Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Die unsichtbare Branche

Schweizer Transitfirmen verschieben ungeheure Mengen an Rohstoffen wie Kupfer, Seide oder Öl über die Weltmeere oder auch nur virtuell. Die Historikerin Lea Haller hat erstmals umfassend die Geschichte dieser unsichtbaren Wirtschaftsbranche untersucht.

Interview: Tim Rüdiger

Container in einem deutschen Hafen: «Für Transithandelsfirmen spielt der Nationalstaat keine Rolle», sagt Lea Haller. Foto: Hartmut Schmidt, Alamy

WOZ: Frau Haller, als ich vorhin mit dem Zug von Basel zu Ihnen nach Biel gefahren bin, habe ich aus dem Fenster geschaut und mich gefragt: Wo ist denn dieser Transithandel, der in der Schweiz anscheinend so floriert?
Lea Haller: Da sehen Sie nichts. In der Industrie gibt es Produktionshallen, in denen Leute arbeiten, da werden Produkte hergestellt, die im kollektiven Gedächtnis fest verankert sind: Medikamente, Maschinen, Uhren. Alles, was man vom Transithandel sehen kann, sind Büros. In Winterthur kennen die Leute vielleicht das Volkart-Gebäude. Der Transithandel ist dort, wo die Firmen ihren Hauptsitz haben, unsichtbar.

Warum ist das so?
Transithändler kaufen Waren im Ausland und verkaufen sie dort auch wieder – meist Rohstoffe. Beispielsweise verkauft ein Transithändler Seide aus Japan an einen Abnehmer in den USA. Oder Kupfer aus Sambia nach China. Er zahlt an den Produzenten und erhält Geld vom Käufer, die Ware wird direkt verschifft und berührt nie Schweizer Boden. Über die Schweiz fliesst nur das Geld.

Wäre es nicht effizienter, sich den Umweg über die Schweiz zu sparen?
Tatsächlich erscheint es auf den ersten Blick nachteilig, als Handelsfirma den Geschäftssitz in einem Binnenland wie der Schweiz zu haben. Wenn man aber den Blick von den Warenströmen weglenkt, hin zu den Kapitalströmen – und das wird meiner Meinung nach zu wenig getan –, dann werden andere Faktoren relevant. Der Rohstoffhandel war immer enorm kapitalintensiv. Man kauft grosse Chargen, das Geschäft wird mit dem Volumen gemacht. Man braucht Eigenkapital, Bankkredite oder andere spezialisierte Finanzierungsinstrumente. Und man muss Gewinne repatriieren können.

Lea Haller

Wer an die Schweizer Wirtschaft denkt, denkt zuerst an die Banken und die Industrie.
Auch Wirtschaftshistoriker haben vor allem dazu geforscht. Interessant ist ja: Die Schweiz hat trotz ihrer frühen Industrialisierung und einer florierenden Exportwirtschaft ab den 1880er Jahren immer mehr importiert als exportiert. Dennoch hatte sie eine ausgeglichene Zahlungsbilanz. Man erklärt sich dieses Paradox bis heute durch «unsichtbare Einnahmen» aus Bank- und Versicherungsdienstleistungen, Patent- und Markenrechten, Zinsen für im Ausland angelegtes Kapital und den Tourismus. Ich glaube, man muss dieses Bild korrigieren. Der Transithandel sorgt seit über 150 Jahren für einen enormen Kapitalzufluss in die Schweiz. Die Schweiz ist eine Handelsnation.

Heute läuft schätzungsweise ein Fünftel bis ein Viertel des weltweiten Rohstoffhandels über die Schweiz. Warum sind die Voraussetzungen dafür hierzulande besonders günstig?
In der Schweiz gab es im 19. Jahrhundert privates Kapital und junge Kaufleute, die willens waren, ihr Glück in der Ferne zu suchen. Banken stellten den Firmen Kredite zur Verfügung. Während des Imperialismus ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Transithandel globalisiert und wuchs bis zum Ersten Weltkrieg rasant. Aber man darf nicht nur Kontinuitäten suchen, sondern muss auch die Brüche sehen. Der Transithandel hat sich über die Jahrhunderte massiv verändert.

Welche Rolle spielte der Kolonialismus beim Transithandel?
Die Geschichte des Transithandels geht zeitlich über die Ära des europäischen Kolonialismus hinaus. Die Missions-Handlungs-Gesellschaft der Basler Mission war zum Beispiel bereits 1859 an der Goldküste, also im heutigen Ghana, aktiv – also lange vor der Kolonialisierung durch die Briten 1874. Das Verhältnis mit den Kolonialmächten war aber gut, die Verflechtung eng, die Mentalität die gleiche. Während der Kolonialkriege stellte die Missionshandlung den Briten ohne Weiteres ihre Lagerräume als Munitionsdepots zur Verfügung. Auch Volkart profitierte in Indien vom kolonialen Infrastrukturausbau.

Und wie ging es nach dem Ersten Weltkrieg weiter?
Der europäische Binnenhandel brach in den 1920er Jahren völlig ein. Die Schweizer Firmen expandierten aber erfolgreich in neue Märkte und machten so weiterhin solide Gewinne. Als das Geschäft wegen Kapitalverkehrskontrollen und des Zweiten Weltkriegs erneut schwierig wurde, delegierten die Firmen ihre Geschäftstätigkeiten an ausländische Tochterfirmen. Sie bauten also Holdingstrukturen auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg flossen mit dem Marshallplan zunächst staatliche Gelder von den USA nach Europa.

Ab den späten 1950er Jahren kamen dann die ausländischen Firmen – amerikanische, ägyptische, später russische. Und in den 1980er Jahren verschob sich der Handel zunehmend auf Derivate, also das virtuelle Gegenstück der Rohstoffe. Die flottierenden Währungen sorgten für Risiken, aber auch für Spekulationsmöglichkeiten. Plötzlich waren astronomische Gewinne möglich. Damit kam auch ein neues Selbstverständnis auf: Der globale Trader ersetzte den in der bürgerlichen Kultur verankerten Kaufmann von früher.

Wie kann man sich die frühen Schweizer Transithändler vorstellen?
Viele stammten aus wohlhabenden protestantischen Familien vom Land. Ihnen waren die städtischen Schulen und Karrieren verwehrt, sie gingen aufs Landknabengymnasium und wurden Kaufmann. Oft arbeiteten sie zuerst für eine ausländische Handelsfirma und machten sich anschliessend selbstständig. Aus einigen wurden Familienunternehmen, die Hunderte Jahre überdauerten. Die spätere Grösse dieser Firmen lässt aber vergessen, dass da Hasardeure am Werk waren. Viele Unternehmen sind gleich wieder eingegangen.

Und die erfolgreichen Firmen wurden dann von Generation zu Generation an die Söhne weitergegeben?
Ja, wobei das wegen der Erbteilung problematisch war. Seit Napoleons «Code civil» gilt in der Schweiz ein egalitäres Erbrecht. Während die Söhne die Firma erhielten, mussten die Töchter in gleichem Mass ausgezahlt werden. Sie hatten plötzlich Immobilien und Kapital. Mit einer Heirat innerhalb der bürgerlichen Elite wurde dieses Kapital in eine andere Firma gebracht. Oft haben Frauen durch Einheirat marode Unternehmen gerettet.

War es der Transithandel, der die Schweiz reich gemacht hat?
Die Frage ist: Was heisst Reichtum? Wer sagt, die Schweiz sei ein reiches Land, impliziert, dass es eine Partizipation am Wohlstand gibt, also nicht nur einige wenige Reiche und einen Haufen Arme. Wir haben aber bis heute keine Besteuerung von Finanztransaktionen, die Haupttätigkeit dieser Firmen trägt also nichts zum Wohlstand bei. Auch über die ordentliche Steuerleistung wissen wir historisch wenig. Es ist deshalb sehr schwierig zu beziffern, was die Firmen insgesamt an die Allgemeinheit abgeliefert haben. Aber es gibt wohl einen gewissen Trickle-down-Effekt: Söhne und Töchter aus Handelsdynastien taten sich als Mäzene hervor oder gründeten Museen.

Die neoklassische Wirtschaftstheorie geht davon aus, dass bei einem Angebot und einer entsprechenden Nachfrage ganz von allein ein Markt entsteht. Widerlegt der Transithandel diese These?
Die These ist längst widerlegt worden, auch von Ökonomen. Aber tatsächlich zeige ich in meinem Buch, wie Märkte entstehen. Sie entstehen eben nicht von selbst, sondern sie werden geschaffen. «Die Wirtschaft», als eine von technischen, politischen und juristischen Zusammenhängen völlig losgelöste Sphäre, gibt es nicht. Erstaunlich ist, dass das sogar für den Transithandel gilt, der ja so etwas wie Kapitalismus in Reinform ist.

Wie meinen Sie das?
Den Transithandelsfirmen ist es grundsätzlich egal, mit was für Waren sie handeln. Sie importieren nicht für eine heimische Industrie, der Nationalstaat spielt für sie keine Rolle. Weltweit wird eingekauft und verkauft. Es gibt auch keine Markenrechte. Und trotzdem sieht man, dass der Handel immer juristisch und politisch eingebettet war. Das gilt sogar für das 19. Jahrhundert, die grosse Zeit des Liberalismus. Diese Einsicht gibt einem eine Ermächtigung. Sie zeigt, dass wir der Welt nicht ausgeliefert sind. Irgendjemand macht immer die Regeln. Also können auch wir die Regeln machen.

Seit einiger Zeit steht ja mit Glencore eine grosse Schweizer Transithandelsfirma regelmässig in der Kritik. 2014 verhinderte Glencore die Betitelung eines Buches mit «Drecksgeschäfte». Sind die Vorwürfe berechtigt?
Interessanterweise waren es die Insider, also ehemalige Trader, die mir gegenüber am deutlichsten von Korruption gesprochen haben. Oder eben von einem «dreckigen Geschäft», in dem es ungeachtet sozialer Opfer und Umweltschäden um reinen Profit geht. Das negative Image der Rohstoffhandelsfirmen ist aber relativ neu. Ein Grund dafür ist, dass sie begonnen haben, auch die Produktion zu kontrollieren. Nun stehen sie plötzlich im Rampenlicht, wenn in einer Mine ein Unglück passiert.

Welchen Beitrag könnte die Konzernverantwortungsinitiative leisten, über die zurzeit debattiert wird?
Der Hauptbeitrag der Initiative ist, dass man über global agierende Firmen in der Schweiz spricht. Dass man darüber redet, wie wir mit diesen Firmen umgehen wollen, was für Rechte und Pflichten sie haben sollen. Dass wir die Zukunft gestalten.

Aber lassen sich die Probleme der global tätigen Firmen überhaupt auf nationaler Ebene lösen?
Es ist ähnlich wie beim Klimaproblem: Nichts machen ist auch keine Option. Jede Diskussion ist grundsätzlich positiv zu sehen.

Wir stimmen ja dieses Wochenende auch über eine Unternehmenssteuerreform ab. Diese sieht vor, das Holdingprivileg abzuschaffen. Wird das einen Unterschied machen?
Ich kann keine Prognose machen, und die ganzen Bemühungen gingen ja dahin, die Abschaffung der Privilegien zu kompensieren. Rohstoffunternehmen haben verschiedene Gründe, weshalb sie hier sind. Sie haben Mitarbeiter hier, es gibt Zugang zu guten Schulen, eine politische Stabilität und Banken und Versicherungen, die mit dem Rohstoffgeschäft vertraut sind. Aber man muss schon sagen: Die Firmen sind mobil. Bereits die früheren Transithandelsfirmen haben ihren Sitz verlegt, wenn es für sie vorteilhaft war. Die Frage ist: Was genau verlieren wir dann?

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