Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Die Oberfläche, die man über die Welt legt

Ein Verlegenheitsbuch? Mitnichten! Jenny Erpenbecks Texte und Reden aus zwei Jahrzehnten lesen sich wie Begleitmusik auf ihr Werk.

Von Ulrike Baureithel

Die Wirklichkeit als Material: Als 27-Jährige schlich sich Jenny Erpenbeck zu Recherchezwecken in eine Schulklasse ein. Foto: Katharina Behling

«Warum entziehst du mich mir selber?», fragt der bocksbeinige Halbgott Marsyas in Ovids «Metamorphosen», als ihm die Haut abgezogen wird zur Strafe dafür, dass er sich mit Apoll im Flötenspiel messen wollte. Verwandlung durch Selbstaufhebung nennt das Jenny Erpenbeck, die, wenn es sie auf eine einsame Insel verschlagen würde, Ovids Werk als einziges Buch mitnähme. Eine ähnliche Figur rief die Berliner Schriftstellerin 2008 auf, als sie anlässlich der Verleihung des Solothurner Literaturpreises über das Glück und den Zweifel des Schreibenkönnens sprach, über das Glück, einen Satz hinzuschreiben, nur einen, und den Zweifel, ob daraus überhaupt eine Geschichte werden kann: «Das Innerste nach aussen kehren, und dann durch die abgezogene eigene Haut hindurchschauen.»

Erpenbecks Überlegungen zu Ovids «Metamorphosen» wie auch die Solothurner Rede finden sich nun in einem Band unter dem programmatischen Titel «Kein Roman». Die 1967 geborene Autorin hat darin Geschriebenes und Gesprochenes aus den zwei Jahrzehnten ihrer schriftstellerischen Tätigkeit gesammelt (noch weiter zurück reicht einzig eine studentische Arbeit von 1992, die man aber vernachlässigen darf). Normalerweise sind das Verlegenheitsbücher, wenn einem Grossschriftsteller gerade nichts Umwerfendes einfällt und der Verlag drängelt.

Doch in diesem Fall lesen sich diese «Texte und Reden» wie eine Begleitmusik auf das Werk, das 1999 mit dem Debüt «Die Geschichte vom alten Kind» einen aufsehenerregenden Anfang nahm. Dabei ist «Musik» durchaus wörtlich zu nehmen, denn die gelernte Opernregisseurin macht hier nicht nur einige Texte zu Musik (und auch zur Kunst) zugänglich, sondern auch ihre Reden, mit denen sie ihre zahlreichen Literaturpreise entgegennahm. Diese sind von genau berechneter Rhythmik und Melodie, selbst wenn sie nicht von Musik handeln.

Kinderspiele zwischen Ruinen

Darüber hinaus erzählt Erpenbeck von ihrer Kindheit in Berlin-Pankow und später in der Leipziger Strasse, wo sie im Schlamm und zwischen Ruinen gespielt und vom Balkon ihrer elterlichen Wohnung auf das Springer-Hochhaus auf der anderen Seite der Mauer geblickt hat. Ihr «sozialistisches Leben» stellte sich nach der dort angebrachten Uhr. Es war eine «unfertige», aber «ganze» Welt, in der sie jedoch auch im Bewusstsein lebte, dass es noch eine «zweite Welt» gab und dass das, «was man nicht greifen konnte, nicht alles war».

Viele ihrer vertrauten Kindheitsorte sind heute verschwunden, ihre alte Grundschule zum Beispiel, an die ihre SchulkameradInnen mit einer Traueranzeige erinnerten. Es gehe, schreibt Erpenbeck, immer «um die Zeit, die einmal eine Gegenwart war». Aufbewahrt wird sie in der sich wiederholenden rhetorischen Figur «Als ich ein Kind war».

Auch von ihrer Familiengeschichte ist die Rede: «Ich bin eine», erklärt die Schriftstellerin anlässlich ihrer Aufnahme in die Akademie der Künste, «die väterlicherseits Grosseltern hatte, die aus Deutschland flohen am Anfang des Krieges, und mütterlicherseits eine Familie, die nach Deutschland floh am Ende des Krieges.» Das prägt. Zu den schönsten Texten gehört in diesem Zusammenhang «Offene Buchführung», eine Liebeserklärung an die Mutter anlässlich der Auflösung von deren Nachlass.

Inkognito in der Schule

Auch im Hinblick auf das poetologische Konzept und die Entstehung ihrer Romane ist das Buch eine aufschlussreiche Quelle. In «Wie ich schreibe» berichtet Erpenbeck etwa über die Entstehungsgeschichte der «Geschichte vom alten Kind». Die damals 27-Jährige hatte sich nämlich in eine elfte Klasse eingeschlichen, um Material für das Buch zu sammeln: «Vielleicht steht mir die Wirklichkeit zur Verfügung, und kein Material ist so gut wie die Wirklichkeit», formuliert sie ihr realistisches Programm, das sie in den «Bamberger Vorlesungen» noch vertieft, die im Band breiten Raum einnehmen.

«Was man nun wirklich aus einem ‹Material› macht», heisst es dort, «hängt grundsätzlich nicht nur davon ab, welche Möglichkeiten ihm innewohnen, sondern welche von diesen Möglichkeiten das eigene Denken in Bewegung setzen, sich mit der eigenen Lebensgeschichte, den eigenen Erfahrungen überkreuzen.» Ihr Interesse sei es nie gewesen, Schriftstellerin zu werden, sondern eine Geschichte zu «meiner Geschichte» zu machen. Auch dies ein «Moment des Übergangs», so wie sie es für die «Metamorphosen» beschreibt.

Dass Erpenbeck darüber hinaus eine politisch eminent engagierte Schriftstellerin ist, die sich in der sogenannten «Flüchtlingskrise» in Deutschland unter anderem mit einem offenen Brief an den Berliner Innensenator Frank Henkel und ihrem zuletzt erschienenen Roman «Gehen, ging, gegangen» (2015) positionierte, bezeugt diese Textsammlung ebenfalls. «Was macht das Schreiben mit der Zeit und die Zeit mit dem Schreiben?», fragt sie sich bei der Übergabe des Joseph-Breitbach-Preises. Schreiben sei auch eine Oberfläche, die man über die Welt lege: Sie könne verbergen, aber auch die aufgerissenen Stellen in der Welt sichtbar machen und zeigen, dass eine Gegenwart viele andere Gegenwarten einschliesse. So, wie man es von den Romanen Jenny Erpenbecks kennt.

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