Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Darf ein echter Streik so lustvoll sein?

War der Frauenstreik überhaupt ein richtiger Streik? Begriffsanalysen und andere Relativierungen in Schweizer Zeitungen.

Von Valerio Meuli

NZZ vom 14. Juni 2019

Klar ist: Der Frauenstreik hat solche Dimensionen angenommen, dass er medial nicht ignoriert werden konnte. Sogar die «Weltwoche» schrieb sich die Finger wund und verwendete, wie die WOZ, das offizielle Logo des Frauenstreiks. Grosse internationale Zeitungen wie die «New York Times» und «The Guardian» schickten sogar extra ReporterInnen, um über Demonstrationen zu berichten.

Obwohl gewisse Schweizer Zeitungen erstaunlich differenzierte Artikel zum Thema veröffentlicht haben, war ein skeptisches Motiv immer wieder anzutreffen: Für viele schien es eine drängende Frage zu sein, ob der Frauenstreik nun wirklich ein Streik ist oder nicht. So schrieb der «Tages-Anzeiger» eine gute Woche vor dem Streiktag, dass der Frauenstreik «bis zur Unendlichkeit entschärft» werde. Der männliche Autor des Textes betonte dann sogleich auch, wie ein wahrer Streik aussehe: nämlich so wie der erste Streik, den Zürich je erlebt habe – von Schmiedegesellen, vor über 600 Jahren.

Falscher Zeitpunkt

Die NZZ konfrontierte in ihrer Samstagsausgabe nach dem Streik die Historikerin Elisabeth Joris – quasi stellvertretend für die streikenden Frauen – mit ähnlichen Vorurteilen, wie sie im «Tages-Anzeiger» zu lesen waren: Ein richtiger Streik sei doch nicht so «lustvoll», wie es der Frauenstreik gewesen sei. Und auch das Gendersternchen im offiziellen Frauenstreiklogo – impliziert die NZZ – sei ein Indiz dafür, dass es eben kein richtiger, breit abgestützter Streik gewesen sei. Joris antwortet, dass der Frauenstreik eben deshalb gelungen sei, weil er mit der klassischen Vorstellung breche, dass Streiks nur von Männern in Lohnarbeitsverhältnissen durchgeführt werden könnten. Der Frauenstreik habe die ganze Dimension weiblicher Arbeit angesprochen – die in vielen Fällen unbezahlt bleibe.

Auch der Schriftsteller Lukas Bärfuss meldete sich zu Wort, im «SonntagsBlick» relativierte er den Frauenstreik auf seine Art. In seinem Text hinterfragt er zwar nicht, ob man nun «Streik» sagen dürfe oder nicht, verlangt aber gleich nach etwas Grösserem: «Frauenstreik ist gut, Generalstreik ist besser.» Diese Ansicht – nämlich die Anliegen des Frauenstreiks auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene zu denken – ist ja grundsätzlich zu begrüssen. Aber nur zwei Tage nachdem die Frauen auf der Strasse waren? Und von einem männlichen Intellektuellen, der der Frauenbewegung wohlwollend Weisheiten weitergibt? Bärfuss stellt den Frauenstreik in einen historischen Zusammenhang und arbeitet sich an identitätspolitischen Fragestellungen ab – am Beispiel von Menschen, die sich für die Rechte von Schwarzen eingesetzt haben. Interessant dabei ist, dass die drei genannten Vorkämpfer alles Männer sind: Martin Luther King, Malcolm X und Barack Obama.

Entbehrliche Interviews

Auch Interviews mit eher unkonventionellen Partnern fielen auf. So führte der «Tages-Anzeiger» mit Anwalt und SVP-Kantonsrat Valentin Landmann ein Gespräch, in dem dieser gutmütig seine Beinahesolidarität mit dem Frauenstreik ausdrückt. Gewisse Forderungen der Streikenden müssten auch die Bürgerlichen ernst nehmen, so Landmann. Schnell fügt er noch an, dass in seiner Kanzlei alle Frauen arbeiten müssten, der Betrieb des Büros müsse uneingeschränkt weiterlaufen. Die journalistische Idee, die man hinter dem Landmann-Interview vermutet: Juhui, wir haben einen SVPler gefunden, der sich positiv zum Frauenstreik äussert.

Auch eine andere altbekannte Figur war immer wieder anzutreffen: der meckernde, weisse, alte Mann. Er wird zitiert («Dummi Hüener, gönd go schaffe, wär vill gschiider», NZZ), am liebsten noch in Schweizerdeutsch und an Textstellen, wo das Zitat keinen besonderen Mehrwert schafft. So ein bisschen für die Atmosphäre.

Viele Artikel rund um den Frauenstreik wurden von Männern verfasst. Zumindest bei jenen Texten, die am Samstag erschienen, ist das ja ein gutes Zeichen: Die Frauen in vielen Medienhäusern haben gestreikt. Und trotzdem ist es – vorsichtig ausgedrückt – absurd, Figuren wie Landmann ausgerechnet zu diesem Thema zu befragen.

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