Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Ist der Fotograf ein wandelndes Klischee?

Die Selbstinszenierung von Fotografen verdeckt, dass sich der Beruf in den letzten Jahren stark verändert hat. Fotomuseumsdirektorin Nadine Wietlisbach über Heldenmythen und notwendige Reibungen beim Ausstellungsmachen.

Von Daniela JanserMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Nadine Wietlisbach vor weinender Frau: «Bei den Fotografinnen ist die Selbststilisierung weniger einheitlich als bei den Männern – und es gibt auch weniger Bilder von ihnen.»

WOZ: Frau Wietlisbach, die Künstlerin Anne Collier zeigt im Fotomuseum Winterthur nebst weinenden, fotografierenden und halb nackten Frauen auch ein Bild mit – bekleideten – Fotografen im Sonnenuntergang. Der Fotografenmann als wandelndes Posterklischee?
Nadine Wietlisbach: Genau, mit seinen Utility-Hosen, den Stiefeln und dem sandfarbenen Hemd. Man trifft solche Fotografen etwa, wenn man im Juni nach Arles reist, ans älteste Fotografiefestival der Welt. Sie warten dort zusammen auf die Ausstellung eines ihrer Idole und sind dabei ausgerüstet, als würden sie mit dem nächsten Jet nach Syrien fliegen.

Was ist mit den Frauen? Haben etwa Kriegsfotografinnen nicht eine ähnliche Selbstdarstellung inklusive Outfit?
Bei den Fotografinnen ist diese Selbststilisierung weniger einheitlich – und es gibt auch weniger Bilder von ihnen. Von der 2014 in Afghanistan getöteten deutschen Fotoreporterin Anja Niedringhaus gibt es zum Beispiel kaum Porträts «nach getaner Arbeit». Im Gegensatz zu den World-Press-Fotografen, die sich nach jedem Einsatz in Verbrüderungsposen ablichten lassen, möglichst noch in Schwarzweiss. So wird auch auf der Bildebene die Typologisierung eines Charakters geschaffen: der Fotograf als Krieger und Held.

Welchen Zweck erfüllt eine solche Selbstmythologisierung?
Man kann damit verdrängen, dass heute alles etwas anders ist. Es gibt ja viele Pressefotografen, die sich darüber beklagen, dass sie aus Kostengründen kaum noch in die Welt hinaus geschickt werden. Dabei vergessen sie, dass aufgrund der Veränderung des Mediums eine wichtige Selbstermächtigung stattgefunden hat. Man kann heute aus Aleppo auch direkt berichten und muss da nicht extra jemanden hineinschicken. Das ist eine Errungenschaft, nicht einfach ein Defizit.

Was bedeutet eigentlich Kuratieren für Sie?
Als Kuratorin bist du ein Seismograf. Bei einer Einzelausstellung etwa entscheidest du dich für eine künstlerische Position. Man hat ein Vertrauensverhältnis zu einer Künstlerin oder einem Künstler. Es ist dann ihre Sprache, ihre Geschichte, die ich zeigen möchte.

Ist Kuratieren eine Kunst?
Nein, das zu behaupten, wäre weder korrekt noch zeitgemäss. Kuratieren bedeutet für mich, Raum und Rahmenbedingungen zu schaffen, aber auch Zeit und finanzielle Möglichkeiten. Eine gute Nase für Themen zu haben, ist das eine, vor allem aber muss man etwas zulassen können.

Kommt es manchmal zu Konflikten mit dem Künstler oder der Künstlerin?
Man arbeitet immer auch gegeneinander, zumindest zeitweise. Das ist extrem wichtig. Für das Publikum ist das nicht zwingend sichtbar. Trotz aller Reibung: Man begegnet sich auf Augenhöhe, und beide sind sich ihrer Rolle bewusst. Und bei der Vernissage sollte man wieder ein Bier zusammen trinken können.

Wie muss ich mir das Hängen einer Ausstellung vorstellen?
Beim Hängen wird oft über jeden Millimeter diskutiert. Pläne werden geändert, es kommen Dinge hinzu oder fallen weg, man muss Texte wieder umschreiben. Der Aufbau ist ein wichtiger Teil des Prozesses.

Und wie programmiert man ein Museum?
Mit vielen Post-its (lacht). Im Ernst: Das zentrale Anliegen des Fotomuseums ist seit jeher: Es soll um die ganze Breite der Fotografie gehen. Und ich bin ja nicht allein. Auch Doris Gassert als Research Curator und der Digitalkurator Marco De Mutiis bringen sich mit ihren Spezialgebieten und Interessen ein. Man will Themen, die in der Luft liegen, aufgreifen. Unser neueres Ausstellungsformat «Situations» braucht viel Spontaneität. Hier geht es oft um aktuelle fotografische Materialien und Erscheinungsformen, die ohne künstlerische Übersetzungen direkt in den Ausstellungsraum verfrachtet und kontextualisiert werden.

Welche Rolle spielt die Fotografiegeschichte?
Ich versuche, jedes Jahr eine Ausstellung zu machen, bei der es um den historischen Bestand geht. Das Historische sollte aber in die Gegenwart geholt werden, sodass man es mit unserem Blick, mit unserem politischen Verständnis, mit unserer Sicht auf Geschlechterfragen nochmals anschauen und diskutieren kann. Es muss auch nicht alles dieselben Leute ansprechen. Hier hat sich die Situation der Museen sehr verändert.

Und wie bleibt man im stressigen Alltag à jour?
Es wäre schön, ich hätte dafür eine schlaue Strategie, die man auch auf alles andere anwenden kann, aufs Leben etwa (lacht). Zum Teil funktioniere ich sehr systematisch. Ich lese jeden Tag Zeitungen, höre Podcasts, das kann man auch tun, während man Velo fährt oder die Küche aufräumt. Was in den Kunsthochschulen läuft, beeinflusst meine Recherchen ebenso wie das, was in der Welt passiert. Und man muss wissen, wen man fragen kann. Ich schlafe auch nicht viel. Die Inhalte sind alle um mich herum, und ich kann mich mit ihnen beschäftigen. Das ist das Beste an meiner Arbeit. Deshalb bin ich so besessen davon.

Die von der Direktorin Nadine Wietlisbach (36) kuratierte Ausstellung «Anne Collier. Photographic» ist bis am 26. Mai im Fotomuseum Winterthur zu sehen. Im dritten Teil des Interviews geht es um die Vorteile der Peripherie.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch