Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Weiterschreiben, unermüdlich

In der Maison des Journalistes finden geflüchtete JournalistInnen ein Zuhause auf Zeit.

Von Miriam Suter (Text) und Julien Mattia (Fotos), Paris

Die halbe Welt in einem Haus: Fotojournalistin Rukaia Al Abadi musste in Syrien ständig hoffen, dass sie niemand verrät.

Am Stadtrand von Paris, im Südwesten nahe der Peripherie, steht die Maison des Journalistes: ein lang gezogenes Fabrikgebäude aus den 1930er Jahren mit vielen Fenstern und einer schweren Eisentür, die nur jene öffnen können, die die Zahlenkombination für den Türöffner kennen. Im hellen Eingangsbereich hängt eine Büste der ermordeten russischen Reporterin Anna Politkowskaja an der Wand: «In Erinnerung an die Journalistin, die am 7. Oktober 2006 in Moskau getötet wurde. Für die Pressefreiheit» steht darunter. Im Gang dahinter befindet sich das Büro der Direktorin Darline Cothière.

«Die meisten Journalisten, die nach ihrer Flucht hierherkommen, können anschliessend in Frankreich bleiben», sagt Cothière. In der Maison des Journalistes schliessen die Geflüchteten einen Standardvertrag ab, der auf sechs Monate beschränkt ist, sozusagen einen «Willkommensvertrag». «Wer in dieser Zeit keinen Asylbescheid erhält oder zwar aufgenommen wird, aber noch keine Wohnung findet, kann den Vertrag um vier Monate verlängern. Wir setzen niemanden auf die Strasse», erklärt Cothière. Die meisten BewohnerInnen stammen aus afrikanischen Ländern und dem Mittleren Osten. Im Schnitt blieben die JournalistInnen acht Monate im Haus.

Zerstört durch den IS

Dass die JournalistInnen auch hier weiter publizieren und arbeiten könnten, sei essenziell, sagt Cothière. Darum gibt es das hauseigene Onlinemagazin «L’Œil de la Maison des Journalistes». Ausserdem hat der Trägerverein das Programm «Renvoyé spécial» ins Leben gerufen: Die JournalistInnen besuchen Schulen in und um Paris, um den SchülerInnen von ihren Erfahrungen zu erzählen. «Wir haben festgestellt, dass die hiesigen Jugendlichen der Presse generell weniger Glauben schenken als früher», sagt Cothière. Mit dem Programm will man zeigen, wie stark die Pressefreiheit rund um den Globus bedroht und wie wichtig die Arbeit von JournalistInnen ist.

Radiojournalist Christian Nascimento floh aus dem Kongo.

Zwei Kriterien gibt es, um in der Maison des Journalistes aufgenommen zu werden: Die BewerberInnen müssen beweisen, dass sie als JournalistInnen arbeiten und dass sie durch ihre Arbeit gefährdet sind. Aktuell sind alle Zimmer besetzt, es leben elf Männer und drei Frauen hier.

Eine von ihnen ist die dreissigjährige Rukaia Al Abadi aus Syrien. Für das Gespräch setzt sie sich direkt unter die Politkowskaja-Büste im Eingangsbereich. Seit zwei Monaten lebt sie im Exil für JournalistInnen. Abadi kam mit Schleppern über die Türkei nach Frankreich. In Syrien hatte sie unter einem Decknamen als Fotojournalistin für lokale Zeitungen über den sogenannten Islamischen Staat berichtet. 2014 wurde sie vom syrischen Regime festgenommen und drei Monate ins Gefängnis gesteckt. Nach ihrer Freilassung stand für sie fest, dass sie im Gegensatz zu ihren KollegInnen nicht flüchten würde – vorerst: «Ich kam aus der Haft und fand meine Heimatstadt zerstört durch den IS wieder. Zuvor war die Stadt in der Hand von Oppositionskämpfern, und dann gingen die Massaker des IS los.» Für Abadi war klar, dass sie weiterhin berichten muss. Angst habe sie keine gehabt: «Als Frau konnte ich mich besser verstecken als meine Kollegen. Ich trug einfach einen Nikab, und schon war ich quasi Undercoverjournalistin», sagt sie und lächelt. «Nein, als Frau in IS-kontrollierten Gebieten zu arbeiten, ist natürlich gefährlich. Es gab dort, wo ich lebte, zum Beispiel fast kein Internet, weshalb ich oft in Internetcafés arbeiten musste. Das ist für Frauen in IS-kontrollierten Gebieten aber verboten. Ich musste mich eigentlich ständig verstecken und hoffen, dass mich niemand verrät.»

2015 arbeitete Abadi im Osten Syriens, der IS wurde immer mächtiger und ihre Arbeit als Journalistin definitiv zu gefährlich. «Im Oktober bin ich in die Türkei geflüchtet und später hier in Paris gelandet.» Abadis Asylantrag wurde bereits bewilligt: Vier Jahre lang darf sie als politischer Flüchtling in Frankreich leben und arbeiten. Danach wird die Lage in ihrer Heimat erneut geprüft.

«Vielleicht muss sie dann zurück. Als ob sich die Lage in den nächsten vier Jahren beruhigen würde, das ist doch irre», sagt Abdulmonam Eassa, der beim Dolmetschen des Gesprächs mit Abadi hilft. Auch der 24-Jährige stammt aus Syrien und lebt seit fünf Monaten in der Maison des Journalistes. Seine Augen sind müde, die Haare zerzaust, sein Gang ist schleppend. Lange Nacht gestern? «Ich kann einfach schlecht einschlafen. Zu viele Gedanken in meinem Kopf.» Ob die JournalistInnen hier psychologische Betreuung in Anspruch nehmen könnten, weiss Eassa nicht, es interessiert ihn auch nicht. Er schaut zu Abadi, die sagt: «Was wir erlebt haben, wäre sogar für einen Psychiater zu viel.»

Sein Studium in Damaskus brach Eassa 2013 ab, um als Fotojournalist zu arbeiten. Er fotografierte die Gebiete, die durch die Regierung zerbombt wurden, und begann, für die internationale Nachrichtenagentur AFP zu arbeiten, belieferte die «New York Times» und den «Guardian» mit Fotos und lebte mit OppositionskämpferInnen im Norden Syriens. «Anfang 2015 erhielt ich Drohungen vom syrischen Regime», erzählt Eassa, «weil ich über ihre Verbrechen berichtet hatte.» Er entschied sich zu flüchten. Neun Mal versuchte er, über die türkische Grenze zu kommen, immer mithilfe von Schleppern. Beim zehnten Mal klappte es, und von Istanbul aus flüchtete Eassa weiter nach Paris. Zwei Monate lang hatte er hier bei FreundInnen gelebt, bevor er durch die AFP von der Maison des Journalistes hörte und einziehen konnte. Heute ist er in Frankreich als politischer Flüchtling aufgenommen und sucht eine eigene Wohnung. Er arbeitet weiterhin als freier Fotojournalist für die AFP, aber das Geld reicht hinten und vorne nicht.

Diejenigen, die in Frankreich bleiben dürfen, arbeiten in Paris unermüdlich weiter. Auch Zaher Al Zaher aus Aleppo. Er sitzt im Büroraum im Erdgeschoss des Hauses und reibt sich den Knöchel. Der 22-Jährige fotografierte die Proteste der Gilets jaunes vom letzten Samstag für seinen Blog und wurde von der Polizei angegriffen. «Einen anderen Fotografen haben sie sogar verhaftet», sagt er. Doch verglichen mit dem, was Zaher in seiner Heimat erlebt hat, sind das harmlose Geschichten: Der Fotojournalist sass mit siebzehn Jahren in Aleppo im Gefängnis, weil er über die Verbrechen des Assad-Regimes berichtet hatte, unter anderem für das US-amerikanische Fernsehnetzwerk NBC. Darauf angesprochen, wechselt er das Thema. Seit April lebt er in der Maison des Journalistes. Er habe Paris nicht zufällig als Ziel seiner Flucht ausgesucht, sagt er. «Journalismus passiert in Frankreich vor allem hier», sagt er in fliessendem Englisch. Französischunterricht besucht er wie die meisten hier einmal pro Woche, Englisch habe er sich mit Lektionen auf Youtube selber beigebracht, erzählt er stolz. Zahers Asylbescheid ist noch ausstehend.

Gefangener der Taliban

Was es für JournalistInnen bedeuten kann, Starthilfe von der Maison des Journalistes zu erhalten, zeigt die Geschichte von Mortaza Behboudi. Der 25-Jährige arbeitet seit zehn Jahren als Fotojournalist. Geboren in Afghanistan und aufgewachsen im Iran, kehrte er 2010 in sein Heimatland zurück und absolvierte ein Praktikum bei einer Zeitung in Kabul, danach arbeitete er frei für verschiedene lokale Medien. 2015 arbeitete Behboudi zusammen mit anderen JournalistInnen an einer investigativen Recherche über den Opiumhandel der Taliban, der von der US-Armee unterstützt wurde. «Darum wurde ich von den Taliban verhaftet und sass einige Monate im Gefängnis», sagt er. Nach seiner Freilassung flüchtete er im Mai 2015 mit der Unterstützung der französischen Botschaft per Flugzeug nach Paris, wo er drei Monate lang auf der Strasse lebte. «Erst dann erfuhr ich durch Reporter ohne Grenzen von der Maison des Journalistes. Ich bewarb mich und erhielt nach zwei Wochen ein Zimmer.»

Vom Raum aus, in dem das Gespräch mit Behboudi stattfindet, blickt man direkt auf einen Friedhof. «Stell dir vor, du kommst aus Afghanistan hierher und siehst all diese toten Menschen!», sagt er und lacht. Seit Dezember 2015 lebt Behboudi als politischer Flüchtling in Paris und arbeitete seither als freier Foto- und Videojournalist unter anderem für den Nachrichtensender al-Dschasira. «Aber ich wollte wieder eine Festanstellung als Journalist und etwas schaffen, das den Journalismus in Frankreich neu erfindet», sagt er. Darum hat er im Januar 2019 das Onlinemagazin «Guiti News» gegründet. Hier schreiben ausländische und französische JournalistInnen gemeinsam Artikel, die sich mit dem Phänomen der Einwanderung in Frankreich beschäftigen. «Achtzig Prozent der geflüchteten Journalistinnen und Journalisten finden nach ihrer Aufnahme in Frankreich keinen Job», sagt Behboudi. Das will er ändern. Seine Bemühungen blieben nicht unbemerkt: Dieses Jahr steht sein Name auf der «30 Under 30»-Liste des Wirtschaftsmagazins «Forbes». Heute besucht er die Maison des Journalistes fast täglich, um an seinen Projekten zu arbeiten.

Erzählen, was passiert ist

Die Verfolgung von JournalistInnen durch Regierungen als Hauptgrund für die Flucht ist die Geschichte, die man in der Maison des Journalistes immer wieder hört. Auch von Christian Nascimento. Der 32-Jährige arbeitete als Radiojournalist im Kongo und engagierte sich als Aktivist für Männerrechte. Seit Januar 2019 lebt er in der Maison des Journalistes, im Mai wird er erfahren, ob er als politischer Flüchtling in Frankreich bleiben darf. Nascimento spricht fliessend Französisch und gut Deutsch. «Wenn man nicht arbeiten darf wie ich, dann sitzt man den ganzen Tag herum und ist mit seinen Gedanken allein, wenn man nichts dagegen tut.» Darum arbeitet er als Freiwilliger in der christlichen kongolesischen Kirche in Paris und nimmt am «Renvoyé spécial»-Programm teil. In seiner Heimat liess Nascimento seine Frau und zwei kleine Kinder zurück. «Ich bin aus Überzeugung Journalist geworden», sagt er. «Ich bin mit dem Bedürfnis geboren, den Menschen zu erzählen, was passiert.»

Laut Reporter ohne Grenzen wurden 2018 über neunzig JournalistInnen wegen ihrer Arbeit getötet, für 2019 hat die NGO bereits 12 Tote und 341 Inhaftierte gezählt. Die Frage, warum man als JournalistIn sein Leben aufs Spiel setze, wird von Nascimento mit einem ungläubigen Blick beantwortet: «Die Frage muss doch lauten: Warum sollte man das als Journalist nicht tun?»

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