Nr. 05/2019 vom 31.01.2019

Was muss sich ändern?

Von Bettina Dyttrich

Wissen hilft gegen Angst: Das ist ein zentrales Versprechen der Aufklärung. Das Licht der Vernunft soll die bedrohlichen Schatten vertreiben. Oft funktioniert das auch: wenn eine Psychotherapie Phobien heilt oder politische Bildung Verschwörungstheorien entkräftet. Aber wenn es um die Klimakatastrophe geht, hilft Wissen nicht. Im Gegenteil: Je mehr man darüber weiss, desto mehr Grund gibt es, sich zu fürchten. Denn diese Angst ist nicht irrational.

Dass sich Zehntausende Jugendliche von dieser Angst nicht lähmen lassen, ist ein grosser Erfolg. Trotzdem ist es wichtig, bereits jetzt zu fragen: Was muss geschehen, damit diese neue Bewegung etwas bewirken kann und nicht in Erschöpfung und Resignation endet?

Linksökologische Bewegungen entwickelten meistens dann viel Kraft, wenn sie einen symbolischen Ort verteidigen konnten: in der Schweiz etwa bei den Kämpfen um das geplante AKW Kaiseraugst oder den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen, in Deutschland bei der Startbahn West, beim Atommülllager Gorleben oder aktuell beim Hambacher Forst. Die Schweiz hat weder Kohle noch Autoindustrie. Zu hoffen ist, dass die Klimabewegung dennoch konkrete Ziele und Orte findet: als Etappen, um das grosse Ziel – eine Welt ohne fossile Energie – greifbarer zu machen. Dieses Ziel teilt sie mit der Gletscherinitiative, die am Erscheinungstag dieser WOZ lanciert wird. Sie ist eine wichtige Verbündete der Jugendbewegung.

Klar ist: Der Fokus auf individuellen Konsum, auf den viele Medien die Klimafrage zurzeit reduzieren, genügt nicht. Das heisst allerdings nicht, dass die Konsumfrage irrelevant wäre. Wenn alle denken: «Auf einen Flug mehr kommt es nicht an», führt das genau zu solchen verheerenden Wachstumsraten wie im letzten Jahrzehnt. Allein zwischen 2010 und 2015 haben die Flugkilometer der Schweizer KonsumentInnen pro Kopf um 57 Prozent zugenommen.

Der eigene Alltag bleibt ein wichtiges Handlungsfeld, doch noch viel wichtiger ist es, über Strukturen und Macht zu sprechen. Viele Jugendliche haben verstanden, was viele Erwachsene erfolgreich verdrängen: Unsere wachstums- und profitorientierte Wirtschaftsweise zerstört ihre eigenen Grundlagen. Der Kapitalismus ist das Problem. Diese Erkenntnis ist wichtig, aber auch sie kann zu Lähmung führen. Die Klimakatastrophe überfordert alle – die grosse Kunst besteht darin, trotz dieser Überforderung zu handeln. Sich trotzdem in der ermüdenden Umweltpolitik in Gemeinde-, Kantons- und nationalen Parlamenten zu engagieren, trotzdem kollektiv Biogemüse anzubauen, Zug zu fahren statt zu fliegen, Unverpackt-Läden zu eröffnen, Kohlegruben zu besetzen – im Wissen, dass das alles nicht reicht. Genauso schwierig und wichtig: die grosse Klimaschuld der reichen Länder nüchtern und ehrlich anzuerkennen, ohne deswegen in Selbsthass zu verfallen.

Es geht nicht nur um das «Was tun?», sondern vor allem auch um das Wie: Solidarische Bewegungen nehmen ein Stück der Welt vorweg, die sie schaffen wollen. Ein schönes Beispiel ist die Klimabewegung Ende Gelände in Deutschland, die enormen Wert auf horizontale Strukturen, breite Beteiligung und eine sorgfältige Kommunikation untereinander legt, in der Mackertum keinen Platz hat. Was Menschen in Bewegungen lernen, hat einen Wert an sich, unabhängig davon, ob die Bewegung «gewinnt».

Denn die unmittelbarsten Gefahren der Klimakatastrophe sind nicht die Temperaturen. Es ist der Zynismus, der sich in den hämischen Kommentaren jener zeigt, die sich freuen, wenn ein Flüchtlingsboot untergeht. Die Gefahr ist real, dass sich totalitäre, rassistische und frauenfeindliche Tendenzen verstärken, wenn die Klimakatastrophe auch in den reichen Ländern noch spürbarer wird. Die Erfahrungen in einer grossen, solidarischen Bewegung sind aktive Immunisierung gegen die zerstörerische Ideologie des «Ich zuerst».

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