Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Wie halten wir es mit der Moral?

Der deutsche Dramaturg und Publizist Bernd Stegemann sieht die öffentliche Debatte durch angebliche Sprechverbote von links in einer «Moralfalle». Eine wirklich substanzielle Kritik, wie politische Widersprüche moralisiert werden, verfehlt er aber grandios.

Von Daniel Hackbarth

Will die Realität nüchtern betrachten: Bernd Stegemann mit Sahra Wagenknecht bei der Gründung der Sammelbewegung «Aufstehen» am 4. September 2018 in Berlin. Foto: Bernd von Jutrczenka, Keystone

Erstaunlich eigentlich, was für eine kreative Energie die fixe Idee freisetzt, die Gegenwart werde von TugendwächterInnen terrorisiert. Vom «Gutmenschen» über den «Meinungskorridor» und die «Hypermoral» bis hin zur «Gesinnungsdiktatur»: Ein ganzes Arsenal an Begriffsschöpfungen wider den grassierenden Moralismus ist in den Sprachgebrauch gesickert. Dabei bedienen sich nicht nur Rechte obsessiv dieses Vokabulars. Neben dem Kulturtheoretiker Slavoj Žižek, der lange schon mit Grenzüberschreitungen kokettiert, mehren sich linke Stimmen, die der politischen Korrektheit den Krieg erklären. Jüngster Fall: der Deutsche Bernd Stegemann.

Der Dramaturg und Publizist, der an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch lehrt, hat 2018 mit der Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht die Sammelbewegung «Aufstehen» ins Leben gerufen. Diese soll auch in der Bundesrepublik endlich den Druck auf das geschmähte «Establishment» intensivieren. Dumm nur, dass seit dem Start der Bewegung wenig von Aufstehen zu hören war – sieht man von einem unfreiwillig komischen Auftritt Wagenknechts ab, als sie in neongelber Warnweste vor dem Kanzleramt in Berlin posierte.

Offene Grenzen

Zumindest Bernd Stegemann erfährt derzeit einige mediale Resonanz. In den vergangenen Jahren hat er mit mehreren Büchern aufhorchen lassen, nicht nur zu theaterwissenschaftlichen Themen. 2017 publizierte er einen langen Essay über das Phänomen des Populismus, nun ist ein neues politisches Buch von ihm erschienen: «Die Moralfalle», ein Pamphlet, in dem er für eine «Befreiung der linken Politik» aus angeblich eingeschliffenen Denk- und Sprechmustern plädiert.

Diesen Befreiungsversuch hält Stegemann für dringend geboten, weil die «sozialen und liberalen Ideen», die lange die westlichen Gesellschaften bestimmt hätten, «immer weiter in die Defensive» geraten seien – und daran, so Stegemanns Pointe, sei vor allem die Linke schuld. Demnach liege das Problem in der dort kultivierten «Kommunikationsstrategie»: Allzu häufig verfalle man in einen schrillen moralischen Ton, weiche Kontroversen aus und verschanze sich im eigenen Milieu – mit der Folge, dass die verfochtenen Werte weiter an Boden verlören.

Stegemann will damit ein internationales Phänomen ins Visier nehmen, im Besonderen aber zielt er auf die migrationspolitische Diskussion in der deutschen Linkspartei ab. Im Kern geht es in diesem Streit um die Frage, ob die Linke tatsächlich nur denkbar ist als gesellschaftliche Kraft, die für eine Politik der offenen Grenzen kämpfen muss – oder ob es nicht auch Argumente gibt, die gegen die No-Border-Linie sprechen.

Diese Problematik geht Stegemann aber nur über einen Umweg an, und zwar deswegen, weil sie seiner Meinung nach gar nicht direkt diskutiert werden könne. Die Debatte sei derart moralisch aufgeladen, dass allein der Versuch, zwischen berechtigter und unberechtigter Einwanderung zu unterscheiden, sofort abgewürgt werde. Entscheidendes gerate dadurch aber aus dem Blick: zum einen die aus unregulierter Immigration resultierenden «Verteilungskämpfe und die Sogwirkung auf alle Elenden der Welt», zum anderen das Dilemma, «dass es mit den humanistischen Werten Europas unvereinbar ist, Menschen leiden oder gar sterben zu lassen, zugleich aber die Aufnahme aller Menschen in Not zu einer Zerstörung des humanistischen Europas führen würde» – Letzteres, weil eine solche Politik zwangsläufig rechte Parteien an die Macht brächte.

Zur konkreten Frage der offenen Grenzen äussert sich Stegemann nicht weiter. Stattdessen folgt eine ermüdende Abhandlung über die verschiedenen Facetten, in denen sich die angeblich omnipräsente Hypermoral zeigt, ohne dass der Autor sich irgendwo ernsthaft die doch naheliegende Frage vornähme, warum es gerade die Rechte ist, die sich von den politisch Korrekten derart geknechtet fühlt.

Bezeichnend ist dafür die eine Passage, in der Stegemann selbst den Einwand aufwirft, dass es sich bei der «Political Correctness» um einen rechten Kampfbegriff handeln könnte – um dann gerade in diesem Vorbehalt einen weiteren Beweis dafür zu sehen, wie wirkmächtig Sprachregulierungen seien: Man darf ja nicht einmal mehr sagen, dass es Dinge gibt, die man nicht sagen darf! Allein für diese Beweisführung sollte ein publizistischer Sonderpreis in der Kategorie «Sophismus» gestiftet werden.

Ähnlich hemdsärmelig verfährt der Autor auch an anderen Stellen, etwa wenn er Immanuel Kant mit der Bemerkung abkanzelt, dessen Philosophie sei zwar intellektuell reizvoll, bleibe aber «gegenüber der radikalen Amoral machtlos». Oder wenn er «das» postmoderne Denken erst auf die Behauptung reduziert, alles sei kontingent, nicht zwangsläufig, um dann zu triumphieren, dass ja dann wohl auch diese postmoderne Kontingenzbehauptung als willkürlich gesetzt betrachtet werden müsse.

Kurzum: Stegemann zu folgen, wie er sich an solchen Pappkameraden abarbeitet, ist müssig. Seine blutleere Argumentation ist dennoch insofern symptomatisch, als sie genau das veranschaulicht, was der Autor seinen GegnerInnen vorwirft: nämlich wie man durch das Aufbringen von Scheinproblemen den wesentlichen Fragen aus dem Weg geht. Und vermutlich gilt das nicht nur für ihn, sondern für den Furor wider die angebliche Allgegenwart von Moralaposteln insgesamt.

Das Feld kampflos räumen?

Das Problem, wie es mit der Moral zu halten ist, bleibt gleichwohl eine zentrale Frage. Stegemanns Unterstellung etwa, dass eine liberale Migrationspolitik zwangsläufig zu einem weiteren kontinentalen Rechtsruck und damit zu einem Untergang der offenen Gesellschaften Europas führen würde: Diese Überlegung läuft schlicht darauf hinaus, dass man alle eigenen politischen Initiativen preisgeben und das Feld kampflos den Reaktionären und deren Agenda überlassen müsste. Ist das nun aber ein «moralischer» Einwand? Oder nicht vielmehr ein politischer?

Auch die Behauptung, die StreiterInnen wider die Festung Europa würden sich auf abstrakte moralische Prinzipien berufen, statt nüchtern die Realität zu betrachten, ist ein Gerücht. Selbst wenn man annimmt, dass Einwanderung die Konkurrenz unter den ohnehin schon Prekären verschärft (ökonomisch dürfte die Angelegenheit komplexer sein), könnte ein Ausweg kaum darin bestehen, deswegen exklusiv für die Interessen einheimischer ArbeiterInnen zu werben. Linke Politik hat im Gegenteil immer schon versucht, Solidarität zu stiften zwischen denen, die als Einzelne übermächtigen sozialen und historischen Prozessen ausgeliefert sind – und zwar nicht deshalb, weil Linke unverbesserliche Gutmenschen wären, sondern aus der sehr handfesten Erfahrung heraus, dass gemeinsam Kämpfe gewonnen werden können, Individuen dagegen verloren sind, wenn sie gegeneinander ausgespielt werden. Das galt für den Arbeitskampf in der einzelnen Fabrik des Manchesterkapitalismus, und erst recht gilt es für die Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse einer globalisierten Wirtschaft. Auch in dieser Betrachtung hat das Politische das Primat inne – und nicht die Moral.

Keine FaschistInnen aus dem Himmel

Eine wirklich substanzielle Kritik, die die Moralisierung politischer Widersprüche problematisiert, ohne dabei die rechte Mär von der bedrohten Meinungsfreiheit zu bedienen, wäre sogar sehr wünschenswert: etwa dort, wo Krisen mit der «Gier» unersättlicher BankerInnen erklärt werden sollen, wie es ja gerade im linken Populismus à la Wagenknecht geschieht. Die Behauptung einer moralischen Fehlerhaftigkeit Einzelner verstellt in diesem Fall die Sicht auf systemische Zusammenhänge.

Analog verhält es sich mit einem verkürzten Antirassismus, der sich damit begnügt, RassistInnen moralisch zu verurteilen und sie damit als bösartige oder unterbelichtete Menschen zu entlarven. Auch FaschistInnen fallen nicht einfach vom Himmel. Deswegen muss man gewiss nicht den Dialog mit IdeologInnen suchen, deren Mission darin besteht, auf soziale Fragen völkische Antworten in Umlauf zu bringen. Dass aber gesellschaftspolitisch progressive Liberale durch ihre neoliberale Wirtschaftspolitik die Ungleichheit befördert und damit das Feld erweitert haben, das die Reaktionären nun unablässig bestellen, wird man ja wohl noch sagen dürfen.

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