Nr. 05/2021 vom 04.02.2021

Wenn nur das Band antwortet

Im nordäthiopischen Tigray herrscht ein Krieg, über den kaum Informationen in die Aussenwelt dringen. So will es die Zentralregierung. Für die Menschen in der Diaspora bedeutet das: quälende Ungewissheit.

Von Sebastian Sele

Klar ist bloss: Hunderte der rund 4000 EinwohnerInnen von Mai Kadra waren am Morgen des 10. November 2020 tot. In den Strassen, in den Mietunterkünften, auf dem Platz neben der Commercial Bank of Ethiopia – überall lagen ihre von Macheten-, Messer- und Axtwunden übersäten Leichen. «Wir können das Massaker an Zivilisten bestätigen», sagte ein Vertreter von Amnesty International (AI) wenige Tage später. Zwischen den Leichen und dem Blut hätten die Überlebenden gelegen. «Ich stehe noch immer unter Schock», sagte einer der ZeugInnen. Bei den Opfern handle es sich um TagelöhnerInnen, die «in keiner Weise an der laufenden Militäroffensive beteiligt waren».

Wer für das Massaker verantwortlich ist und wieso es geschah: unklar. AI und die Menschenrechtsbeauftragten der äthiopischen Regierung vermuten das Umfeld der lokalen Tigray People’s Liberation Front (TPLF) hinter der Tat. In den Sudan Geflüchtete sprechen von Amhara-Milizen. Manche auch von äthiopischen Regierungstruppen.

Auch heute, drei Monate später, weiss die Welt kaum mehr über das, was in jener Novembernacht geschah. Der Informationsfluss aus dem Kriegsgebiet wird durch eine Kommunikationssperre der Regierung behindert, humanitären Organisationen fehlt der Zugang. Das Massaker von Mai Kadra war das erste, aber mit Sicherheit nicht das letzte im anhaltenden Konflikt in Tigray. Und womöglich nicht einmal das blutigste.

Ein Oscar für Abiy

In der nordäthiopischen Region, an der Grenze zum Sudan und zu Eritrea, kämpfen seit dem 4. November der militärische Arm der TPLF, Amhara-Milizen sowie äthiopische und eritreische Regierungstruppen. Die Uno spricht von 2,3 Millionen Menschen, die sofort humanitäre Hilfe benötigen, vor allem Nahrungsmittel. Andere Organisationen gehen von noch höheren Zahlen aus; das in Genf ansässige Internal Displacement Monitoring Centre etwa spricht von 4,5 Millionen. Gemäss UNHCR sind bereits über 60 000 Menschen in den Sudan geflohen.

«Die internationale Gemeinschaft muss handeln, bevor es zu einem neuen Ruanda kommt», sagt Henock Yebyo (35), ein aus Tigray stammender Postdoktorand an der Universität Zürich, per Videotelefonat. An der Schranktür hinter dem Epidemiologen hängt eine Collage aus Buntstiftzeichnungen, in der Mitte ein Foto seiner fünfjährigen Tochter. Yebyo kam 2015 für sein Doktorat in die Schweiz, seine Frau und seine Tochter folgten 2020. «Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was wäre, wären sie jetzt noch dort.» Der Konflikt, sagt Yebyo, laufe aber schon seit zwei Jahren. «Im November kam bloss die bewaffnete Gewalt hinzu.»

Im Frühjahr 2018 kam mit Abiy Ahmed, dem heutigen Ministerpräsidenten, auch die Hoffnung an die Macht. In seiner Antrittsrede setzte er auf Versöhnung: «Was wir alle verstehen müssen, ist, dass der Aufbau eines demokratischen Systems es erfordert, sich gegenseitig zuzuhören.» Abiys Machtübernahme ging eine TPLF-regierte Koalition voraus, die das Land seit 1991 zum stabilsten Land am Horn von Afrika gemacht hatte – jedoch mit autoritärer Hand.

Der 42-jährige Abiy liess seinen grossen Worten sogar Taten folgen. Wer gegen Menschenrechte verstiess, wurde gefeuert, oppositionelle Organisationen von staatlichen Terrorlisten gestrichen. Reformen, für die ÄthioperInnen jahrelang auf die Strasse gegangen waren, wurden endlich Realität. Und sechs Monate nach seinem Amtsantritt setzte Abiy um, was lange als unmöglich gegolten hatte: Äthiopien und Eritrea schlossen Frieden.

«Auch ich habe seine Reformen und den Friedensvertrag unterstützt», sagt Henock Yebyo. Aber schon nach einigen Monaten habe sich Abiys Ton verändert: «Die Rhetorik wurde aufrührerischer, schuld war oft Tigray.» Und zwar nicht die Partei, die TPLF, sondern die Menschen in der Verwaltungsregion. Am Tag, an dem bekannt wurde, dass Abiy Ahmed den Friedensnobelpreis 2019 erhalten sollte, schrieb Yebyo auf Facebook: «Jetzt erwarten wir auch den Oscar für den besten Schauspieler.» Als der Nobelpreis verliehen wurde, waren die Grenzen schon wieder geschlossen.

Gibt Yebyo über seine Sicht auf die Situation in Tigray Auskunft, wechselt seine Stimme ins Stakkato. Er spricht von Hunger, der als Waffe eingesetzt werde, von Aggressoren, von einer ökonomischen und kulturellen Offensive. In zwei Monaten beginnt Yebyo einen neuen Lebensabschnitt, mit einem Postdoc-Stipendium in München. Doch es fällt ihm schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Ob seine Familie noch am Leben ist, weiss er lange nicht. Das letzte Mal mit ihnen gesprochen hat er im Oktober. Obwohl er gewusst habe, dass es aussichtslos ist, habe er seit der Kommunikationssperre fast täglich versucht, sie anzurufen. Die Antwort vom Band: «Der Nutzer kann nicht erreicht werden.»

Immer wieder tauchte Wukro, der Name seiner Heimatstadt – «eine schöne Kleinstadt» – in Berichten auf. 29. November: Kämpfe. 1. Dezember: eritreische Truppen. 22. Dezember: Tote. 23. Dezember: Plünderung des Krankenhauses. 31. Dezember: eritreische Truppen. 2. Januar: schwere Artillerie, 500 Tote. 15. Januar: Kämpfe. Bei Henock Yebyo bleiben nicht nur Fakten hängen, sondern auch Fragen: «Warum plündern sie Apotheken? Warum zerstören sie Krankenhäuser und Museen? Warum töten sie Kinder und wehrlose Frauen?»

Im Januar standen einige Dutzend TigrayerInnen bei Schneeregen vor dem europäischen Uno-Hauptsitz in Genf, die Kundgebung dauerte drei Tage. Auch Yebyo nahm teil – «weil ich ein Mensch bin». Er müsse seine Stimme für jene Menschen erheben, die selbst keine hätten. In einem Brief hatten die Demonstrierenden Forderungen an Tatiana Valovaya, die Uno-Generaldirektorin in Genf, geschickt: Erstens, die eritreischen Soldaten müssen abgezogen werden. Zweitens, der humanitäre Zugang muss gewährleistet werden. Drittens, der Krieg muss sofort enden. Auf die Forderung, unabhängige BeobachterInnen ins Land zu lassen, reagierte die Regierung unlängst mit den Worten: «Wir brauchen keinen Babysitter.» Immerhin haben humanitäre Organisationen zu einzelnen Gebieten in Tigray mittlerweile wieder Zugang.

Jetzt kommt der Hunger

«Ich bin kein Aktivist», sagt Henock Yebyo, «ich war nie daran interessiert, politische Arbeit zu machen.» Seit Beginn des Krieges ist aber auch er auf Twitter aktiv. «Ich musste etwas sagen.» Seine Universität erhält inzwischen E-Mails, vermutlich von UnterstützerInnen der Zentralregierung, die ihm TPLF-Propaganda unterstellen. Unsinn, sagt Yebyo. «Meine Ansichten sind teils komplett konträr.»

Inzwischen schaffen es trotz Kommunikationssperre Berichte von ersten Hungertoten in Tigray nach draussen. Der Konflikt begann mitten in der Erntezeit, Felder wurden niedergebrannt, Tiere getötet. Und die Bilder der jüngsten Heuschreckenplage, der schlimmsten seit Jahrzehnten, sind auch in Europa noch präsent. Die Banken sind dicht, Geschäfte und Fabriken wurden geplündert, Märkte zerstört.

Letzte Woche beteiligte sich die Schweiz an einem Frontex-Ausschaffungsflug. Zieldestination: Addis Abeba, Äthiopiens Hauptstadt. Die Frage, ob an Bord auch Menschen aus Tigray waren, könne aus rechtlichen Gründen nicht beantwortet werden, sagt das Staatssekretariat für Migration (SEM). In zwei Fällen hatten AnwältInnen erfolgreich bei der Uno interveniert und eine Ausschaffung abwenden können.

Nach 85 Tagen ohne Lebenszeichen erhielt Henock Yebyo Ende Januar schliesslich einen Anruf aus Wukro: von seinem Bruder. Die Familie ist am Leben. Als die ersten Bomben fielen, seien sie in die Berge geflohen; wochenlang hätten sie dort ausgeharrt. Zurück kam der Bruder nur, weil die fast siebzigjährige Mutter krank wurde und Medikamente brauchte. In Wukro waren diese aber nicht zu bekommen, das Krankenhaus war erst von Artilleriegeschossen getroffen und anschliessend geplündert worden. Noch immer sind weite Teile Tigrays von der Kommunikationssperre der Regierung betroffen.

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