Nr. 19/2018 vom 10.05.2018

Zukunft ist eine Illusion

Von Anja Bengelstorff

Boko Haram, die entführten Schulmädchen von Chibok, wirtschaftliche Rückständigkeit, Gewaltexzesse – dies sind häufig benutzte Schlagworte zur Beschreibung des islamisch geprägten Nordens Nigerias. Doch wie sieht das Leben der Menschen dort aus? Der nigerianische Schriftsteller Elnathan John, der in der Region aufwuchs und inzwischen in Berlin lebt, entwirft in seinem Debütroman «An einem Dienstag geboren» dafür ein Szenario, das in seiner präzisen Schonungslosigkeit verstört.

John lässt den halbwüchsigen Dantala seine Geschichte erzählen. Dantala wächst haltlos ohne Vater und seit Jahren auch ohne Mutter auf: zuerst in einer Koranschule, später als Strassenjunge in einer fiktiven Stadt im Norden Nigerias, stets wach und neugierig auf der Suche nach Orientierung und einer Bezugsperson. Der Imam einer moderaten islamischen Gemeinde nimmt ihn schliesslich auf, bietet ihm Schutz, Beistand und vielleicht ein wenig Hoffnung auf eine Zukunft. Da hat er bereits Brandschatzen und einen Mord auf dem Gewissen. Mit seinem Zimmernachbarn Jibril lernt er Englisch, hinterfragt Begrifflichkeiten und erfährt echte Freundschaft. Doch der moderate Imam wird von seinem engsten Berater nicht nur gestürzt, sondern regelrecht abgeschlachtet. Dantalas zarte Wurzeln sind gekappt. Zukunft ist eine Illusion, und darauf folgt Hoffnungslosigkeit. «Es gibt kein Warum, und ich höre besser auf, mir Gedanken zu machen, von denen ich Kopfweh kriege. Allah ist allwissend», lässt der Autor seinen jungen Protagonisten ergeben schlussfolgern.

Die Beschreibung der ethnisch-religiösen Konflikte in seiner Heimat, der komplizierten Machtgeflechte, der endlosen Mühsal des täglichen Lebens – «An einem Dienstag geboren» ist kein hoffnungsvolles Buch, auch wenn es mit einer solchen Note endet. Während wir Nordnigeria und seine BewohnerInnen in der Medienberichterstattung viel zu oft eindimensional und sprachlos erleben, begegnen wir ihnen in diesem Roman in einer längst überfälligen Vielschichtigkeit.