Nr. 24/2006 vom 15.06.2006

Die WOZ für Sie!

Von Sonja Wenger

Lila ist die Farbe der westlichen Frauenbewegung. Lila eingefärbt war auch das Titelfoto der legendären WOZ anlässlich des Frauenstreiks vom 14. Juni 1991. Eine ganze Nummer fast ausschliesslich zum Thema Frauen, ihre Wahrnehmung und ihre aktuelle rechtliche und politische Situation. Vornehmlich Redaktorinnen sind auf die Geschichte der Frauenrechtsbewegung ebenso eingegangen wie auf kulturelle Diskurse, die Befindlichkeit von Frauen in links-alternativen Räumen oder die Frage, was das grosse WOZ-I genau gebracht hat.

So reflektierte Sonja Hug im Artikel «Ist die Compañera die Köchin?» kritisch die patriarchale Struktur der Sprache: «Sicher, es ist den Frauen gelungen, so viel Druck auf Männer in ihrem Umkreis auszuüben, dass diese sich bemühen, einige wenige neue Sprachregeln einzuhalten. Trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl, der Verdacht, dass sich doch nicht allzu viel verändert hat in den Köpfen. (...) Männer reden und schreiben zwar, grammatikalisch gesehen, auch von Frauen, aber meinen sie auch Frauen? (...) Mit einer formalen Sprachkorrektur werden nur Frauen sichtbar, die in jenen Strukturen leben, arbeiten, kämpfen, die Männer als wichtig erachten, die sie überhaupt sehen können. Die Ehefrauen von Bergarbeitern sind nun mal nicht gemeint, wenn von BergarbeiterInnen gesprochen wird.»

Auf Seite eins klingt es ebenfalls vertraut. Im Artikel «Die WOZ für Sie!» fordert Franziska Moor mehr Engagement von beiden Geschlechtern, ohne die Realität ausser Acht zu lassen: «Dieser Mangel an politischem Drive bei der Geschlechterfrage ist nicht allein auf die persönliche Verstricktheit der Einzelnen mit dem Thema zurückzuführen, sondern wesentlich auch politisch-struktureller Art. (...) Die Geschlechterfrage, der Frauenstreik (...) ist keine einfache, zündende, neue Forderung, sondern das Einfordern dessen, was vor 20 Jahren (politisches Stimm- und Wahlrecht), vor 10 Jahren (Gleichberechtigung), vor 6 Jahren (neues Eherecht) auf dem Papier beschlossen worden ist und immer wieder (für die nächste oder übernächste AHV-Revision etwa) beschlossen wird: die Abschaffung der Frauendiskriminierung; sozusagen die Einhaltung eines riesigen Gesamtgesellschaftsvertrages.» Frau müsste nur die Zahlen aktualisieren, und niemand würde merken, dass der Text fünfzehn Jahre alt ist.

Im historischen Rückblick «Hundert Jahre Frauenprotest: Kleine Geschichte der Frauenstreikbewegung» von Elisabeth Joris wird bewusst, wie viele Frauen sich schon an wie vielen Wänden den Kopf blutig gestossen haben: «Wenn Frau will, steht alles still!» Mit dieser Parole des Generalstreiks von 1918 hatten die Frauen dann auch zum landesweiten Frauenstreik 1991 aufgerufen: «Dabei wurde der traditionelle Arbeitsbegriff auf alle Tätigkeitsbereiche von Frauen - ob bezahlt oder unbezahlt, ob zu Hause oder am ausserhäuslichen Arbeitsplatz - ausgeweitet.»

Und was hat sich verändert seit dem Streik? Weniger als möglich gewesen wäre. Erfolge bleiben Einzelfälle, die mühsam erkämpften Errungenschaften gelten vielen Frauen heute als Selbstverständlichkeit. Und noch immer gibt es Menschen, die glauben, dass in diesem Land die Gleichberechtigung herrscht, nur weil sie im Gesetz steht. So schrieb in der letzten WOZ Wirtschaftsredaktorin Elvira Wie gers über die nach wie vor beste hende Lohnungleichheit: «Wenn ein Mann 50 Franken verdient, erhält eine Frau für vergleichbare Arbeit nur 39 Franken»; die Gewerkschaftszeitung «Work» meinte dazu: «Entwickelt sich die Lohnangleichung im bisherigen Schneckentempo, müssen die Frauen noch siebzig Jahre darauf warten.» Der diesjährige 14.Juni stand denn auch unter dem Motto: «Ganzer Lohn für ganze Arbeit». Das Thema ist wichtig, immer noch und immer wieder.

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