Nr. 05/2019 vom 31.01.2019

Alte Sounds, neue Musik

Von Tobi Müller

Ringenwalde liegt etwas mehr als eine Stunde nordöstlich von Berlin. In der heissesten Woche des Rekordsommers 2018 hat die Band Die Türen dort in einem alten Festsaal ein sehr langes Album aufgenommen. Ungefähr zwei Stunden lang ruckelt und gleitet es auf «den Schienen der Vergangenheit» in die Gegenwart der Krautrockrenaissance, wie der Sänger Maurice Summen in «Regionalexpress» offenbart.

Der Titel verschiebt die betont internationale Sehnsucht des Kraftwerk-Klassikers «Trans Europa Express» halbironisch ins Ländliche. Damit docken Die Türen an den Krautrock der alten Bundesrepublik an, besonders an Can, die in den siebziger Jahren auf dem Land südlich von Köln die erste deutsche Popmusik schufen, die nicht wie die angelsächsischen Vorbilder klang. Can waren experimentell, hippiesk, elektronisch. Und die Bänder der langen Sessions wurden im Nachhinein aufwendig geschnitten und montiert.

Auch Die Türen haben wohl mehr Zeit in den mittlerweile digitalen Schnitt gesteckt als in die extrem produktive Woche auf dem Land. Die eine Hälfte klingt, als hätten die lichtverseuchten Städter endlos in den ländlichen Nachthimmel geschaut. Andreas Spechtl, ehemals von der Gruppe Ja, Panik, spielt nicht die höhenlastige Post-Punk-Gitarre wie einst, sondern prägt den Bandsound nun mit analogen Synthesizern. Mit dem Bassisten Ramin Bijan teilt er sich die hallgesättigte Produktion, die die Höhe des Raumes mit abbildet.

Und doch frönen Die Türen ihrer Liebe zu Pop-Sternschnuppen, etwa in «Miete, Strom, Gas». Wenn Summen singt, ist die Hitze des Souls spürbar, lustig auf «Oma», das bei ihm klingt wie ein US-amerikanisches «Woman». Am schönsten sind die Synthesen aus Kraut und Pop, wie das dreizehnminütige «Lieber Gott», wenn der scheinbar verpeilte Jam klare Konturen kriegt. Das liegt zum einen an den alten Synthis, die spontan kaum zu steuern sind, sie brauchen Struktur. Und zum andern liegt es, wie schon im historischen Krautrock, an einem famosen Drummer. Bei Can war es Jaki Liebezeit, bei den Türen ist es der klischeefreie, obercoole wie superoffene Schlagzeuger Chris Imler.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch