Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Köpfe rollen, alles brennt

Simone F. Baumann zeichnet Geschichten vom Erwachsenwerden mit all seinen Neurosen und Überforderungen. Eine Auswahl, bisher als billige Zines gedruckt, erscheint nun als Buch.

Von Alice Galizia

«Die Leute fragen manchmal, ob es mir gut gehe»: Ausschnitt aus Simone F. Baumanns Buch «Zwang».

Es geht ihr nicht so wahnsinnig gut, dieser Figur, der gerade der Kopf und die Arme abfallen. Die sich auf der Restauranttoilette versteckt und in der Schüssel verschwindet. Die sich auf dem Weg von der Apotheke nach Hause eine ganze Packung Antidepressiva einwirft und deren Eltern ihr sagen, es sei kein Wunder, sei sie so herausgekommen, ihr Hirn sei schliesslich falsch verdrahtet. So wandert sie durch die Stadt, es ist alles sehr grell und düster zugleich, die Aussenwelt scheint eine ständige Bedrohung zu sein.

«Sie hat schon ein wenig den Anschiss», sagt Simone F. Baumann, die diese Figur zeichnet und damit auch ein bisschen sich selbst. Sie empfängt in ihrem Atelier, das sie mit dem Zürcher Comickünstler Thomas Ott teilt – ein aufgeräumter, heller Raum, im Büchergestell sind Schädel verschiedener Tiere aufgereiht, um ihren Arbeitsplatz hängen Bilder der heiligen Maria und von Elvis.

Vom Filzstift zur Tusche

Seit sie achtzehn ist, seit gut sechs Jahren also, veröffentlicht sie ihre Geschichten in Form eines Zines. «2067» erscheint alle sechs bis acht Wochen, selber billig gedruckt und geheftet, für eine Handvoll AbonnentInnen. «Mittlerweile reicht es für den Druck und bringt sogar ein wenig darüber hinaus ein», sagt Baumann. Es geht nicht um Geld, klar, am Anfang war da vor allem die Idee, den Leuten etwas zeigen zu können, wenn sie fragten, was sie eigentlich den ganzen Tag mache.

Die frühen, damals zum Teil noch farbigen Filzstiftbilder wurden mittlerweile vollständig von schwarz-weissen Tuschezeichnungen abgelöst. Jetzt hat die Edition Moderne in einem schweren Hochglanzband Geschichten aus den vergangenen zwei Jahren zusammengetragen. «Zwang» heisst das Buch und beleuchtet unterschiedliche Facetten psychischer Labilität, hie und da auch mit sprödem Humor.

Es geht um Neurosen, Zwangsstörungen, Depressionen – im Rücken die Eltern, die nichts verstehen. Eine einsame Figur, die Baumann herumstreunen lässt, die, ausser mit dem Psychiater, kaum je mit jemandem redet und in alltäglichsten Situationen überfordert ist. «Oh Gott, ich kann nicht einmal normal bestellen», wirft sie sich verzweifelt vor, als sie sich im Restaurant einfach nicht entscheiden kann. Jene zarteren Szenen, die eher beiläufig und lakonisch den Horror des Erwachsenwerdens (und -bleibens) beschreiben, sind die eigentlich starken in diesem Buch; viel mehr als jene dramatischen, in denen Köpfe rollen oder alles brennt.

In Baumanns Atelier stapeln sich an den Wänden Kartonkisten voller Zines, im Moment ist da kein Reissen, etwas anderes zu machen. Das ist schon länger so – und wurde im Kunststudium auch zum Problem. Nach dem gestalterischen Vorkurs war sie ein paar Monate im Kunststudiengang an der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich und hat dann abgebrochen. «Ich wollte einfach meine Zines machen, gar nicht mehr.» Aber es sei so sehr darum gegangen, wie man seine Sachen präsentiert: «Du konntest für eine Zwischenpräsentation vor der Klasse am Boden herumrollen, und das war dann gut, wenn du es nur überzeugend genug hingekriegt hast.» Heute geht sie fast jeden Tag ins Atelier, zeichnet ihre Geschichten, verarbeitet Innen- und Aussenwelt.

Körper und Gewalt

«Die Leute fragen schon manchmal, ob es mir gut gehe, und ich frag mich auch mal selber: Wieso mache ich das überhaupt?», sagt Baumann, «aber ich bin halt kein Peace-Guru oder so, im Einklang mit mir selbst. Sonst würde ich wohl etwas anderes machen – oder gar nicht zeichnen.» Ausserdem sei sie froh, nicht dauernd irgendetwas Extremes erleben zu müssen, um erzählen zu können.

Der überzeichnete Alltag, die Distanz zur Aussenwelt, auch der gewaltsame Umgang mit dem eigenen Körper, das erinnert an die Underground Comix, die in den USA ab den Sechzigern, ebenfalls als billig gedruckte Zines, aufkamen und explizit Sex und Gewalt zeigten, vor allem aber aus dem Leben einer alternativen Subkultur erzählten. Keine Absicht sei das, sagt Baumann, zumindest keine ursprüngliche. Als Kind hatte sie eine Riesensammlung «Lustige Taschenbücher», aber das wars dann auch schon – eigentlich möge sie Comics gar nicht so gerne.

Trotzdem machte sie mit ihren Arbeiten innerhalb der Schweizer Comicszene auf sich aufmerksam. Eine nette Szene sei das, sagt sie, und so sei sie dann ein bisschen reingerutscht, habe KünstlerInnen kennengelernt – «es sind ja auch nur etwa dreissig» – und habe die eine oder andere Parallele festgestellt. Mittlerweile also doch eine Inspiration: In ihrem Atelier liegt das «Robert Crumb Sketchbook» herum und die Comics der Kanadierin Julie Doucet, die seit den Achtzigern zeichnet – ebenfalls autofiktionale Kurzgeschichten, in denen eine unsichere, von Zweifeln geplagte Heldin durch die Stadt zieht und auch gerne mal die Strassen mit ihrem Menstruationsblut überschwemmt.

«Mit ihr wäre ich gerne befreundet gewesen», sagt Baumann; vor dreissig Jahren in Kanada gelebt zu haben, das wäre schon gut gewesen. Zürich sei in Ordnung, «ich bin in Horgen aufgewachsen, da ist es schnell irgendwo besser». Und den Anschiss haben, das kann man sowieso überall.

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