Nr. 16/2020 vom 16.04.2020

Sind die Bartgeier überhaupt nützlich?

Ausser um Stadttiere kümmern sich die ForscherInnen von Swild auch um das Wiederansiedlungsprojekt der Stiftung Pro Bartgeier. Ein Gespräch über grosse Greifvögel, die sich von Knochen ernähren, über ihre langsame Vermehrung und ihre Rolle als Botschafter.

Von Stefan KellerMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Sandra Gloor und Daniel Hegglin: «Die wunderschönen Bartgeier werden als sogenannte Flagships benutzt, als Vorzeigeart, die viele Sympathien geniesst.»

WOZ: Sandra Gloor und Daniel Hegglin, was machen die Bartgeier?
Daniel Hegglin (schaut auf den Monitor): Also Bartgeier Johannes, den wir vor drei Jahren ausgewildert haben, fliegt im Moment gerade oberhalb von Brienz. Er trägt einen Sender. Wir markieren die Bartgeier vor der Auswilderung, um über sie zu lernen und sie zu schützen. Von vielen wissen wir deshalb stets, wo sie sich aufhalten.

Wie viele Bartgeier gibt es in der Schweiz?
Hegglin: Diese Frage lässt sich nicht genau beantworten. Bartgeier sind sehr weiträumig unterwegs – vor allem in den ersten fünf, sechs Lebensjahren. Sie halten sich nicht an Landesgrenzen. Insgesamt rechnen wir momentan mit rund 300 Bartgeiern im ganzen Alpenraum. Vielleicht ein Drittel davon lebt zeitweise in der Schweiz.

Warum muss man sie mit Sendern schützen?
Hegglin: Ihre Situation ist besonders delikat. Bartgeier haben eine sehr langsame Reproduktion und sind daher empfindlich gegen Verluste. Sie können maximal ein Jungtier pro Jahr aufziehen, oft tun sie das aber nur jedes zweite Jahr. Das Überleben eines einzelnen Individuums ist deshalb für die Art bedeutungsvoll. Wir überwachen sie, um über sie zu lernen und auch um zu intervenieren, wenn Probleme auftauchen.

Wann werden die Jungtiere ausgesetzt?
Hegglin: Kurz vor ihrem ersten Flug. Sie sind dann 90 bis 100 Tage alt. Zu fliegen beginnen sie mit rund 120 Tagen. In dieser Zeit lernen sie, wo sie zu Hause sind, und sie lernen, sich in der Umwelt zurechtzufinden. In der Regel siedeln sie sich später in der Region an, in der wir sie ausgewildert haben.

In alten Zeitungen liest man oft, dass diese Geier ganze Schafherden über Felswände treiben, um die Kadaver zu verzehren. Einmal las ich, ein Bartgeier habe ein kleines Kind aus der Wiege geholt. Sind das Mythen?
Sandra Gloor: Genau, das sind einfach Bilder und Mythen, die man sich von diesen grossen Vögeln einst machte. Heute ist bekannt, dass sich Bartgeier fast ausschliesslich von Knochen ernähren. Aber es sind halt sehr, sehr beeindruckende Tiere, wenn man sie einmal aus der Nähe sieht.

Hegglin: Sie haben eine Flügelspannweite von 2,6 bis 2,9 Metern. Dazu einen dunklen Bart und feuerrote Augen. Ich kann nachvollziehen, dass sie als furchterregend wahrgenommen wurden.

In der Schweiz rottete man den Bartgeier aus. Ist das dieselbe Geschichte wie beim Wolf?
Gloor: Ich glaube, die Situation ist etwas anders. Der Wolf litt darunter, dass die natürlichen Wildbestände stark zurückgingen. Deshalb musste er vermehrt Nutztiere jagen und wurde zu einer wirtschaftlichen Bedrohung für die Menschen. Das war der Bartgeier nie. Aber wegen der langsamen Reproduktion war er viel verwundbarer als der Wolf.

Haben Bartgeier noch andere Feinde als die Menschen?
Hegglin: Tiere, die besonders gerne Bartgeier fressen, gibt es nicht (lacht). Aber manchmal kommen Bartgeier bei Revierkämpfen mit Adlern ums Leben. Wenn gute Orte, an denen beide Arten ihre Horste anlegen möchten, knapp sind oder sehr nahe beieinander liegen, gibt es gelegentlich Auseinandersetzungen. Der Adler kann dem Bartgeier mit seinen Krallen tödliche Verletzungen zufügen.

Gibt es neben dem Adler und dem Bartgeier weitere grosse Raubvögel in der Schweiz?
Gloor: Zu den grossen Greifvögeln zählt noch der Uhu. Er ist ebenfalls eine imposante Erscheinung und kann auch im Mittelland vorkommen, wenn es da genügend Beutetiere gibt. Dem Uhu machen vor allem Leitungsmasten zu schaffen. Verursacht ein Vogel beim An- oder Abflug einen Kurzschluss, trifft ihn ein tödlicher Schlag. Auch Kollisionen mit Leitungen können tödlich sein. In letzter Zeit hat sich der Brutbestand zwar etwas erholt, aber er ist nach wie vor stark gefährdet.

Hegglin: Immer häufiger sieht man auch Gänsegeier. Sie brüten hier nicht, aber junge Gänsegeier aus Südfrankreich, Spanien oder dem Balkan machen weite Streifzüge in Gruppen. Der Gänsegeier ist das, was man sich typischerweise unter einem Geier vorstellt: Ein Tier stirbt, und wenig später fliegen die Geier in Scharen herbei. Sie verwerten den ganzen Tierkörper – ausser die Knochen. Gelegentlich fliegen auch Mönchsgeier durch die Schweiz.

Nochmals zum Bartgeier: Ist sein Überleben für die Umwelt denn wichtig? Ist er ökologisch nützlich?
Hegglin: Vielleicht hat er nur einen Nutzen in sich selbst. Während andere Geier das Aas entsorgen und damit auch helfen können, Krankheiten zu vermeiden, bietet der Bartgeier keinen vergleichbaren Service an.

Gloor: Im Naturschutz und bei der Biodiversitätsförderung hat er allerdings eine sehr wichtige Rolle. Die wunderschönen Bartgeier werden als sogenannte Flagships benutzt, als Vorzeigeart, die viele Sympathien geniesst. Sie sind Botschafter für den Schutz der Lebensräume in den Alpen, und das kommt auch anderen Arten zugute.

Sandra Gloor (55) und Daniel Hegglin (53) arbeiten für die Nonprofitorganisation Swild. Gloor ist auch Kopräsidentin des Zürcher Tierschutzes, Hegglin ist Geschäftsführer der Stiftung Pro Bartgeier, www.bartgeier.ch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch