Nr. 24/2020 vom 11.06.2020

Mixer und andere feministische Waffen

Was trieb die Beteiligten des letztjährigen Frauenstreiks in der Schweiz um? Und wie ist die feministische Streikbewegung weltweit einzuordnen? Zwei neue Bücher geben Anregungen.

Von Rahel Locher

Dürfen Frauen mit Kopftuch mitdemonstrieren? Das Kollektiv Foulards Violets am Frauenstreik 2019 in Genf. Foto: Sandra Pointet / Magali Dougados, Freshfocus

Über eine halbe Million Menschen mobilisierte der Frauenstreik am 14. Juni 2019. Ein Jahr später blickt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift «Widerspruch» auf diesen historischen Tag zurück: Sie wirft einen Blick in die Geschichte der feministischen Bewegung in der Schweiz und thematisiert auch die Kämpfe in anderen Ländern.

Zwei Gruppen, die am letztjährigen Frauenstreik organisatorisch mitwirkten, sind das Gastrakollektiv Zürich und Luzern sowie die Eidgenössische Kommission dini Mueter (EKdM). Im «Widerspruch» problematisieren sie die Verhältnisse im Gastgewerbe und in der bezahlten und unbezahlten Kinderbetreuung. Die EKdM bringt die Anliegen von Müttern und Kita-Angestellten zusammen, das Gastrakollektiv formuliert aus der unmittelbaren Betroffenheit freche Antworten auf den alltäglichen Sexismus und die (geschlechtlichen) Hierarchien in der Gastronomie – zum Beispiel mit der Parole: «Ist dein Chef ein dummer Wixer, mach ihn fertig mit dem Mixer!»

Gegen die kolonialen Rückstände

Viel Raum nimmt auch die antirassistische und antikoloniale Kritik an den feministischen Bewegungen ein. Dass hier schnell Widersprüche aufbrechen, zeigt schon ein Vorfall an der Genfer Demonstration vom 14. Juni. Auf einem Transparent der Foulards Violets, einem Kollektiv muslimischer Feministinnen, war dort zu lesen: «Mein Kopftuch ist nicht der Grund für meine Unterdrückung, sondern der Vorwand, um mich auszuschliessen.» Prompt gab es Versuche von anderen Demonstrantinnen, diese Frauen samt ihren spezifischen Anliegen auszuschliessen. Zu diesen Anliegen gehört der Kampf gegen das Genfer Laizitätsgesetz, das das Tragen religiöser Symbole bei Staatsangestellten verbietet – also auch das Kopftuch.

Die Basler Geschlechterforscherin Meral Kaya (vgl. «Durch den Monat mit Meral Kaya (Teil 2)») weist im «Widerspruch» darauf hin, dass hier eine sowieso schon diskriminierte Gruppe durch dieses Gesetz von Teilen des Arbeitsmarkts ausgeschlossen und in Niedriglohnsektoren verdrängt werde. Wenn sich diese Frauen nun organisieren und für einen Zugang zu höher qualifizierten Berufen kämpfen, tragen sie letztlich eine zentrale Forderung des feministischen Streiks auf die Strasse: jene nach Lohngleichheit. Dass sie am 14. Juni nicht mit Freude empfangen wurden, erklärt Kaya mit einem kolonialen Denken, das arabische und muslimische Menschen den weissen Europäerinnen unterordnet. Eine antikoloniale Kritik äussern im «Widerspruch» auch chilenische und bolivianische Feministinnen. Sie betonen die Ansätze eines indigenen Feminismus und eines Feminismus von unten und grenzen sich von feministischer Theorie und Praxis ab, die sich hauptsächlich auf die Überlegungen weisser Akademikerinnen stützt.

Die einzelnen Texte im «Widerspruch» sind kurz, prägnant und zeigen die beeindruckende Breite feministischer Auseinandersetzungen auf. Sie eignen sich hervorragend als Denkanstösse zu verschiedenen feministischen Fragestellungen. Wer nach den schlaglichthaften Aufsätzen im «Widerspruch» eine systematischere Darstellung sucht, findet sie in «Frauen*streik» von Brigitte Kiechle. Die deutsche Autorin und Rechtsanwältin legt in ihrem Buch eine politische und historische Einordnung der Frauenstreikbewegung vor. Streiks in ihrer klassischen Form im Lohnarbeitskontext kommen dabei ebenso zur Sprache wie Streiks, die über konkrete Veränderungen in den Betrieben hinaus die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse infrage stellen – und sich einmal mehr mit dem Zusammenhang zwischen der kapitalistischen und der patriarchalen Unterdrückung befassen.

Wie gelingt ein Streik?

Deutlich wird auch, wie wichtig die Impulse aus Lateinamerika für die Bewegungen in Europa und der Schweiz sind. In Argentinien gab es bereits im Herbst 2016 einen feministischen Streik gegen die weitverbreitete Gewalt gegen Frauen. Unter dem Motto «Ni una menos» (Keine Einzige weniger) kam es in der Folge in ganz Lateinamerika zu Protesten gegen Femizide, um diese als strukturelle, mit patriarchalen und kapitalistischen Verhältnissen eng verbundene Gewalt deutlich zu machen. Innerhalb Europas war es die feministische Bewegung in Spanien, die den ersten grossen Streik auf die Beine stellte. Am 8. März 2018 versammelten sich im ganzen Land über fünf Millionen Menschen und blockierten in mehreren Grossstädten stundenlang den Verkehr.

Brigitte Kiechle betont zwei wichtige Voraussetzungen für erfolgreiche feministische Streiktage: einerseits verlässliche feministische Vernetzungen, in denen bereits vor den jeweiligen Streiktagen gemeinsam frauenpolitische Themen bearbeitet wurden, und andererseits die Offenheit der Streiktage für Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ausdrucksformen, ohne dass Einzelne mit ihren Positionen einen Führungsanspruch erheben. Diese beiden Punkte erhalten auch in den «Widerspruch»-Texten zum Schweizer Frauenstreik viel Gewicht. So können diese beiden Bücher dazu beitragen, die Erfolgsgeschichten der feministischen Streiks zu begreifen und fortzuführen.

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