Nr. 35/2019 vom 29.08.2019

Bei der Sache bleiben

Die Autorin Charlotte Roche und ihr Mann diskutieren öffentlich über Abgründe und Banalitäten ihrer Beziehung. Wieso will man das hören?

Von David Hunziker

Ein harmloses Gesprächsthema: die schlimmsten Geschenke, die sich Charlotte Roche und Martin Kess in fünfzehn Jahren Ehe gemacht haben. Es beginnt witzig, mit einer Harpune und Roches Fantasie eines Marinesoldaten, der aus dem Wasser steigt. Doch bald schon landen wir in einer Tabledance-Bar, und für die beiden wird es wieder unangenehm. Es war an seinem Geburtstag, ein Essen mit FreundInnen. In der Bar auf der anderen Strassenseite amüsieren sich die Frauen dann köstlich mit den Tänzerinnen, bis die Männer Kess einen Private Dance spendieren und dieser für Roches Empfinden etwas gar lange in der Kabine bleibt. Der Abend endet im Desaster.

Das hören wir in der zehnten Folge des auf Spotify laufenden Podcasts «Paardiologie», in dem Roche und Kess jeweils rund eine Stunde lang schonungslos über ihre Beziehung reden. Mit entwaffnender Offenheit kennt Roche sich aus: Als Moderatorin beim Musiksender Viva war sie für ihren direkten Interviewstil bekannt, und in ihrem Bestsellerroman «Feuchtgebiete» schrieb sie ohne Hemmungen über Körperflüssigkeiten und Sex. Während ihre Freude an der Enthüllung ungebrochen scheint, ist dem fünfzehn Jahre älteren Kess – früher TV-Produzent, heute Kaffeeunternehmer – die Überwindung manchmal anzuhören. Neben seiner wortgewandten Partnerin schlägt er, der streng katholisch aufgewachsen ist, sich aber erstaunlich gut.

In der Unterhose

Im Vergleich zu früheren Folgen ist die mit den Geschenken harmlos. Die beiden haben einiges zusammen erlebt: Alkoholismus, eine katastrophale Hochzeit mit familiären Todesfällen, sexuelle Eskapaden, Betrug, eine Abtreibung und einen komplizierten Start aus je anderen Beziehungen mit Kindern. Wieso macht es nur so viel Spass, sich all das anzuhören? Wieso werden diese Gespräche nie langweilig oder nervig, selbst wenn sie sich um die unterschiedlichen Vorstellungen beim Kartoffelschälen, Streit beim Brettspielen mit den Kindern oder Männerunterhosen mit getrennten Fächern für Penis und Hodensack drehen?

Neben den guten Geschichten liegt das vor allem an der Haltung. Gegenüber dem Publikum: Bei Roche und Kess ist nie ein Gefühl von Überlegenheit oder tiefer Einsicht zu spüren, mit gut gemeinter Ratgeberei hat dieses Experiment nichts zu tun. Überhaupt wird die Tatsache, dass hier Tausende in einen intimen Bereich vorstossen, kaum thematisiert. Paradoxerweise ist es aber gerade diese Situation, die ihren Gesprächen guttut, wie Kess einmal feststellt. Und da ist auch die gegenseitige Haltung: wie sie einander lange zuhören, wie sie den Unzulänglichkeiten und Verfehlungen des anderen mit Grosszügigkeit begegnen.

So zum Beispiel einem von Roches Seitensprüngen, um den es in der fünften Folge geht. Das Paar hatte damals mit einem Stalker zu kämpfen, und Roche fühlte sich nicht wohl im eigenen Haus. Als Kess in die Ferien fuhr, fragte er einen deutlich jüngeren «Bekannten der Familie», ob er sie ab und zu besuchen könne. Die Affäre dauerte zwei Monate, der junge Mann verliebte sich, sie brach den Kontakt ab – und hatte einen weiteren Stalker. Dann der Moment, in dem Roche ihren Partner «emotional gefickt hat», wie sie sagt: «Ich habe dich betrogen, und ich brauche deswegen jetzt deine Hilfe.» Roche zog daraus eine Lehre für die offene Beziehung, die sie später führten: nur noch mit öffentlich bekannten Personen, am besten verheiratet und mit Kindern.

Spinat im Gesicht

Aber die Themen sind nicht immer düster, sondern oft auch lustig. Zum Beispiel die Familienferien mit FreundInnen und deren Kindern, die stets an unterschiedlichen Erziehungsmethoden scheiterten (was tun, wenn die fremden Kinder einen ständig ungestraft mit Spinat bewerfen?). Oder die Folge, in der sie detailreich ihre Freude an Darmspiegelungen, Prostatauntersuchungen und MRI (Kess: «ein Moment, in dem ich fast am glücklichsten bin») teilen.

Gerade weil es den beiden mit diesem Podcast vor allem um sich selber geht, ist ihre Gesprächskultur inspirierend – hochgradig reflektiert, ohne sich je in allgemeine Theorien oder Rezepte zu verlieren. Hier kann man hören, was es heisst, bei der Sache zu bleiben.

«Paardiologie» ist auf Spotify zu hören. Geplant sind fünf weitere Folgen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch