Nr. 34/2019 vom 22.08.2019

Posaunen sind keine Knarren

Regisseur Stefan Kaegi bringt «Granma. Posaunen aus Havanna» ans Zürcher Theater-Spektakel, ein Dokumentartheater über Generationenkonflikte im Kuba der Revolution. Wer sich aber auf Frontalunterricht einstellt, wird überrascht.

Von Valerio Meuli

Reden nicht über ihre Eltern: Die KubanerInnen Diana Sainz Mena, Christian Paneque Moreda, Daniel Cruces-Pérez und Milagro Álvarez Leliebre. Foto: Ute Langkafel, Maifoto

Auf einer Leinwand ist ein alter Mann zu sehen. Er sitzt da und versucht, den DarstellerInnen auf der Bühne zu erklären, wie ein Gewehr funktioniert. Dumm nur, dass diese keine Gewehre, sondern Posaunen in den Händen halten. Sie probieren, so gut es geht, mit den Instrumenten Schiesswaffen zu imitieren – es bleibt beim Versuch. Nach ein paar Minuten der Szene ist klar: Die DarstellerInnen und der alte Mann auf der Leinwand finden keine gemeinsame Sprache.

Der alte Mann nämlich spricht mit Stolz von seinen Waffenkenntnissen, denn er hat sie zum Zweck der Revolution eingesetzt. Er hat für Fidel und für Raul geschossen – die beiden Castro-Brüder nennt er stets beim Vornamen. Er schoss, um Kuba von der Batista-Diktatur zu befreien. Bis heute ist der alte Mann ein treuer Anhänger der Revolutionsgarde Kubas. Er steht immer noch hinter der Politik der einzigen Partei im Land: der kommunistischen. Sein ganzes Leben habe er der Revolution gewidmet. Und er hoffe, dass sein Enkel Daniel dasselbe von sich sagen könne, wenn er einmal 77 Jahre alt sei.

Daniel ist einer der vier DarstellerInnen des Stücks «Granma. Posaunen aus Havanna», und er sieht das ein wenig anders. Auf der Bühne erzählt er, dass er sehr stolz auf seinen Grossvater sei. Stolz darauf, dass dieser einen Sinn für sein Leben gefunden habe. Er sagt aber auch, dass er selbst den Sinn seines Lebens noch nicht gefunden habe. Er möchte sich nicht wie vom Grossvater gewünscht in den Dienst der Partei stellen.

Intime Einblicke

Zeitzeugeninterviews, historische Originalquellen, Filmsequenzen: Es ist klassisches Dokumentartheater, das Rimini-Protokoll-Mitglied Stefan Kaegi ans Zürcher Theater-Spektakel bringt. Das Stück beginnt als eine Art theatraler Geschichtsunterricht. Weitere Hinweise darauf, dass es Kaegis Handschrift trägt: Es basiert auf aufwendigen Recherchen vor Ort, und es wirken ProtagonistInnen mit, die keine ausgebildeten SchauspielerInnen sind. «ExpertInnen des Alltags», so werden sie in den Stücken von Rimini Protokoll genannt.

Wer sich also setzte und hoffte, von dort lebenden Menschen etwas über das ferne Kuba zu erfahren, der wurde nicht enttäuscht. Das Stück gibt tatsächlich sehr intime Einblicke ins Alltags- sowie ins Seelenleben der vier DarstellerInnen. An manchen Stellen im Stück sind diese Einblicke so ehrlich, dass sich die Frage aufdrängt, ob im Zürcher Publikum auch solche ExpertInnen des Alltags sitzen, die genauso frei über ihre Ängste, Hoffnungen und über das Leben in der Schweiz erzählen würden, wie es die vier jungen Menschen aus Kuba tun. Doch je länger der Abend geht, muss das Publikum aus seiner wohlig-distanzierten Haltung herauskommen. Denn es wird immer mehr ins Stück einbezogen und auch direkt angesprochen. Und das tut gut – dem Publikum wie auch dem Theater.

Daniel und die anderen drei ProtagonistInnen stehen stellvertretend für eine neue Generation KubanerInnen. Dass sie mit Posaunen statt Gewehren hantieren, ist aber weit mehr als eine Metapher. Denn die Protagonistin Diana Sainz Mena ist Musikerin und hat während eines Jahres den anderen das Posaunenspiel beigebracht. So finden sich die vier auf der Bühne immer wieder in gemeinsam gespielten Musikstücken.

Sie stehen für eine Generation, deren Grosseltern im Befreiungskampf gegen den Diktator Batista involviert waren. Deren Eltern unter der Herrschaft Fidel Castros lebten. «Über unsere Eltern reden wir heute aber nicht», heisst es auf der Bühne. «Denn sie waren keine aktiven Akteure, sie haben die Revolution nur weitergeführt.» Der Begriff Revolution steht in Kuba nicht nur für den Sturz der Diktatur, sondern wird als Prozess betrachtet, der immer noch im Gange ist.

Die Revolution befreien

Die Protagonistin Milagro Álvarez Leliebre, eine Geschichtsstudentin, findet den Revolutionsbegriff nicht grundsätzlich falsch. Aber klar ist für sie, dass die gesellschaftliche Entwicklung in Kuba keine Revolution im eigentlichen Sinn mehr ist. Sie sagt: «Die Revolution ist nicht zu Ende, sie muss aber befreit werden.» Und sie fragt dann auch das Zürcher Publikum, warum es lächelt, «wenn wir hier auf der Bühne das Wort Sozialismus aussprechen.» Das Publikum lächelt weiter. Álvarez Leliebre redet gegen linke, meist europäische Revolutionsromantik an: «Projiziert ihr eure aufgegebenen Ideale auf eine tropische Insel?» Ihr einziges Ideal sei soziale Gerechtigkeit.

Diese Aussage wird mit einer eindrücklichen Szene untermauert, in der Álvarez Leliebre vor einer riesigen Bücherwand hin- und hergeht und die Titel vorliest, die sie dem Publikum zum Lesen empfiehlt. Sie habe nur noch die wichtigsten Bücher in ihrem Regal zu Hause, sagt sie. Den Rest habe sie entsorgen müssen. Ihr Neffe, der im gleichen Haus wohnt, habe eine Stauballergie. Das ist ihre Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit: weniger ideologisch, dafür praktisch.

«Granma. Posaunen aus Havanna» am Zürcher Theater Spektakel, Do, 22. August 2019, 19 Uhr; weitere Termine: Genf, Salle du Lignon, 12./13. September 2019; Lugano, LuganoInScena, 29. September 2019.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch