Nr. 18/2021 vom 06.05.2021

«Die Türkei stellt eine militärische Gefahr und Bedrohung dar»

Nachdem US-Präsident Joe Biden die Massaker an den ArmenierInnen als Völkermord bezeichnet hat, ist der Genozidforscher Ruben Safrastyan davon überzeugt, dass die Türkei auch Reparationszahlungen wird leisten müssen.

Interview: Tigran Petrosyan

Ruben Safrastyan, Genozidforscher

WOZ: Herr Safrastyan, bis heute haben dreissig Länder – darunter auch die Schweiz – die Massaker an den Armeniern und Armenierinnen im Osmanischen Reich 1915 und 1916 als Völkermord anerkannt. Am 24. April, der als Jahrestag des Massenmordes begangen wird, hat US-Präsident Joe Biden das ebenfalls getan. Welche Perspektive eröffnet das für die Anerkennung durch weitere Staaten?
Ruben Safrastyan: Dieser Schritt der USA als geopolitische Macht verändert die allgemeine Stimmung für die internationale Anerkennung des Völkermords. Deswegen bin ich mir sicher, dass andere Länder dem Beispiel der Vereinigten Staaten in naher Zukunft folgen werden – und das werden nicht nur die Nato-Mitgliedstaaten sein.

Frühere US-Präsidenten, sowohl Demokraten als auch Republikaner, haben vor ihrer Wahl den armenischen Gemeinden in den USA jeweils in Aussicht gestellt, dass sie den Völkermord auch anerkennen würden. Doch den Ankündigungen folgten keine Taten. Warum hat Biden sein Versprechen gehalten?
In den vergangenen Jahren haben sich in den USA die politischen Voraussetzungen dafür verändert. So hat etwa bereits 2019 der US-Kongress den Völkermord an den Armeniern als solchen anerkannt. Im selben Jahr hat der Senat mit einer einstimmigen Resolution nachgezogen. Präsident Biden hat quasi die vollständige Anerkennung des Völkermords zum Abschluss gebracht. Zudem hat sich die geostrategische Politik der USA geändert. China wird immer mehr zu einem Gegner, sodass sich das Hauptinteresse der US-Aussenpolitik in Richtung Südostasien und Pazifik verlagert. Der Nahe Osten verliert für die USA langsam an Bedeutung. Dies wiederum führt zu einem geringeren Interesse daran, die Türkei als wichtigen Verbündeten in der Region bei Laune zu halten. Hinzu kommen die türkisch-russischen Annäherungen sowie die Politik Ankaras in Syrien und im östlichen Mittelmeerraum, die in Washington für grosse Unzufriedenheit sorgen.

Die Genozidfrage ist für Washington also nur ein Instrument, um den Ärger über die türkische Aussenpolitik kundzutun?
Das kann man so sagen. Washington hat Ankara jetzt eine Ohrfeige gegeben und das, ohne gefährliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Aber man sollte auch den Einfluss der armenischen Lobby in den USA nicht unterschätzen.

Warum ist die internationale Anerkennung des Genozids so wichtig für die Armenier und Armenierinnen?
Weil wir nach historischer Gerechtigkeit streben und eine historische und politische Verantwortung gegenüber den 1,5 Millionen Opfern tragen. Der Kampf um die internationale Anerkennung des Genozids ist ein wichtiger Teil unserer Identität geworden. Mit anderen Worten: Solange wir Armenier sind, müssen wir dafür kämpfen. Das ist auch die Ideologie, die die Armenier weltweit zusammenhält.

Wie kann Armenien von der Anerkennung praktisch profitieren?
Erst kommt die Anerkennung, dann die Verurteilung und dann die Entschädigung. Dies ist die Reihenfolge für uns. Für Armenien wird der Zeitpunkt kommen, um selbst die Initiative zu ergreifen, die Frage der Entschädigung wissenschaftlich und juristisch in die Praxis umzusetzen. Es wird selbstverständlich Jahrzehnte dauern, die Frage der Entschädigung voranzubringen. Doch jetzt müssen wir mit der Arbeit beginnen, und Biden hat uns dabei geholfen. Die Juden haben 2000 Jahre lang gekämpft; erst danach wurde ihr Traum von einem eigenen Staat wahr.

Welche Formen der Entschädigung stellen Sie sich konkret vor?
Zunächst erwarten wir in Armenien eine moralische Entschädigung, also eine Entschuldigung von der Türkei. Darüber hinaus fordern wir auch eine politische Entschädigung. Das bedeutet, dass die Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs die Verantwortung für die vorsätzlichen und organisierten Verbrechen übernimmt. Und schliesslich kann die Entschädigung finanziell erfolgen: Die Türkei kommt für materielle Verluste der Armenier durch Mord, Deportation und Vertreibung auf. Ausserdem muss es möglich sein, dass die Nachkommen der Opfer des Völkermords in die ehemaligen Gebiete des Osmanischen Reiches, also in die heutige Türkei, zurückkehren können.

Glauben Sie, dass die Erfüllung dieser Forderungen realistisch ist? Oder werden sie auch weiterhin nur Teil der Identitätsfrage sein, um die Armenier und Armenierinnen weltweit zu mobilisieren?
Die türkische Staatsmaschine hat rechtzeitig manches unternommen, damit Forderungen von Armeniern blockiert werden. So haben Regierung und Parlament eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die die Wiederherstellung von Rechten an verlorenem Eigentum durch Rechtsstreitigkeiten nicht zulassen. Auch nicht für Armenier, die heute türkische Staatsbürger sind und in der Türkei leben. Doch eine finanzielle Entschädigung ist sehr real.

Wie könnte das aussehen? Ankara spricht bis heute nur von Massenvertreibungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen während des Ersten Weltkriegs.
Von meinen amerikanisch-armenischen Kollegen weiss ich zum Beispiel, dass bei Gerichten in Kalifornien mehrere Klagen auf Entschädigung von Erben der Opfer des Genozids anhängig sind. Diese Klagen sind eingefroren, weil die früheren US-Präsidenten den Völkermord nicht anerkannt hatten. Weil sich dies jetzt geändert hat, können diese Prozesse mit neuen Impulsen fortgesetzt werden. Eine weitere Möglichkeit bleibt für die Zukunft der Uno-Gerichtshof in Den Haag.

Sehen Sie keine Perspektiven für eine Versöhnung zwischen Armenien und der Türkei?
Nicht eine einzige.

Weil die Türkei den Genozid bis heute leugnet?
Weil die Türkei eine erpresserische Politik gegenüber Armenien fährt und eine militärische Gefahr und Bedrohung darstellt. Während des Kriegs um die Region Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan 2020 hat die Türkei sowohl politisch als auch militärisch Aserbaidschan unterstützt. Sie hat Söldner in die Region geschickt, um gegen Armenien zu kämpfen. Ankara hat Aserbaidschan bewaffnet, und das türkische Kommando war direkt an der Führung der aserbaidschanischen Armee beteiligt. Deswegen sage ich, dass der Aufbau diplomatischer Beziehungen mit der Türkei unmöglich ist. Unter den gegenwärtigen Bedingungen nimmt die armenische Gesellschaft die Türkei als eine echte Gefahr wahr – heute genauso wie vor 106 Jahren.

Ruben Safrastyan (65) ist Professor für Geschichte des Osmanischen Reichs und der modernen Türkei und unterrichtet an der Amerikanischen Universität in der armenischen Hauptstadt Eriwan.

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