Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Furcht vor dem «Gottesstaat»

Von Adrian Riklin

Im Juni 2016 betrieb Gerhard Pfister wieder einmal Religionssoziologie. Damals mit der Behauptung, die Schweiz sei «ein christliches Land»: «Wer bei uns lebt, muss lernen, diese christlichen Werte anzuerkennen.» Was auch immer der CVP-Präsident unter diesen «Werten» verstanden haben will: Dass dieses Land schon immer auch von nichtchristlichen Menschen mitgeprägt wurde, hat er unterschlagen. Handkehrum scheint er im Kampf gegen Fundamentalismus vor lauter Fixierung auf den islamischen den christlichen Fundamentalismus vergessen zu haben.

Jetzt schlägt der strenge Katholik erneut die Alarmkirchenglocke. Und schon eilen die Medien mit ihren Aufnahmegeräten herbei. Laut «Tages-Anzeiger» stösst sich Pfister daran, dass sich christliche Kirchenleute in Abstimmungskämpfe einmischen.

Nun kann man sich tatsächlich fragen, ob es nicht anmassend sei, einer Nationalrätin das «Katholischsein» abzusprechen, nur weil sie Ja zur «No Billag»-Initiative sagte. Pfisters Kritik jedoch richtet sich vor allem gegen Kirchenleute, die intervenierten, als es um sehr viel direktere Angriffe auf die Menschenwürde ging: gegen den Pfarrer des Zürcher Grossmünsters etwa, der Flyer gegen die «Durchsetzungsinitiative» verteilte; oder gegen einen Generalvikar, der in den Versicherungsspionen «eine Belastung für den sozialen Zusammenhalt» sah. Das Eintreten für ein Mindestmass an Grundrechten war es, das Pfisters Glaubensfass zum Überlaufen brachte. Und nicht etwa die ebenso kirchlich verbreitete Diffamierung von Nichtheterosexuellen vor der Abstimmung über die «Ehe für alle».

So deplatziert Rufe von den Kanzeln oftmals auch klingen mögen: Von einem «Gottesstaat à la Iran», wie ihn Pfister, der Missionar einer «christlichen Schweiz», befürchtet, ist das Land weit entfernt. Viel grösser ist die Gefahr eines Unrechtsstaats, wenn Initiativen zur Abstimmung kommen, die die Menschenrechte angreifen. In solchen Momenten auch als KirchenvertreterIn die Stimme zu erheben, ist nicht mehr als ein ziviler Akt.

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