Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Kalter Beton, harter Brexit

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Es ist ein Fehler zu hoffen.» Die Erkenntnis trifft Kavanagh, als es schon zu spät ist. Bei einem blutigen Überfall an der Grenze haben es ein paar Eindringlinge lebend ins Land geschafft. Kavanagh gehörte zum fehlbaren Trupp, der die Aussengrenze nicht zu sichern vermochte, jetzt sieht er seinem Urteil entgegen. Hoffnung ist zwecklos, das Gesetz kennt keine Ausnahme: Wer illegale Einreisen verschuldet, wird aufs Meer verbannt – und gehört dann selber zu den «Anderen», wie hier alle, die von draussen kommen, offiziell pauschalisiert werden.

Die Grenze, das ist eben «Die Mauer» im gleichnamigen Roman von John Lanchester («Kapital»). 10 000 Kilometer lang ist dieses harte, kalte Bollwerk, mit dem sich Grossbritannien in einer nahen Zukunft nach aussen abschottet, gegen den gestiegenen Meeresspiegel und vor allem auch vor den «Anderen», die festen Boden unter den Füssen suchen. Ein ungeheuer symbolträchtiges Motiv natürlich: Trumps Mauerbau, der Klimakollaps, der Brexit – Lanchesters Mauer ist eine kalkuliert dystopische Vision, mit der man unweigerlich eine ganze Reihe von politischen Schlüsselreizen unserer Gegenwart assoziiert.

Das ist bestechend, solange der Autor diese Festung nicht einfach als plakative Allegorie bespielt, sondern als Erfahrungsraum ernst nimmt – solange er also schildert, wie diese unwirtliche Kulisse auf jede Faser des Lebens einwirkt, wie sie ganz konkret und existenziell auf die abfärbt, die sie bewachen müssen. Da steht dann auch die Literatur selbst zur Disposition, denn wie erzählt man von einem Ort, der nur geistlose Routine kennt, in Stellung gebracht gegen das Fantasma des Fremden?

Womöglich hat Lanchester dann selbst ein bisschen Angst gekriegt vor diesem Monument der Blockade. So verflacht sein Roman später auch sprachlich zu einer Überlebensübung, bei der noch die prekärste Utopie von gelebter Solidarität brutal zerrissen wird. Hoffnung ist ein Fehler? Mag sein, aber solange man von Fehlern erzählen kann, ist noch nicht alles verloren.

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