Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Ein Land erwacht aus der Erstarrung

Der kalte Krieg mit Äthiopien ist vorbei. Die Hoffnung auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen in Eritrea ist gross. Ebenso aber auch die Skepsis, ob das Regime dazu auch wirklich willens und fähig ist.

Von Armin Köhli (Text) und Meinrad Schade (Fotos), Asmara

«Es ist ein Wunder», hören wir immer wieder in Eritrea. Selbst ein hoher Würdenträger einer christlichen Kirche benützt das Wort. Dieses Wunder, der plötzliche Friede, begann am 5.  Juni 2018. An diesem Tag erklärte der äthiopische Premierminister Abiy Ahmed, das Abkommen von Algier, das im Jahr 2000 den Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea beendet hatte, umsetzen zu wollen. Vorangegangen war von 1998 bis 2000 ein Schützengrabenkrieg, ausgetragen mit modernen Waffen, mit annähernd 100 000 Toten.

Nach Kriegsende begann eine fast zwanzigjährige Periode waffenstarrender Feindschaft. Denn die äthiopische Regierung hatte dem Algier-Abkommen zwar zugestimmt, wollte aber den Entscheid der internationalen Grenzkommission von 2002, die gemäss Abkommen den genauen Verlauf der Grenze zwischen den beiden Staaten festgelegt hatte, nicht akzeptieren. Äthiopien weigerte sich, jene Gebiete, die die Kommission Eritrea zugesprochen hatte, zu räumen.

Dann ging es schnell im letzten Sommer. Gegenseitige Staatsbesuche in den beiden Hauptstädten Addis Abeba und Asmara folgten sich, begleitet von öffentlichen Freude- und Jubelkundgebungen. Am 9.  Juli 2018 beendeten Abiy Ahmed und der eritreische Präsident Isayas Afewerki den Krieg offiziell und bekannten sich in einer gemeinsamen Erklärung zu «Frieden und Freundschaft». Eritrea, das die formelle Unabhängigkeit von Äthiopien erst 1993 nach langem, blutigem Krieg erlangt hatte und seither mit allen Nachbarn – Äthiopien, Dschibuti, Jemen, Sudan – bewaffnete Auseinandersetzungen führte, begibt sich damit in eine Zeit des Friedens.

«Der Friede kam so unerwartet», sagt uns ein junger Mann in Asmara. «Als Doktor Abiy hierherkam, kamen mir die Tränen, obwohl Männer doch nicht weinen sollten. Es gab doch so viel Hass. Wir hatten allenfalls auf kleine Schritte gehofft, und dann kam das!» Wie fast alle GesprächspartnerInnen will der junge Mann nicht namentlich zitiert werden – die Angst ist auch in dieser neuen Zeit noch in den Köpfen, nach zwanzig Jahren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stillstands. Nach zwanzig Jahren ohne jeglichen Raum für öffentlichen Widerspruch.

Das umkämpfte Badme-Dreieck

«Beide Seiten haben so viel verloren, so viele Menschen starben – für nichts», sagt der christliche Priester. Auch er besteht auf Anonymität. Er verwirft darob zwar die Hände und entschuldigt sich, meint aber: «Sie müssen halt verstehen …» Deshalb sei er hier einfach Priester Yohannes genannt, aber es sei weder sein Rang noch seine Glaubensrichtung noch sein Amtsort erwähnt. Priester Yohannes sagt: «Der Krieg hat alles blockiert. Denn im Krieg gibt es keine Entwicklung.» Ja, er erwarte, dass der Friede von Dauer sei. Er bete dafür.

Der eritreisch-äthiopische Grenzkrieg begann im Mai 1998 im Dreieck um das Städtchen Badme. Mit Verweis auf die alten kolonialen Grenzen beanspruchte Eritrea dieses von Äthiopien verwaltete Gebiet. Die eritreische Armee eroberte das Dreieck, musste es im Verlauf des Kriegs aber bald wieder aufgeben.

Mahari Hayalum

Beide Seiten beschuldigten sich in der Folge der Plünderungen und Vertreibungen. Für die BewohnerInnen Badmes normalisierte sich die Lage immerhin bald, und nach dem Waffenstillstand im Jahr 2000 kehrten viele Vertriebene zurück. Äthiopien behielt derweil die Kontrolle über die Gegend. Beide Seiten hatten gute Argumente für ihre Gebietsansprüche – deshalb wurde Badme zum Symbol dieses Kriegs und seiner zahllosen Toten. 2002 sprach die internationale Grenzkommission das Dreieck praktisch gänzlich Eritrea zu. Doch die äthiopischen Truppen blieben – und sind trotz der nun zelebrierten äthiopisch-eritreischen Harmonie bis heute nicht aus Badme abgezogen.

Von Eritrea her ist ein Besuch Badmes deshalb nicht möglich. Darum fahren wir in den nächstgelegenen grösseren Ort: die Provinzhauptstadt Barentu. Nur etwa dreissig Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt, wurde auch Barentu im Krieg schwer getroffen. Die Fahrt vom hoch gelegenen Asmara ins Tiefland nach Barentu dauert über fünf Stunden, mehrheitlich auf einer spektakulären Passstrasse, die von den italienischen Kolonialherren zu Beginn des letzten Jahrhunderts angelegt wurde. Schon an der Stadtgrenze Asmaras beginnt das ländliche Afrika. Die meisten Dörfer bestehen aus Rundhütten mit Strohdächern. Auf dem Land gibt es nur wenig motorisierten Verkehr, stattdessen viele Eselwagen und kleine Kamelkarawanen. Ziegenherden weiden entlang der Strasse. Frauen tragen Brennholz, Wasser, Stroh oder Babys auf dem Rücken. Im Tiefland ist das Klima heiss und trocken. Die sudanesische Wüste ist nicht mehr weit.

Wie den Frieden langfristig sichern?

Barentus Bürgermeister Aurelio Giacomino freut sich über den neuen Frieden. «Die Menschen kommen zusammen, über die Grenzen hinweg. Es gibt Austausch und Handel. Vor fünf, sechs Monaten war das alles noch unvorstellbar.» Etwas nördlich von Barentu wurde jüngst ein neuer Grenzübergang von Eritrea nach Äthiopien eröffnet. Viele äthiopische Lastwagenfahrer legen in Barentu einen Stopp ein, manche verkaufen ihre geladenen Güter auch gleich hier.

Saba Hailemikael

Und was hält Giacomino davon, dass Äthiopien Badme noch nicht geräumt hat? Das Problem seien nicht die äthiopischen Truppen in Badme an sich, meint er ausweichend, sondern dass die Grenze noch nicht demarkiert sei. Die offizielle eritreische Position wird in Asmara etwas anders dargestellt: Die Grenze sei an Ort und Stelle zwar tatsächlich noch nicht markiert, aber die Koordinaten des Grenzverlaufs seien von der internationalen Kommission präzis festgelegt worden. Jetzt die Grenzsteine zu setzen, sei nicht das Dringendste; auch andere Elemente des Friedensabkommens seien noch nicht umgesetzt. Aber das werde geschehen. Der politische Wille der äthiopischen Regierung sei klar und deutlich, da gebe es keine Ambivalenz.

Giacomino meint, wir könnten gerne mit Menschen aus Badme sprechen. Und so bestellt er einige Gesprächspartner ein. Er scheint dabei jedoch vor allem daran interessiert, die ethnische Vielfalt der Region und des ganzen Landes abzubilden. Deshalb erscheinen zum Gesprächstermin drei Männer, von denen nur einer tatsächlich aus Badme stammt. Der 52-jährige Fahrer Haschem Ali aus dem Volk der Kunama lebt in Barentu. Der 70-jährige Bauer Mahari Hayalum ist Tigriner aus dem Badme-Dreieck. Und der 46-jährige Bauer Omar Abubakar, ein Nara, lebt in einem Dorf bei Barentu. Nach einer kurzen Fahrt in die Rundhüttensiedlung, in der Abubakar lebt, versammeln wir uns im Schatten der kleinen Moschee.

Alle drei Männer waren vom Krieg betroffen. Abubakar verlor zwei Brüder. Ali kämpfte selber an der Front. Hayalum floh 1998, bei Kriegsbeginn, aus seinem Dorf bei Badme. Auch hier fällt es wieder, das Wort: ein Wunder. Zwanzig Jahre lang hätten sie nicht mit so etwas gerechnet, sagt Abubakar, «aber nun gehen wir Hand in Hand». Er wolle nicht an Rache denken, sondern vielmehr daran, wie er mit dem äthiopischen Volk und dem Militär zusammenleben könne. Der Rest sei Sache der beiden Regierungen: «Wir jedenfalls hoffen auf Entwicklung!», sagt er.

Hayalum erzählt, dass er fliehen musste, weil er dem äthiopischen Regime als eritreischer Offizieller bekannt war. «Meine Frau blieb zurück. Als sie starb, verlor ich mein ganzes Vieh, 170  Ziegen, die Äthiopier raubten sie.» Nun habe er sein Dorf wieder besucht, aber dorthin zurück wolle er nicht. Er sei zu lange weg gewesen. Sein Bericht lässt erahnen, dass es noch kompliziert werden könnte, den Frieden langfristig zu sichern. «Die äthiopische Verwaltung ist immer noch in Badme», sagt er. Die einzige Veränderung sei, dass die Leute sich nun frei bewegen könnten und etwa in Barentu auf den Markt kämen. «Wir erwarten, dass die Verwaltung eritreisch wird. Ich habe das den Äthiopiern dort gesagt, darauf haben sie wütend reagiert. Klar, denn sie haben das Gebiet ja so lange kontrolliert. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns.»

Endlich freier Warenverkehr

Was zwanzig Jahre lang unvorstellbar war, gehört in Eritrea heute bereits zum Alltag. Allerorten ist äthiopische Musik zu hören, in Cafés, Bars und Restaurants läuft äthiopisches Fernsehen. Das Leben sei entspannt geworden, hören wir, denn die permanente Bedrohung durch einen Krieg ist verschwunden.

Am 11. September 2018 wurde der erste Grenzübergang zwischen den beiden Ländern eröffnet, drei weitere folgten. Über drei Monate lang waren diese Übergänge für Menschen und Waren völlig offen. Doch am 26. Dezember änderte sich die Lage erneut. Lastwagen brauchen nun eine Bewilligung – das brachte den Güterverkehr weitgehend zum Erliegen. Autos und Menschen können immer noch über die Grenze, aber für die Ausreise verlangt Eritrea wieder ein Visum.

Vorbei ist damit die Reisefreiheit der EritreerInnen. Mit einer Ausnahme: Am entlegenen Posten nördlich von Barentu, so heisst es, gebe es weiterhin keine Einschränkungen. Ausserdem überquerten die Menschen die grüne Grenze nun zu Fuss. Das war vorher nicht möglich, weil scharf geschossen wurde. Nun scheint es weniger gefährlich, obwohl die Grenze vermint ist.

Offene Grenzen, freier Warenverkehr: Das hat das Leben in Eritrea enorm verbilligt. Was nicht lokal produziert wird, war bisher kaum oder nur sehr teuer erhältlich. Ein Pack WC-Papier kostete beispielsweise umgerechnet bis zu 15  Franken. Oder Zement: Ein Sack kostete 800  Nakfa (etwa 55  Franken), dann fiel der Preis auf zuerst 500, dann auf 250  Nakfa, und für grosse Mengen lassen sich sogar 200  Nakfa aushandeln. Eine lokale Mengeneinheit Teff – dieses Getreide ist die Grundlage des gängigsten eritreischen Gerichts Indschera – kostete 6000  Nakfa, nun liegt der Preis bei 1300.

Angesichts der neuen und massenhaften äthiopischen Konkurrenz leidet die eritreische Produktion jedoch stark. Der Anbau von Sorghum, einem Teff-Ersatz, brach zusammen. Und Produzentinnen und Händler eritreischer Produkte mussten ihre Preise deutlich senken. Immerhin geht der Handel inzwischen auch ein wenig in die andere Richtung: ÄthiopierInnen kaufen Schafe, Ziegen, Kühe. Wegen der plötzlichen Flut äthiopischer Waren entstand bei Asmara in den letzten Monaten ein riesiger Markt. Aberhunderte von Ständen und Hütten, dazu auch einige kleine Restaurants und Bars stehen auf einem Brachland etwa drei Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Äthiopische Händler verkaufen ihre Ware direkt ab Lkw. EritreerInnen übernehmen den Detailhandel: Sie kaufen die äthiopischen Güter in grösseren Mengen und verkaufen sie einzeln weiter.

Gehandelt werden auch Importe aus den Arabischen Emiraten und eritreische Produkte, aber der allergrösste Teil kommt aus Äthiopien: Lebensmittel, Zement, Bier, Coca-Cola, Mineralwasser und Wein; Mehl, Getreide und Holzkohle; Möbel, Holz und andere Baumaterialien; Farbe, Zigaretten, WC-Papier, Benzin und Schleckstängel. Es herrscht eine entspannte, friedliche Stimmung. Ein eritreischer Händler erzählt freimütig, dass er früher Ware aus dem Sudan geschmuggelt und verkauft habe. Harte Arbeit sei das gewesen, sagt er. Jetzt sei alles einfacher, und vor allem: fair.

Schleckstängel aus Addis Abeba

Auch äthiopische Lastwagenfahrer zeigen sich hocherfreut: An der Grenze brauche es keine Bewilligung, es gebe keine Kontrollen, gar nichts. Einer sagt, er fühle sich in Eritrea wohl, die Menschen seien freundlich und brüderlich. Weil jedoch nur noch die abgelegene Grenze im Norden geöffnet ist, sind die äthiopischen Fahrer nun etwa vier Tage unterwegs. Zwei Tage brauchen sie in Äthiopien bis zur Grenze, zwei Tage von dort bis Asmara. Auf dem Markt bleiben sie bis zu einer Woche, bis sie ihre Ware verkauft haben.

Die offenen Grenzen hatten aber auch eine andere Folge: Viele EritreerInnen haben sie zur Flucht genutzt. Bis Mitte Oktober haben sich schon über 14 000 Menschen in Äthiopien als Flüchtlinge registrieren lassen, darunter viele, die ihren bereits geflüchteten Familienmitgliedern folgten. Der wichtigste Grund für eine Flucht ist nach wie vor der «Nationaldienst» (vgl. «Noch immer ein Fluchtgrund» im Anschluss an diesen Text). Diese Kombination aus Militär- und Zivildienst, zu dem alle EritreerInnen aufgeboten werden, dauert auf dem Papier achtzehn Monate, kann sich in der Praxis aber über viele Jahre erstrecken, und zwar unbefristet. Wer den Dienst nicht absolviert hat, erhält keine Reiseerlaubnis und keine Arbeitsstelle. Und wer ihn leisten muss, kann sein Leben nicht selber gestalten, kann keine feste Arbeit suchen und keine Perspektiven entwickeln.

Ganz offen schimpft darüber ein Mann mittleren Alters, der uns in einem Café in Asmara anspricht. Er lebte einige Jahre in Europa und hat unterdessen einen europäischen Pass. Er will seinen Frust mitteilen. Er sei schon mehrfach verhaftet worden, erzählt er. «Hier ist es hoffnungslos. Keine Freiheit, keine Perspektiven, keine Jobs. Die Menschen haben Angst.» Wer arbeite – als Bankangestellte oder als Beamter etwa –, leiste dort den Nationaldienst. Ob ihm der Frieden keine Hoffnung mache? «Nur wer nicht denkt, hat Hoffnung», antwortet der Mann.

Skepsis ist auch bei vielen Menschen unüberhörbar, die dem Regime loyal gesinnt sind. «Jetzt ist Friede – warum aber gehen immer noch so viele Menschen nach Äthiopien? Was tut die Regierung, um den Leuten das Bleiben zu ermöglichen?», fragt eine Eritreerin enttäuscht. «Und was tut die Regierung, um jenen, die gingen, die Rückkehr zu ermöglichen?» Man müsse doch die Frage angehen, warum die Menschen das Land verlassen haben. «Am Anfang hatten viele grosse Hoffnung», sagt sie. «Manche hoffen immer noch, manche haben die Hoffnung schon wieder verloren. Viele sind jetzt verwirrt. Es braucht alles so viel Zeit hier.»

Jetzt müsse die Regierung liefern, gibt auch Priester Yohannes zu verstehen. «Die Bedingungen müssen geschaffen werden, damit die Menschen im Land bleiben. Und so viele junge Leute leisten an der Grenze noch Militärdienst. Dank des Friedens werden sie dort nicht mehr gebraucht. Die Regierung muss ihnen Perspektiven bieten.» Es brauche Investitionen und Entwicklung. «Doch auch das Volk und die Kirchen sind in der Pflicht. Wir hoffen und beten.»

In Asmara sprechen wir den eritreischen Informationsminister Yemane Gebremeskel auf den dringenden Ruf nach Perspektiven für die EritreerInnen an. Gebremeskel betont, die Regierung benötige Zeit. «Im Krieg liegt der Fokus auf Überleben, nicht auf Entwicklung. Wenn wir nun tatsächlich unwiderruflich Frieden haben, ist das eine grosse Sache.» Aber das sei erst seit vier, fünf Monaten so. «Wenn der Friede gefestigt ist, können wir uns auf Entwicklung konzentrieren, auf den Aufbau der Nation, auf all unsere Ziele und Hoffnungen, an die wir glauben und die noch nicht erreicht werden konnten.» Für sichtbare Veränderungen brauche es vielleicht noch zwei, drei Jahre. «Das wird Schritt für Schritt geschehen, aber bedeutend sein», sagt Gebremeskel. «Hoffentlich werden noch in diesem Jahr gewisse Sachen angegangen.»

Warten und Hoffen in den Hafenstädten

So lange warten mag ein junger Mann in Asmara nicht mehr. Er ersehnt sich die Entlassung aus dem Nationaldienst. Er wolle unbedingt im Land bleiben und Arbeit suchen, sagt er, es entstünden gerade so viele Möglichkeiten im «jungfräulichen» Eritrea. Wie viele andere sieht er die grössten Chancen im Bergbau, oder dann am Hafen in Massawa. In Eritrea wird bereits Kupfer, Gold, Silber und Zink abgebaut. Eine grosse Kalisalzmine soll bald eröffnet werden.

Wirtschaftliches Potenzial haben auch die Häfen in den Städten Assab und Massawa, die seit September dem Binnenland Äthiopien als zusätzliche Umschlagplätze für Ein- und Ausfuhren dienen. In Massawa etwa herrschte in den Monaten der offenen Grenzen beträchtlicher Betrieb. Nun ist wieder Ruhe eingekehrt. Die kleine, früher einmal pompöse orientalische Altstadt wirkt trostlos, elend und schmutzig. Kriegsruinen stehen neben halbzerfallenen Häusern, und selbst vierzig Jahre alte Kriegsschäden sind noch nicht behoben.

«In Massawa hat sich seit dem Frieden noch nichts verändert», sagt Saba Hailemikael. Sie führt seit zehn Jahren ein Restaurant in der Altstadt. Das Geschäft laufe gut, Gott sei Dank, sagt sie. Das habe ihr erlaubt, auch ein zweites Lokal zu übernehmen. Schon ihre Eltern wirteten in der Stadt, sie sei also damit aufgewachsen. 1988, als Siebzehnjährige, verliess Hailemikael Massawa und schloss sich der Befreiungsbewegung an. Bis zur Unabhängigkeit kämpfte sie an der Front, dann wurde sie aus dem Militär entlassen.

Heute hat Hailemikael sechs Kinder zwischen 10 und 24 Jahren. Sie sei sehr zufrieden mit der gegenwärtigen Entwicklung, sagt sie: «Ich habe grosse Hoffnung; Eritrea wird wie Dubai.» Man müsse sich einfach geistig vorbereiten auf alles, was passieren könne. Und sich dann entspannen. «Das eritreische Volk ist bereit. Und gerade wir in Massawa, wir sind bereit!»

Dieser Beitrag wurde finanziell unterstützt vom Medienfonds «real 21 – Die Welt verstehen», der von der Schweizer Journalistenschule MAZ und von Alliance Sud getragen wird.

Der Nationaldienst

Noch immer ein Fluchtgrund

«Jeder Eritreer ist im Militär», sagt ein 36-jähriger Mann in Asmara. Er leistet seit 2008 den sogenannten Nationaldienst. Am Anfang war er Vollzeitsoldat, heute muss er noch drei Tage pro Monat ins Militär, im Tiefland an der Grenze zum Sudan. Er hat daneben bezahlte Gelegenheitsjobs gefunden. Aber ein Ende des Diensts ist für ihn immer noch nicht absehbar.

Ein anderer Mann erzählt, er habe Glück gehabt, er mache zivilen Dienst in einem Ministerium. Auch er hat noch andere Arbeit gefunden, die er nach Dienstschluss machen kann. Angesichts der neuen Situation, des Friedens im Land, hoffe er natürlich, bald entlassen zu werden. Bisher sei dazu jedoch noch nichts bekannt gegeben worden. «Aber wir haben gehört, dass Menschen mit einer körperlichen oder psychischen Behinderung bereits entlassen wurden – wir hoffen also auf mehr!»

Für jedeN gestaltet sich der Nationaldienst anders. Einer hat seine achtzehn Monate Militärdienst schon 1994/95 geleistet und wurde aus dem Dienst entlassen. 1998 aber wurde er wegen des Kriegs wieder einberufen. Seine endgültige Entlassung erfolgte erst 2003 wegen einer schweren chronischen Krankheit.

Andere haben sich mit dem Nationaldienst arrangiert. Ein Mann erzählt, dass er nach dem Militär als Lehrer eingeteilt wurde und er diesen Dienst bis heute leisten müsse. Er sei aber ganz zufrieden damit, denn er erhalte nun einen angemessenen Lohn. Weil die Regierung die Mietzinse deckle, habe er eine günstige Wohnung. So komme er in Asmara ganz gut durch. Ausserdem sei das Leben mit dem Frieden sowieso viel billiger geworden.

Dass sich der Nationaldienst über viele Jahre erstrecken kann, und zwar unbefristet, ist für viele der wichtigste Grund, aus Eritrea zu fliehen. Informationsminister Yemane Gebremeskel sagt dazu: «Die Verordnung ist klar, der Dienst dauert achtzehn Monate. Im Krieg oder bei Kriegsgefahr wird er aber verlängert. Jetzt ist der Glaube da, dass das Kapitel Krieg vorbei ist. Das wird Folgen haben. Die Regierung hat noch keine Formel dafür ausgearbeitet, aber das wird geschehen. Und es muss geschehen. Es gibt auch keinen Grund mehr für eine grosse Armee. Es braucht Zeit, das zu organisieren. Aber es ist für die Regierung selbstverständlich von grösster Wichtigkeit.»  

Armin Köhli

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