Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Wenig extrem

Michelle Steinbeck trinkt Fiji Water und freut sich auf den Winter

Von Michelle Steinbeck

Alles ist gut geworden und die Natur kehrt zurück. An den Ufern der Schweizer Seen und Flüsse tummeln sich noch bleiche Körper, aalen sich auf warmem Stein. Ein ergreifendes Naturschauspiel: In der summenden Masse gehen die Herzen auf und leuchten wie Aperol Spritz im Sonnenuntergang. Wenn am Arm der Strandnachbarin dann noch ein Pflästerli klebt, ist das Glück perfekt.

Immer mehr Mutige wagen den Sprung ins kühle Nass. Denn jetzt gilt mehr denn je: Abhärtung. Das kennen wir noch von der Pandemie. Täglich eine verdünnte Dosis Pestizid auf die Haut, oder dreissig Sekunden damit gurgeln, das macht resilient.

Stets beliebter wird auch die Zwei-Phasen-Kur, für ein todsicheres Ergebnis. Bereits nach wenigen Anwendungen ist der Körper widerstandsfähig und borstig wie ein eidgenössischer Söldner zur Zeit des Schwabenkriegs. Warum wohl braucht Bundesrat Ueli nur eine einzige Impfdosis? Wer sich wirklich nachhaltig stärken will, löst beim Biohof des Vertrauens ein Abo fürs monatliche Güllebad. Diese Floating-Therapie gilt als sehr effektiv – fürs Demeter-Upgrade einfach ein paar Marderschädel mit in die Wanne geben. Leider werden die Kosten für vorbeugende Massnahmen von der Krankenkasse noch nicht übernommen. Aber dank der Coronazahlungen haben wir ja eh alle eine goldene Nase.

Durch die ziehen wir beim Buurezmorge geniesserisch den norwegischen Zuchtlachs mit kalifornischem Orangensaftschämpis. Santé! Nein-Nein-Extrem-Banner flattern siegesbewusst im Wind, feuchte Kälber in den Boxen rufen nach ihren Müttern. «Halt, Emma und Paul, erst wird das Nesquik getrunken und das Schinkenbrot gefressen, dann dürft ihr die herzigen Kühe streicheln.»

Diese Idylle! Wir nehmen einen Schluck Fiji Water, pulen Gülle unter den Fingernägeln hervor und freuen uns auf den Winter – die Thailandreise über Neujahr haben wir uns nach dieser harten Zeit wirklich verdient. Nicht, dass die letzten Monate nicht auch aufregend gewesen wären: Die nächtlichen Graffitisprayereien gehören nach Fasnacht-Sechseläuten-Krippenspiel-im-Goetheanum mit zu den prägendsten Momenten im Leben. BERSET MUSS WEG. Da ist ein ungekannter Schwung in der eigenen Schrift, ein Jungbrunnen diese Street Credibility, dieser Aktivismus von unten. Die müssen nicht meinen da oben.

Dabei ist die Szene auf dem Gipfel7 ganz ähnlich: Barbecue und Status quo, grosse Worte, Gülle am Schuh. «Kampf der Klimakrise», schreiben die Showjets schwungvoll an den Himmel, quittiert von höflichem Applaus. «Und den Armen helfen», ruft eine, inbrünstiges Nicken macht die Runde und beherzte Zusicherungen: Wir werden ihnen gern unsere minderwertigen Impfstoffe schicken, für einen kleinen Aufpreis und ein paar Pflegekräfte im Tausch.

Auf der Street Richtung Bauernhof flanieren derweil zwei Polizisten, in schwer philosophische Gedanken vertieft. «Weisch», sagt der eine zum andern, «weisch, me läbt nur eimal.» Kurz darauf päckeln sie Emma und Paul hinter den Kälberboxen – die kamen ihnen gleich verdächtig vor. Unter Zetermordio werden sie abgeführt, von den Erwachsenen gleichmütig hingenommen. «Wir erziehen unsere Kinder nach dem Credo: Jede macht, was er will, will jede staht dezue, was er macht.» – «Genau, und am Ende des Tages können wir auch nur sagen: Usem Lächli giz es Bächli.»

Michelle Steinbeck ist Autorin. Sie ist froh, wird alles gut.

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