Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Design allein

Bettina Dyttrich ist nicht ganz überzeugt von der «Food Revolution 5.0»

Von Bettina Dyttrich

Sie sehen aus wie Guantánamo-Häftlinge in Weiss: weisse Overalls, weisse Stiefel und Hauben, auf dem Kopf schwere Pamir-Ohrenschützer. Auch die Halle ist weiss, geplättelt, fensterlos, und an der Decke hängen tote, gerupfte Hühner. Das Foto von George Steinmetz stammt aus einer Hühnerschlachterei in Brasilien, die aussieht wie ähnliche Fabriken überall auf der Welt. Die Vorstellung, an einem solchen Ort zu arbeiten, löst Grauen aus. Die industrielle «Tierproduktion» ist nicht nur für die Tiere eine Zumutung.

Gibt es vielleicht bald einen Ausweg aus diesem Horror – wenigstens für die Hühner? Austin Stewart propagiert in seinem Werbefilm Virtual-Reality-Brillen für Mastpoulets: Sie leben im Käfig auf einer Art Laufband, die Brille gaukelt ihnen grüne Wiesen vor, wo sie picken, scharren und mit anderen Hühnern in Kontakt treten können. Das Foto und der Film sind in der Ausstellung «Food Revolution 5.0» im Winterthurer Gewerbemuseum zu sehen. Ähnlich sarkastisch wie das Virtual-Reality-Huhn sind die Fotos von Klaus Pichler: edel inszenierte Stillleben von faulen Eiern, Matscherdbeeren und vergammelten Schokoladebiskuits – Schimmel kann so schön sein.

Grob lassen sich die Ausstellungsstücke in zwei Kategorien einteilen: solche, die Probleme kommentieren, und solche, die nach Lösungen suchen. Manche tun Letzteres mit einem Augenzwinkern: Carolin Schulze stellt aus pulverisierten essbaren Insekten im 3-D-Drucker einen «falschen Hasen» her – damit weiterhin Fleisch auf den Tisch kommt, auch wenn es nicht mehr das ist, was es scheint. Was auffällt: Es sind oft die alten Lowtech-Methoden, die überzeugen – Kompostieren, Fermentieren oder der genial einfache Kühlschrank aus zwei Tonkisten, die ineinander stehen, dazwischen eine Schicht aus feuchtem Sand. Andere Ideen der Ausstellung sind utopisch bis grotesk, etwa der Versuch, mit menschlichem Speichel und Atemluft essbare Algen zu ernähren oder als Mensch-Algen-Cyborg gleich ganz unabhängig von fester Nahrung zu werden.

Trotz vieler Anregungen bleibt am Ende auch Irritation. Denn die Ausstellung stellt die ganz grossen Probleme in den Raum: Hunger, Fehlernährung, Umweltzerstörung, Konzernmacht, Food Waste. Viele versuchen, dagegen etwas zu tun: wissenschaftlich, politisch, in der täglichen Praxis. Etwa das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und ähnliche Institutionen, die Bewegung für solidarische Landwirtschaft oder die Landlosenbewegung in Brasilien. Doch weil die Ausstellung ganz auf «Design» konzentriert ist, kommen solche ExpertInnen gar nicht zu Wort, sondern viele Leute, die das Thema offensichtlich erst vor kurzem entdeckt haben. Der letzte Raum, der zum Handeln animieren soll, wirkt hilflos, völlig apolitisch, konzentriert sich auf die Rolle der Menschen als KonsumentInnen – die offensichtlich nicht ausreicht, um die erwähnten Probleme zu lösen.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

Die Ausstellung «Food Revolution 5.0» im Winterthurer Gewerbemuseum geht noch bis 28. April.

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