Die IG BCE ist unter den Bergleuten in Ibbenbüren stark: Man habe hier zeitweise einen Organisationsgrad von über hundert Prozent gehabt, scherzt Vassiliadis, «weil sich einige Kumpel nach der Pensionierung nicht umgetragen haben».

Ab ins Museum

«Wir sind eigentlich bereits durch den Strukturwandel durch», sagt Bürgermeister Marc Schrameyer in seinem Büro im ersten Stock des Rathauses. Während auf dem Bergwerk in den letzten dreissig Jahren etwa 3500 Jobs verloren gegangen seien, seien in der ganzen Stadt mit ihren gut 50 000 EinwohnerInnen rund 13 000 neue hinzugekommen. Der 43-jährige SPD-Mann findet, dass seine Partei das Thema Klimaschutz verschenkt habe, nachdem man es ursprünglich sogar mitgeprägt habe. «Dabei wäre es ein Gewinnerthema», sagt Schrameyer. So hat die Stadt vor kurzem dem Energiegrosskonzern RWE die Konzession für das Stromnetz nicht mehr erteilt, um es künftig mit eigenen Stadtwerken und erneuerbarer Energie zu betreiben. RWE gehört auch das Kohlekraftwerk auf dem Hügel, das im Verlauf der nächsten zehn Jahre abgeschaltet werden dürfte. «Sobald es dort oben vorbei ist, haben wir ausgehandelt, werden sie uns auf den Gleisen der Zechenbahn einen schicken Radweg durch die ganze Stadt bauen müssen.» Und auf dem Zechengelände soll in naher Zukunft ein grünes Innovationszentrum für den Bereich Energie entstehen.

Unter den vielen Unternehmen, die in der Stadt praktisch für Vollbeschäftigung sorgen, seien auch «Hidden Champions», wie Schrameyer sie nennt: zum Beispiel ein Automobilzulieferer, der alle grossen Automodelle des Luxussegments mit verchromten Kunststoffteilen ausstattet, oder eine Firma, die mit ihrem Spezialklebstoff für Wellkarton zum Weltmarktführer geworden ist – «und das in Zeiten von Amazon und Co.», sagt Schrameyer. Luxusautos und Paketlieferdienst: Während die Kohleindustrie die Grundlage für Wachstum und Wohlstand bildete, scheint Ibbenbüren jetzt deren Früchte zu ernten.

Wie ein Wahrzeichen thront derweil das weitläufige Zechengelände mit dem Kohlekraftwerk auf einem Hügel, vor dem sich Ibbenbüren ausbreitet. In der Stadt, in der früher fast alle Familien irgendwie mit dem Bergbau verbunden waren, hat sich dieser schon länger aus dem Alltag zurückgezogen. Im Jahr des Abschieds findet man ihn im Museum: «Schicht im Schacht. Das letzte Hemd, die letzte Kohle» heisst eine kleine Ausstellung im Stadtzentrum. Ein lokaler Künstler hat Kunstwerke aus alten Maschinenbauteilen und zerschnittenen Förderbändern erstellt. Auf einer Leinwand ist ein Bergmannshemd aufgespannt, übermalt mit tiefschwarzer Farbe. Als stammte es aus einer längst vergangenen Zeit.

Am 13.  Dezember, neun Tage nach dem zeremoniellen Abschied vom Bergwerk, ist in der Zeche Ibbenbüren ein 29-jähriger Mechaniker tödlich verunglückt.

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