Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Der Trauer zum Trotz

Die sudanesische Junta liess das Sit-in gewaltsam auflösen. Die Opposition organisiert sich neu und führt die Proteste weiter.

Von Armin Köhli

Das Ende war überaus blutig. Am 3. Juni griff eine Sondereinheit des Militärs, die Schnelle Unterstützungstruppe (RSF), das grosse Protestcamp in der sudanesischen Hauptstadt Khartum mit Schusswaffen an. Unterstützt von verbündeten Milizen, brannten die RSF-Männer die Zelte und Stände nieder und räumten das Gelände. 128 Tote hat das Zentralkomitee der Sudanesischen Ärzte seither dokumentiert. Dutzende Leichen wurden von den Milizionären einfach in den Nil geworfen. Seit dem 6. April hatten DemonstrantInnen das Gelände im Zentrum der Stadt besetzt gehalten. Sie waren auch geblieben, nachdem eine Militärjunta den langjährigen Diktator Umar al-Baschir am 11. April verhaftet und die Macht übernommen hatte (siehe WOZ Nr. 23/2019). Mit dem Sit-in forderten die Protestierenden eine zivile Regierung.

Die RSF untersteht dem starken Mann der Junta, Mohamed Hamdan Daglo, genannt Hemeti. Sie entstand aus den regimetreuen arabisch-nomadischen Dschandschawid-Milizen, die in der Region Darfur Kriegsverbrechen an den dortigen sesshaften Bevölkerungsgruppen begingen. Eine Sudanesin, die in Darfur jahrelang mit den Konfliktparteien gearbeitet hat, beschreibt das Vorgehen der RSF gegen das Sit-in so: «Wenn diese jungen Milizionäre den Befehl zum Angriff erhalten, glauben sie, sie können tun, was sie wollen. Sie führen sich auf wie Cowboys. Sie haben den Leuten die Mobiltelefone weggenommen, weil sie dachten, so könnten sie ihre Verbrechen verbergen. Und sie glaubten, die jungen Leute der Protestbewegung würden völlig eingeschüchtert – doch da haben sie sich getäuscht! Denn die wissen: Wenn sie jetzt aufgeben, dann müssen sie wieder dreissig Jahre leiden.»

Die Angst der Militärs

Zunächst war unklar, ob Hemeti allein gehandelt hat, dann aber erwies sich, dass die Junta gemeinsam entschieden hat. Mit der Räumung des Sit-ins wollten sich die Militärs offensichtlich Macht und Pfründe erhalten. Dennoch wirken sie heute etwas verunsichert, ob sie, angesichts der nationalen und internationalen Proteste, nicht doch dafür zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Die gewundenen öffentlichen Stellungnahmen von Juntavertretern lassen sich etwa so zusammenfassen: Ja, man sei verantwortlich für das Blutbad, aber doch nicht so ganz – es sei eben nicht alles nach Plan gelaufen. Demnach habe man zunächst den Befehl erteilt, ein ans Sit-in angrenzendes Gelände zu räumen. Dabei sei aber leider scharf geschossen und gleichzeitig auch noch das Sit-in geräumt werden. Diese angebliche Verkettung unglücklicher Umstände rechtfertige jedenfalls keine internationale Untersuchung der Geschehnisse, schliesslich sei der Sudan ein souveräner Staat und könne die Schuldigen auch selbst bestrafen.

Laut dem oppositionellen Internetnachrichtendienst «Sudan Tribune» spielen die Militärs auch immer öfter auf Berichte an, dass die Opposition sie wegen Kriegsverbrechen, die sie noch unter dem Regime von Baschir begangen hatten, vor Gericht stellen wolle. Für Hemeti kommen dazu noch die – berechtigten – Ängste, dass seine RSF unter einer zivilen Regierung aufgelöst werden könnte. Hemeti reiht derzeit in der Manier eines Volkstribuns einen öffentlichen Auftritt an den anderen; er setzt dabei offenbar auf die Unterstützung arabischer Stämme.

Ziviler Ungehorsam

Seit dem 3. Juni ist im Sudan das Internet gesperrt. Es sei schwierig, sich ohne Internet zu koordinieren, sagt die Aktivistin Rascha Amin am Telefon. Sie hatte in den letzten Monaten mitgeholfen, die Gewerkschaft der IngenieurInnen aufzubauen. Am Sit-in kümmerte sich die Lebensmittelingenieurin wochenlang um die Aktivitäten im Zelt der Gewerkschaft. Amin erzählt, sie habe am 3. Juni das Sit-in nachts um 3.30 Uhr verlassen, eine gute Stunde vor dem Angriff. Gegen 6 Uhr habe sie versucht zurückzukehren, aber das sei nicht mehr möglich gewesen. «Ich bin extrem wütend», sagt sie, «und manchmal weine ich.» Aber die Arbeit gehe weiter. «Wir treffen uns jetzt persönlich, in kleinen Gruppen, um über die nächsten Schritte zu diskutieren. Wir müssen uns halt noch besser organisieren.»

Die Einheit der Protestbewegung besteht weiterhin, auch wenn die Führungsstruktur der Bewegung teilweise kritisiert wird. Die gemeinsame Forderung bleibt: Das Militärregime muss weg. Letzte Woche gelang es der Opposition, mit einer Kampagne des zivilen Ungehorsams das Land drei Tage lang lahmzulegen. Nun hat sie einen wöchentlichen Aktionsplan mit Aufgaben und Massnahmen für jeden einzelnen Tag veröffentlicht – dazu gehören Informationsstände, Quartiertreffen, Versammlungen in Dörfern und Städten, landesweite abendliche Demos, Predigten in den Moscheen. Die wichtigste Kraft der Bewegung ist weiterhin der Verband der sudanesischen Berufsleute. Der hat schon zu Beginn der Proteste bewiesen, wie gut organisiert seine Aktionen sind. Über Monate veranstaltete er jeden Donnerstag Demonstrationen verschiedener Berufsgruppen an den unterschiedlichsten Orten. Sie begannen immer um 13 Uhr. Und keine Minute später.

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