Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Gehen Sie mit einer Fotografiebrille durch die Ausstellungen?

Frisch zurück vom Kunstevent des Jahres: Die Direktorin des Fotomuseums über den Einfluss des Kunstmarkts auf die Biennale in Venedig und schwierige klimatische Bedingungen an der Lagune.

Von Daniela JanserMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Nadine Wietlisbach: «An der Biennale in Venedig hatte es tatsächlich viel gute Fotografie und Bewegtbilder. Aber ich schaue mindestens ebenso sehr auf die Ausstellungsarchitektur.»

WOZ: Nadine Wietlisbach, Sie kommen gerade von der Eröffnung der Biennale in Venedig zurück, wo sich die internationale Kunstszene alle zwei Jahre zum Stelldichein trifft. Hat Sie etwas speziell beeindruckt?
Nadine Wietlisbach: Der Schweizer Länderpavillon hat einen starken Auftritt mit der Videoarbeit von Renate Lorenz und Pauline Boudry. Sie thematisieren gängige Vorstellungen von Geschlecht und Repräsentation. Und dabei ist das eine lustvolle, coole Arbeit.

Der Kritiker der NZZ schimpfte, der Schweizer Pavillon sei klischeehaft.
Ich finde ihn im Gegenteil sehr subtil. Es gibt auch den Aspekt der Haare, der sehr wichtig ist. Haare sind kulturell stark konnotiert. Auch damit spielen die Künstlerinnen. Aber eben: sehr subtil.

Was hat Sie sonst noch beeindruckt?
Ghana war zum ersten Mal überhaupt in Venedig vertreten. Und man hat es gleich geschafft, den Länderpavillon mit unterschiedlichen Generationen und Medien sehr spannungsvoll zu bespielen: Es geht um Politik, es geht um Alltag. Das Ganze kommt wie eine Ausstellung in der Ausstellung daher. Man geht da rein, und wenn man wieder rauskommt, ist etwas mit einem passiert.

Haben Sie eine Meinung zur umstrittenen Arbeit des Schweizer Künstlers Christoph Büchel, der ein Flüchtlingsschiff, mit dem 700 Leute vor Lampedusa ertrunken sind, in Venedig zum Kunstobjekt macht?
Ich bringe das intellektuell nicht zusammen. Natürlich habe ich die Kritiken gelesen und auch ein paar schlaue Facebook-Posts. Eigentlich halte ich viel von Büchel. In diesem Fall bleibt aber unklar, ob das Schiff zu einem Mahnmal wird oder ob diese Form der Kontextverschiebung schlicht nicht ausreicht.

Die Kritik hat moniert, das sei eine ultimativ zynische Arbeit.
Ja. Ich vermute aber, dass bei Büchel keine zynische Absicht dahintersteckt. Die Qualität seiner Arbeiten ist oft ihre Radikalität. Aber hier gibt es einfach diese Momente … Schauen Sie: Gegenüber von dem ausgestellten Schiff ist in Venedig so ein typischer Biennale-Caféplatz. Die Leute trinken dort Espresso und schauen dann rüber zum Schiff oder machen Selfies davor. Das ist ein grauenhafter Moment. Ich habe mich auch gefragt, was wäre, wenn das Schiff an einem anderen Ort stünde. Aber eben, ich bringe das alles nicht zusammen.

Wie gehts Ihnen mit dem Event Biennale an sich? Ist es nicht auch nervig, weil alle meinen, sie müssten zur gleichen Zeit dort sein?
Ich bin keine Zynikerin. Und ich habe tatsächlich das Bedürfnis, dort zu sein. Man trifft viele Leute, die für die Arbeit im Fotomuseum wichtig sind. Natürlich gibt es fragwürdige Sachen. Wenn man dann die vielen Arbeiten auf sehr wenig Raum sieht, denkt man schon mal: Leistungsschau. Zugleich habe ich Respekt davor, dass man in dieser Grössenordnung und im gegebenen Zeitrahmen versucht, relevante Geschichten zu erzählen. Venedig entwickelt auch immer wieder eine Stimmung, der man sich nur schwer entziehen kann. Dazu gehört auch der Clash, wenn man auf dem Rundgang an den Kreuzfahrtschiffen vorbeikommt.

Und wie nimmt man in Venedig die penetrante Präsenz des Kunstmarkts wahr?
Die Biennale hat nicht viele finanzielle Mittel. Kuratorische Entscheidungen hängen deshalb auch damit zusammen, wie man die gewünschten Arbeiten nach Venedig bringen kann. Dabei kann es helfen, wenn die Kunstschaffenden von einer Galerie vertreten werden, die den Transport mitfinanziert. Das bedeutet, dass die gezeigten Künstlerinnen und Künstler zumeist solche sind, die man bereits kennt, weil sie potente Galerien im Rücken haben. Diese Ausstellung wäre gar nicht möglich ohne den Einfluss des Markts. Die Biennale ist eine Grossausstellung mit grossen Lücken in Bezug auf die geografischen Gebiete, aus denen die Kunstschaffenden stammen. Das hinterlässt ein schales Gefühl.

Gehen Sie als Fotomuseumsdirektorin mit einer Fotografiebrille durch die Ausstellungen?
Es hatte tatsächlich viele gute Fotografien und Bewegtbilder. Aber ich schaue mindestens ebenso sehr auf die Ausstellungsarchitektur.

Sie haben also ein ganz handwerkliches Interesse, wenn Sie durch die Ausstellungen gehen?
Genau. Und an der Biennale gehts ja auch um praktische Fragen von hochgradig technischer Natur. Die Ausstellung läuft von Anfang Mai bis weit in den Herbst hinein. Dieses Jahr hatten wir bei der Preview zwölf Grad, und es hat Bindfäden geregnet. Im Sommer ists dann heiss und feucht. Es gibt keine Klimatisierung. Alle Fotografien sind gerahmt. Als Schutz. Zum Teil sah man auch, dass die Rahmen hinten einen Feuchtigkeitsschlitz haben, damit die Kunst den massiv schwierigen klimatischen Bedingungen dort standhalten kann.

Da habt ihrs in Winterthur einfacher.
Ja. Über solche Fragen muss ich mir in meinem Alltag kaum Gedanken machen. Wir dürfen unter guten klimatischen Bedingungen Ideen entwickeln – obgleich auch uns die finanziellen Fragen sehr auf Trab halten.

Nadine Wietlisbach (36) ist Direktorin des Fotomuseums Winterthur. Dort ist noch bis am Sonntag, 26. Mai, eine Schau der US-Künstlerin Anne Collier zu sehen.

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