Nr. 13/2010 vom 01.04.2010

Die Mittäterin

Bei den bekannt gewordenen sexuellen Übergriffen geht es um das Machtgefälle in einer geschlossenen Männerwelt. Sie sind möglich, weil die Kirche wegschaut. Und weil sie den Opferschutz nicht ins Zentrum stellt.

Von Dorothee Wilhelm

Macht der Zölibat pädosexuell? Sind die sexuellen Übergriffe von Priestern auf Kinder eine direkte Folge der Verachtung und Unterdrückung von Sexualität in der katholischen Kirche, ganz nach dem erstaunlich langlebigen Dampfkesselmodell: Irgendwo muss der Druck raus? Wenn es so wäre, müsste jeder zivilisierte Staat sofort ein Verbot des Zölibats in seine Verfassung aufnehmen.

Leider werden sexuelle Übergriffe auch in fortschrittlichen Internaten und auch von Familienvätern verübt. Was begünstigt sexuelle Ausbeutung in der Kirche? Tatsächlich ist die katholische Hierarchie ziemlich sexfixiert: Jede sexuelle Regung und Berührung wird von einem Wald von Verbotsschildern umzingelt, sodass man wirklich an gar nichts anderes denken kann. Frei nach Michel Foucault: Jedes Verbot eine Erregungsquelle.

Der Ausschluss der Frauen und die Verdrängung der Sexualität aus der Struktur gehen seit der frauenfeindlichen Interpretation des Sündenfalls Hand in Hand – Eva, nicht der begehrende Mann, ist für die Verführung zuständig. Wer seit dem Mittelalter einen Frauenakt malen will, ohne den eigenen begehrenden Blick zu zeigen, drückt der Frau im Bild einen Spiegel in die Hand und schreibt «Vanitas – Eitelkeit» darunter, und schon ist die nackte Frau das Symbol der Eitelkeit, der Betrachter bleibt unsichtbar.

Eine so hochsexualisierte und gleichzeitig sexverleugnende Struktur zieht wahrscheinlich Leute ins Amt, die Probleme mit dem eigenen Begehren haben. Diese Probleme möchten sie auf keinen Fall anschauen. Unter diesen Leuten sind auch Pädosexuelle. Doch das ist noch nicht der Kern des Problems.

Es geht um Macht

Wenn Libido und Machttrieb die entscheidenden Dynamiken in den Menschen sind, was bleibt dann nach Ausschluss der Libido? Überraschung! Es geht um Macht. Harald Schweizer, Professor in Tübingen, schrieb vor vielen Jahren in der «Frankfurter Rundschau» den wohl wichtigsten Satz zum Zölibat, nachdem er aufgrund seiner Eheschliessung die kirchliche Lehrerlaubnis verloren hatte: «Die Bedeutung des Zölibats liegt darin, dass jemand, der einen so einschneidenden Eingriff in sein Privatleben zulässt, wohl auch sonst keinen nennenswerten Widerstand mehr leisten wird.»

Viele Priester wählen eine spirituelle und seelsorgerische Existenz und nehmen den Zölibat in Kauf, weil es dazugehört, sie schätzen aber nicht diese Lebensform an sich. Wie nach anderen Amputationen auch, lernen sie, damit zu leben und ihm einen Sinn zu geben. Der Zölibat ist keine kranke Lebensform, das wäre ein zu enger Normalitätsdiskurs, ein Mensch darf wählen, so zu leben. Viele Leute leben unfreiwillig für einige Jahre im Zölibat, weil sie keine sexuelle Beziehung haben, krank oder im Gefängnis sind. Begehen sie alle Übergriffe? Nein. Sexuelle Übergriffe auf Kinder werden nicht nur von pädosexuellen Tätern verübt, sondern auch von anderen, einfach, weil sich die Gelegenheit bietet. Damit kommen wir zum Herzen der Dinge: Es geht um Macht.

Machtmissbrauch in jeglicher Hinsicht geschieht schlicht und ergreifend, weil er möglich ist. Weil niemand hinschaut und der Täter sich sicher fühlen kann, unerkannt und ohne Konsequenzen davonzukommen – wie wenn man beispielsweise der illegalisierten Hausangestellten den Lohn verweigert. Durch gezieltes Wegschauen bietet die kirchliche Hierarchie den Tätern Nischen – sie weiss es. Schlimmer noch: Sie ist Mittäterin.

Opferschutz ins Zentrum stellen

Gewaltprävention bedeutet zuerst: Fenster öffnen, Öffentlichkeit herstellen, Kommunikation ermöglichen, verletzlichen Mitgliedern der Gesellschaft eine Stimme geben und Möglichkeiten zur Verfügung stellen, damit sie ihre Rechte durchsetzen können. Es heisst, den in geschlossenen Institutionen besonders verletzlichen Kindern zuzuhören und öffentlich klarzustellen, wo die Grenzen sind und was ein Übergriff ist, damit Kinder sich leichter wehren können. Es heisst auch, Opfern Begleitung zu bieten, damit sie nicht Opfer bleiben, sondern bessere Erfahrungen dem Trauma entgegensetzen können, kurz: Opferschutz ins Zentrum zu stellen.

Das aber geschieht in der katholischen Kirche bis zum heutigen Tag nicht. Was sexuelle und andere Übergriffe in der Kirche begünstigt, ist das extreme Machtgefälle in der Hierarchie, einer geschlossenen Männerwelt mit dem Papst an der Spitze, die sich auf Machterhalt konzentriert und dafür leugnet, vertuscht und aussitzt. Bis heute haben die Machtträger keine Verantwortung für die Strukturen übernommen, die die Übergriffe weiterhin ermöglichen. Das ist eine Sünde, die zum Himmel schreit.

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