Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Frühlingsfiebern

Michelle Steinbeck verpasst die Fasnacht und ärgert sich über ein Manifest

Von Michelle Steinbeck

Heuer bin ich zufällig vor der Fasnacht weggefahren. Die Schnitzelbangggötter warfen mir zur Strafe Grippe nach. So hustete ich im hohen Norden die Nächte durch, während in der Basler Altstadt der Morgestraich, die Laternen, die Mehlsuppe, die Piccolos …

Statt mich besinnungslos zu gässlen und mal wieder tüchtig «stopfen» zu lassen, litt ich die «drey scheenschte Dääg» durch. Dachte ich. Denn offenbar ist mir einiges erspart geblieben. Während über den Barfi eine als «Ausländer» verkleidete Clique marschierte, schiefe Melodien pfeifend hinter ihrer fremdenfeindlichen Propagandalaterne; während ein Telebasel-Reporter vom Treiben scheinbar derart hypnotisiert wurde, dass es ihm schlicht den Verstand auflöste und er, ohne mit der Wimper zu zucken, wiederholt in die laufende Kamera das N-Wort schoss; während im lustigen Trubel Zeedel voll rassistischer Hetze von Hand zu Hand wanderten; während sich meine Freundinnen mit Waggis prügelten und in die Büsche kotzten – ja, etwa exakt zu dieser Zeit wurde ich in Hamburg in der Apotheke für einen Hustensaftjunkie gehalten, dementsprechend nicht bedient und kalt vor die Tür gestellt.

Und während ich also zum Frühstück ein Erkältungsbad trinke, veröffentlichen ein paar schwer besorgte deutsche Kulturpromis ein Manifest gegen «zerstörerische Eingriffe in die deutsche Sprache». Sie treten in den «Widerstand» gegen inkludierende «Verrenkungen» und veranstalten einen steifbeinigen geistigen Solimarsch für das generische Maskulinum.

Zeedel wie Manifest sind auf dem gleichen Mist gewachsen. Wo ein paar angebliche Fasnächtler einen türkischstämmigen Studenten verhetzen, beschwören gestandene Schriftstellerinnen die Vergewaltigung der guten alten deutschen Sprache. Dieses Binnen-I steht da schon wieder so verdächtig rum. Was es wohl im Schilde führt? Unheimlich, ich trau mich schon nicht mehr, alleine Zeitung zu lesen. Einmal geblinzelt, und schon wird der Text von terroristischen Sternchen gesprengt! Überfremdung!

Das Kleinbasel und die deutsche Sprache sollen sich also nicht verändern. Wo soll die Reise in die Vergangenheit denn hin? In die gute alte Goethe-Zeit, als eine schreibende Frau zum Wassertrinken und Stricken ins Sanatorium geschickt wurde? Oder in feine frühe Pfeifenrauchbeizen zu täglich gediegenem Wurst-Chäs-Salat?

Weder sind zeitgenössische literarische Werke voll von Sternchen, noch ist der «Mohrenkopf» aus dem Schweizer Volksmund verschwunden. Und doch bekennen sich manche Autorinnen wie Fasnächtler öffentlich dazu, dass ihnen nichts wichtiger sei, als ihre Sprache als Festung der Diskriminierung und Ausschliessung zu verteidigen. Sie hängen halt an ihren veralteten Begrifflichkeiten. Ohne diese, meinen sie, werde ihnen eine existenzielle Grundlage geraubt. Leben diese Leute, um willentlich und wissentlich Minderheiten zu ignorieren, zu beleidigen? Besteht darin wirklich ihre Freiheit?

Judith Hermann, Monika Maron – Sie arbeiten doch mit Sprache! Wie können Sie da für ihre Abriegelung einstehen? Sprache ist im Fluss, sie verändert sich – das ist ihre subversive Macht. Gerade als frei Schreibende sollten wir nicht ums Verrecken künstlich konservieren, sondern es vielmehr als Privileg betrachten, uns der gesellschaftlichen Aufgabe zu stellen, kreativ neue Wege aus der sprachlichen Ungleichheit zu suchen. – Hust hust.

Michelle Steinbeck ist Autorin. Widerstand gegen eine Veränderung der Sprache, die nach mehr Gerechtigkeit strebt, findet sie faul und peinlich.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch