Nr. 15/2021 vom 15.04.2021

Nihilistischer Spieltrieb

Wer versteckt sich hinter Q, dem Kopf der Bewegung, deren Symbol beim Sturm auf das US-Kapitol omnipräsent war?

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

«Alles hat Bedeutung. Das ist kein Spiel. Lerne, das Spiel zu spielen. Q.» Mit kryptischen Botschaften wie dieser, gepostet auf der Hate-Plattform «8chan», begannen ab Oktober 2017 wilde Interpretationen und rechte Verschwörungstheorien im Internet zu wuchern. Ihren bisherigen Höhepunkt erreichte die Q-Anon-Bewegung mit dem Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021. Wie konnten über zehn Prozent aller AmerikanerInnen so «brainwashed» werden, dass sie glaubten, Donald Trump sei die Präsidentschaft gestohlen worden?

Der Filmemacher Cullen Hoback macht seit Anfang 2018 Jagd auf Q. Daraus entstanden ist die schwindelerregende sechsstündige Dokumentation «Q – Into the Storm», deren letzter Teil eben auf HBO ausgestrahlt worden ist. Bei seinen Recherchen ist Hoback auf ein Freakkabinett an Männern gestossen, die sich keinen Deut um Politik scheren, auch wenn sie das Banner von bedingungsloser Redefreiheit vor sich her tragen wie die rassistischen und frauenfeindlichen Plattformen («4chan»), mit denen sie gross geworden sind.

Ein Schulterzucken für Christchurch

Auf den Philippinen spürt Hoback den Gründer der Plattform auf, über die Q kommuniziert: Fred Brennan ist aufgrund einer seltenen Knochenkrankheit an den Rollstuhl gefesselt und in Onlineforen sozialisiert worden, wo ihm der Hass auf «degenerierte Krüppel» in Endlosschlaufe entgegenschallte. Mit 19 gründet er 2003 die Plattform «wizard chan», die Incels eine Heimat bietet, 2013 dann den total anonymen «8chan», der ihm aber schon bald über den Kopf wächst. Beim ersten Treffen Ende 2018 hat er alle Verantwortungen für «8chan» an den in Manila lebenden US-Amerikaner Jim Watkins und dessen Sohn Ron weitergereicht.

Jim Watkins inszeniert sich vor der Kamera als einigermassen harmlos-skuriller Bioladenbetreiber und Schweinezüchter und schwurbelt mit sanfter Stimme mal Belanglosigkeiten, mal irritierende Gewaltfantasien vor sich hin. «8chan» und die Identität von Q scheinen ihn ebenso wenig zu interessieren wie Ron, den Administrator der Plattform, der sich als schüchterner Computernerd geriert, auch wenn er sich im analogen Leben mit Hingabe die Knöchel beim Martial-Arts-Training blutig schlägt. «8chan» betrachtet er als eine Art Energiekonzern: «Wir stellen den Strom zur Verfügung, die Nutzer können damit machen, was sie wollen.» Das Video des Christchurch-Attentäters auf «8chan»? Tut er mit einem Schulterzucken ab.

Erst als die beiden nach weiteren Attentatsvideos auf «8chan» in den USA vor dem House Committee for Homeland Security antraben müssen und ihr Provider die Plattform vom Netz nimmt, wird Jim für einmal deutlich: «Wer versucht, mich zu stoppen, bläst bloss die Samen eines Löwenzahns in den Wind.» Drei Monate später ist er mit «8kun» zurück im Geschäft – mit Q als praktisch einzigem Verfasser von Beiträgen.

Die Lust zu manipulieren

Zu diesem Zeitpunkt hat sich Brennan längst von ihnen ab- und schliesslich gegen sie gewandt mit dem Vorwurf, sie würden einen sektenartigen Kult um Q betreiben. In den USA scharen sich Q-Anon-AnhängerInnen derweil offen um Trump, und der Filmemacher spinnt ein komplexes Netz aus Exmilitärs und Ehemaligen aus Trumps Entourage zu einer Geheimarmee, die mit Q als Waffe einen Informationskrieg gegen die demokratischen Institutionen der USA lanciert hat. Bevor er sich versieht, gerät Hoback zwischen die Fronten von Brennan und den Watkins, die sich mittlerweile vor Gericht in Manila bekämpfen – und schlägt sich auf die Seite von Brennan: In einer spektakulären Aktion verhilft er ihm zur Flucht in die USA.

Zunehmend atemlos reiht Hoback Indiz an Indiz, um Q sowohl mit Trump als auch mit den Watkins zu verbinden. Auch wenn er dabei die Resultate seiner Recherchen immer wieder hinterfragt, gelingt es ihm letztlich nicht, sich aus dem Labyrinth an Nebelpetarden und falschen Fährten zu befreien, auf die er sich im Verlauf seiner Recherchen eingelassen hat. Zwar behauptet er zum Schluss, er habe Q überführt. Doch was für eine Rolle spielt das noch?

Was Hoback uns mit seinen investigativen Abwegen vor Augen führt, ist nichts weniger als die «Banalität des Bösen»: Männer, die mit nihilistischer Lust an Manipulation Hass, Terror und Gewalt schüren – und das bloss als Spiel sehen.

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