Nr. 36/2019 vom 05.09.2019

Rendez-vous mit Fascho

Michelle Steinbecks Strategie von Konfrontieren und Konvertieren

Von Michelle Steinbeck

Gerade schreibe ich in einem abgelegenen Landhaus in Italien. Rundherum nichts als Olivenbäume; der nächste Ort ist ein verlassenes Geisterdorf und meine beste Freundin das Phantom der 1947 ermordeten Dorfschönheit. Utopisch abgeschottet können grossstadtmüde KünstlerInnen hier gemeinsam verrückt werden. Und doch packte mich vor ein paar Tagen ein Reissen nach Aussenwelt, als ich erfuhr, dass mein zweitliebster Italopopstar eineinhalb Stunden von hier auftreten würde. Und weil weder ich noch das Phantom ein Auto haben, überredete ich den jungen lustigen Kellner aus dem hauseigenen Restaurant, sich den Abend freizunehmen und mit mir zum Konzert zu fahren.

Wir waren gerade los, als ich beim Anblick seines Schlüsselanhängers erstarrte. Böse baumelten die ledrigen Lettern: «Lega – Salvini». Mein erster Impuls war, die Aktion sofort abzubrechen und ihn zu heissen, mich rauszulassen. Ich fühlte mich verraten und schämte mich, dass ich ihn nicht früher durchschaut hatte. Dann dachte ich an die Tickets, die ich schon gekauft hatte, und an das Konzert, das ich wirklich gerne sehen wollte. Schliesslich daran, dass das für mich als angehende Soziologin eine seltene Chance sei.

So fragte ich ihn, ob er Faschist sei – schliesslich bestand die Möglichkeit, dass er das Auto nur geliehen hatte. Er sei Antikommunist, antwortete er, der plötzlich nur noch jung und nicht mehr lustig war. Er habe Salvini gewählt und er würde es wieder tun, aber die Demokratie sei in diesem Land eine Farce. Es folgte eine Salve, dass die Kommunisten das Land zerstört hätten, dass eine Revolution anstünde, aber sie ja keine Kommunisten seien – ob ich Kommunistin sei, und wenn, dann würde er mich gleich rauslassen.

Ich entschied mich für den Weg der qualitativen Forschung. Ich sagte: «Interessant.»

Es wurde ein merkwürdiger Abend. Er fühlte sich sichtlich unwohl, was wohl auch daher kam, dass er seit Ewigkeiten nicht mehr ausgegangen war. Er arbeitet Doppelschichten, morgens bis abends im Restaurant, nachts im Dorfpub. In diesem Jahr hatte er zwei freie Tage gehabt. Ich war betont freundlich, versuchte, erst mal Gemeinsamkeiten zu finden, ein Vertrauen aufzubauen, auf das wir später bauen konnten. Ich verfolgte die lächerliche Fantasie einer vorsichtigen, aber effektiven Strategie von Konfrontieren und Konvertieren.

Als wir am Ort des Konzerts ankamen, zeigte er aus dem Fenster und zählte laut die ChinesInnen auf der Strasse – es sind viele, sie arbeiten in der hiesigen Textilfabrik. «Bastardi», sagte er, «Schwarzarbeiter, die zahlen keine Steuern.» Er ist besessen von Steuern und dem «scontrino», dem Kassenbeleg. Er sagt: «Ich bin kein Rassist, weisst du, ich arbeite sogar mit Geflüchteten. Aber sie zahlen keine Steuern! Minchia, weisst du, wie viele Steuern ich zahle?» Er sei das schwarze Schaf der Familie, sein Bruder der Gute, der studiere. Er selber habe schon in der Schule Probleme gehabt mit den Lehrerinnen – «alle kommunistisch». Wenn ich ihn frage, was er denkt, wie Salvini alles retten kann, sagt er: «Prima gli italiani. Und der scontrino.» Am nächsten Morgen schickt er mir einen Screenshot von Salvinis Instagram – unzufriedene Umfragebalken zum Thema Neuwahlen. Ich schicke ihm den Film «Mio fratello è figlio unico». Er handelt von zwei Brüdern; der eine Faschist, der andere Kommunist. Den Schluss verschweige ich ihm: Der Faschist wechselt die Seiten.

Michelle Steinbeck ist Autorin und zurzeit Writer in Residence in einem KünstlerInnenhaus in Mittelitalien. Ihr zweitliebster Italopopstar ist Gazzelle.

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