Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Reigen mit changierenden Paaren

Von Anna Wegelin

Eine Ehe ist in der Krise, der Planet Erde in Gefahr und der Weg frei für die Utopie eines neuen Garten Eden. Dies ist das Setting in Martin R. Deans neuem Roman «Warum wir zusammen sind», einem Paarreigen zu den Fragen: Was hält uns zusammen? Und was stellen wir mit unserer Sehnsucht nach Glück und Sinn an?

Silvester 1999 steht vor der Tür. Während die Welt angesichts von Krieg, Klima und Kapital spinnt, spüren Irma und Marc – sie Übersetzerin, er Architekt, beide um die vierzig –, dass entweder ein neuer Frühling für sie als Paar kommt oder das Finale ihrer zwanzigjährigen Beziehung droht. Denn sie schlafen nicht mehr miteinander, und ihr Sohn Matti, der wilde Partys schmeisst und den Eltern seinen Clean-Food-Flip aufzwingt, ist auf dem Absprung.

Irma, Professorentochter und Supermami, ist eher der kontrollierte Typ. Sie hat nicht allzu viel Selbstvertrauen und erwartet von Marc ständig das, was er nicht ist, hat oder tut. Sie schlägt sich mit dem neuen Wurf des französischen Autors Philip Dupral herum, der einen erotischen Text, inspiriert von Madame Bovary und Marquis de Sade, geschrieben hat.

Marc, gebürtiger Tessiner, gilt als introvertiert. Er hat sich mehr oder weniger damit abgefunden, WC-Rollen-Halter für Schulgebäude zu entwerfen, anstatt Architektur mit einem grossen A zu kreieren.

Im Verlauf der Erzählung driften Irma und Marc immer mehr auseinander, obwohl sie sich innerlich zueinander hinwünschen. Während sich Irma an der Übersetzung von Duprals pornografischen Passagen reibt, lässt sich der von ihr zurückgewiesene Marc von einer anderen verführen und investiert seine Schaffenskraft in das Projekt eines «Gartens der Zukunft». Hier, etwas ausserhalb der «Stadt am Rhein», im Grünen und am Waldrand gelegen, hat ein Freund des Paares einen alten Hotelkasten namens Sanssouci gekauft. Diesen hat er seinem Freundeskreis zur freien Benutzung zur Verfügung gestellt, ein kunterbuntes Kollektiv mit zufriedenen bis gescheiterten Existenzen trifft sich nun regelmässig dort.

Entlang der Geschichte der Trennung von Irma und Marc inszeniert Deans Erzähler einen Reigen mit changierenden Paaren und ausscherenden Figuren – im mehr oder weniger reifen Alter – in allen möglichen Schattierungen und klischiert wie im realen Leben: der einsame Wolf mit Hang zur Eifersucht, die kindliche Desperada mit dem Touch einer Fee, der Womanizer-Starchirurg oder die kindlich-bodenständige Selbstversorgerin. Dabei wechselt Dean die Erzählperspektive: Mal ist er allwissend, mal schlüpft er in die Haut einer seiner rund ein Dutzend Männer und Frauen und erzählt aus deren Perspektive.

Gut fünfzehn Jahre und 355 Seiten später ist der traurige Tanz vorbei, den Dean über weite Teile beschwingt und auch mit feiner Ironie gegenüber seinem Figurenkabinett beschreibt. Man atmet auf und ist erleichtert. Das Leben geht seinen gewohnten Gang weiter. Geliebt wird auch heute und morgen. Bis dass der Tod euch scheidet.

Veranstaltungen in Solothurn: Fr, 31. Mai 2019, 10, 16.30 und 21 Uhr; So, 2. Juni 2019, 11 und 14 Uhr.

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