Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Nach der Wahrheit die Erfahrung

«Denken ohne Geländer»: Maike Weisspflugs Parcours durch Hannah Arendts Werk zeigt auf, wie Erzählen den Verstand befreien kann. Aber was bedeutet das für das politische Handeln?

Von Ulrike Baureithel

Argumente und Zigaretten: Hannah Arendt wird im September 1964 im ZDF von Günter Gaus interviewt. Still: SWR / rbb / ZDF

Nach dem Abschied von den «grossen Erzählungen» kommt das Erzählen, und überall heisst es jetzt wieder, dass wir neue Geschichten brauchen. Diese Hinwendung zum Narrativen ist Ausdruck einer Krise der Theorie. Das Misstrauen gegenüber grossen Welterklärungsmodellen fördert aber auch die Wiederentdeckung jener DenkerInnen, die sich solchen Entwürfen stets verweigert haben. Zu ihnen gehört die oft als «schlechte Theoretikerin» geschmähte Philosophin Hannah Arendt, die sich der Philosophie allerdings nie zugehörig empfand.

Parvenu oder Paria

Schon länger fahndet der akademische Nachwuchs nach Versatzstücken – Arendt würde mit Walter Benjamin sagen: nach «Perlen» – in ihrem Werk, die für eine Politik der Welterfassung fruchtbar zu machen wären. Während Arendt der Vorgängergeneration verdächtig war, das Paradigma des Totalitarismus in den breiten Diskus eingeführt und mit der Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Stalinismus die NS-Herrschaft relativiert zu haben, sehen die Jüngeren darin weniger die konkret politischen als die strukturellen Implikationen.

Mittlerweile konzentriert sich die Rezeption auf Hannah Arendts «Denken ohne Geländer», befördert von der bei Wallstein erscheinenden «Kritischen Gesamtausgabe» ihrer Werke. In ihrem Buch «Hannah Arendt. Die Kunst, politisch zu denken» schlägt Maike Weisspflug nun eine Lesart vor, die sich auf Arendts «Kritik an der Erd- und Weltentfremdung» konzentriert. Der Politikwissenschaftlerin geht es vor allem um die Methode des Denkens, wie der Satz von Albert Camus zeigt, den sie ihrer Studie als Motto voranstellt: «Wer keinen Charakter hat, muss sich wohl oder übel eine Methode zulegen.» Und Arendts Methode, so zitiert Weisspflug ihre Gewährsfrau, bestehe darin zu erzählen: «Was uns frei macht, sind die Dinge, von denen wir erzählen können.»

Ausgangspunkt für Arendts Denken ist der Traditionsbruch, weil sich die Krisenerscheinungen der Moderne mit dem Instrumentarium der überlieferten Ideengeschichte nicht mehr erfassen lassen. Die «totale Herrschaft», wie sie der Nationalsozialismus hervorgebracht habe, mache die herkömmlichen Bedingungen des Urteilens und Handelns obsolet, insofern er sich aller bisherigen Werte entledigt und alle Spielräume spontanen Handelns aufgehoben habe.

Streng ins Gericht geht Arendt auch mit den Freiheitsversprechen der Aufklärung. Die Vorstellung jüdischer Assimilation und paritätischer Teilhabe erzeuge, so Arendt, einen Überanpassungsdruck und bringe den Parvenu hervor. Wollten JüdInnen ihr Jüdischsein aber bewahren, blieben sie Paria. Diese von Arendt überhöhte ästhetische Figur – repräsentiert etwa in Heinrich Heines «Schlemihl» – steht ausserhalb, sozusagen auf einem exklusiven Beobachtungsposten.

Das hat – obwohl es keinen Ort ausserhalb der Gesellschaft geben kann – nicht nur Feministinnen inspiriert, sondern beflügelt heute auch die kulturrelativistische Debatte, gerade im Hinblick auf die Kritik an der Homogenität politischer Erfahrungsräume. Am Beispiel von Arendts viel diskutiertem Essay über die Geschehnisse in Little Rock 1957 zeichnet Weisspflug nach, wie die partikulare Erfahrung einer europäischen Jüdin, der der Erfahrungshintergrund der Schwarzen fehlt, Arendt dazu verführt, dieses Schlüsselereignis der schwarzen US-Bürgerrechtsbewegung falsch zu beurteilen. Nach der Aufhebung der Rassentrennung im Bundesstaat Arkansas hatten schwarze SchülerInnen dort versucht, die Highschool zu besuchen, und waren von einem weissen Mob angegriffen worden. Sie mussten von der Nationalgarde eskortiert werden, was Arendt scharf kritisierte, weil sie zwischen Politischem und Gesellschaftlichem strikt unterschied. Der Impuls, sich jedem Mitgefühl mit den Opfern zu entziehen, macht Arendt blind für die strukturellen Zwänge von deren Handeln und unfähig zur multiperspektivischen Betrachtung, die sie selbst einfordert.

Lüge als Weltordnung

Noch eindringlicher verfolgt Weisspflug, wie Arendt die Literatur in ihrem Denken produktiv gemacht hat. Literatur, insbesondere die griechische Mythologie, so erklärte Arendt in ihrem berühmten TV-Interview mit dem Publizisten Günter Gaus, sei für sie immer sehr wichtig gewesen und als Ressource gewinnbringender als rationale systematische Theorien. Gegen alles Abstrakte hegte sie ein tiefes Misstrauen, und sie war überzeugt, dass Ideen anfällig seien für Ideologie, der auch durch entlarvende Ideologiekritik nicht beizukommen sei: «Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht», zitiert sie Franz Kafka und schlägt damit gerade den Linken ein wichtiges Handwerkszeug aus der Hand. Gegen «Tendenzkunst» müsse sich Literatur ästhetisch beweisen und die Urteilskraft schärfen.

Dagegen bringt Arendt den aufgeladenen Begriff des spontanen Handelns ein, das Vermögen, immer wieder neu anzufangen, das nicht von einer Idee geleitet ist, sondern von Erfahrung gesättigt. Dieses Konzept einer erzählten reflektierten Erfahrung zeichnet Weisspflug in Arendts Lektüren von Homer, Kafka, Joseph Conrad, Herman Melville und Brecht nach.

Auch wenn die Gepflogenheiten der akademischen Qualifikationsarbeit in diesem Teil stark durchscheinen: Weisspflugs literaturwissenschaftlicher Durchgang durch Arendts Werk ist anregend. Doch haben die aus der Literatur gewonnenen Massstäbe – Perspektivenwechsel, Mehrstimmigkeit und dialogisches Sprechen – tatsächlich das Potenzial, das politische Denken zu revolutionieren? Reicht das vorgeschlagene «limitierte Denken» weit genug, um nicht nur die politische Praxis besser zu handhaben, sondern Gesellschaft zu verändern? Gerät Multiperspektivität nicht in die Nähe des Relativismus?

Mehr als ein Erzählraum

Weitblickend ist Arendt dort, wo es – schon unter dem Eindruck atomarer Bedrohung – um eine Zeitdiagnose geht: Ihre Kritik am «Produktionsparadigma», der Vorstellung, die Welt von einem «archimedischen Punkt» aus berechenbar und kontrollierbar zu machen, bleibt aktuell, es erzeugt auch heute immer neue politische und wissenschaftliche Mythen. Der anthropozentrische Standpunkt negiert die Bedürfnisse der Natur und der Dinge.

Zu fragen wäre aber, ob das konkret Erzählbare – etwa über die Klimaerhitzung –, das überschaubare Miteinander und die Vielfalt der Perspektiven ausreichen, um die Welt verstehbar zu machen. Können gegenläufige Interessen versöhnt werden, wenn sich nur alle auf der «Bühne» versammeln und einen politischen «Erscheinungsraum» bilden, wie Weisspflugs Bild politischer Welterschliessung suggeriert? Die Welt ist mehr als ein Erzählraum und ein Ort spontanen Handelns. Die «kleinen Erzählungen», die auch journalistisch en vogue sind, machen die Zerstörung und das Leid vielleicht fassbar, doch sie verhindern sie nicht.

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