Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Romantik zwischen Dubstep und THC

Von Alice Galizia

An irgendeinem Sonntag im vorletzten Sommer, ein Minifestival tief im Emmental, es ist heiss, und für das Bier zahlt niemand mehr. Das verbliebene Trüppchen liegt auf der Wiese vor der Hauptbühne und mag sich nicht mehr bewegen. Dann spielen Cruise Ship Misery, die letzte Band des Festivals. Zwei junge Frauen, Sarah Elena Müller und Milena Patagônia, mit Synthesizer und Stimme. Müllers Synthieklänge ziemlich retro, ein bisschen trashig; dazu die Stimme von Patagônia: tief, klar und dehnbar, mal singt sie, mal erzählt sie eher. Die erst zögerlichen, dann immer drängenderen Rhythmen lassen einige doch aufstehen, und als Cruise Ship Misery den Track «Natur» spielen, ruft einer aus dem Publikum: «Das isch e Hit! Spilet dä no einisch!» – und das machen sie dann auch.

Der Hit (der wirklich wie einer klingt) ist nun auch auf «Urteil», dem ersten Album von Cruise Ship Misery, zu hören. Müller schreibt die Songs und hochdeutsche Texte – Patagônia übersetzt sie auf Berndeutsch und singt. Ein ganz normales Mittelstandsleben zwischen Sucht, Bürokratie und einer leisen Sehnsucht nach irgendetwas anderem wird da besungen; die Liebe ist bestenfalls Zermürbung geworden und schlimmstenfalls Alltag. «Us Längwili hei mr glehrt üs säuber z zeichne, ig dis Gsicht u du mis» ist ungefähr das Romantischste, was noch vorstellbar ist. Eine Romantik zwischen THC, Schmerzmitteln, Dubstep und Werbung – welchen Ausweg gibt es da noch?

Vielleicht ebendiese Natur, «si cha mr häufe we süsch niemer meh öpis cha mache». Der einzige Kontakt mit der Natur bleibt dann doch das Fällen eines Baumes, den man nicht hätte fällen sollen. Der letzte Ausweg, verbaut durch die eigene Unbeholfenheit. Oder doch durch den Beton und den Stacheldraht, der überall hochgezogen wird? Keine Ahnung, die Aussage wird verweigert: «Unbeantworteti Frage si besser aus Frage wo nie wei ände.»

Plattentaufe in Bern, Rössli, 7.  März 2019, 22  Uhr.

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