Nr. 42/2019 vom 17.10.2019

Die Seele verständlich machen

Gute Nachricht für Polen: Eine regierungskritische polnische Autorin erhält den Literaturnobelpreis. Aber nur vier Tage später gewinnt die rechtskonservative Partei PiS die Parlamentswahlen.

Von Jan Opielka

Der personifizierte Gegenpol zur national-traditionalistischen PiS: Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Foto: Thilo Schmuelgen, Reuters

Dieser Preis ist so wirkmächtig, dass ihn selbst die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) nicht diskreditieren konnte: Als vergangenen Donnerstag die Nachricht von Olga Tokarczuks Gewinn des Literaturnobelpreises 2018 über die Newsticker lief, bekamen die JournalistInnen des staatlichen (PiS-)Fernsehsenders TVP bestimmt rote Köpfe. Denn wie sollten sie – nur vier Tage vor der Parlamentswahl – in den Hauptnachrichten die Würdigung der 57-jährigen Schriftstellerin darstellen, die mit ihrer von Antinationalismus durchtränkten Literatur eine stimmgewaltige PiS-Kritikerin ist? Sie entschieden sich für eine «Umarmung» und zeigten Tokarczuks Nobelpreis als letzten Teil einer Trilogie einer «Woche voller guter Nachrichten für Polen» – nach der Abschaffung der Visumspflicht für PolInnen bei Reisen in die USA sowie der Wahl des PiS-Politikers Janusz Wojciechowski zum EU-Agrarkommissar. Garniert wurde der Bericht mit einer Aufnahme von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski aus dem Jahr 2016, in der er sagte: «Ich lese gerade Tokarczuks ‹Jakobsbücher›, auch wenn die Autorin darüber überrascht sein mag.»

«Reg dich, beweg dich»

Dieses Bekenntnis mag nicht nur die Autorin überrascht haben. Denn Tokarczuk ist sozusagen der personifizierte Gegenpol zur national-traditionalistischen PiS. Ihr vielfältiges Werk bildet einen Kontrapunkt zum engen Narrativ der Kaczynski-Formation. Während dieses etwa das reine Heldentum der PolInnen während des Zweiten Weltkriegs anpreist, spricht Tokarczuk über die Beteiligung Polens an der Ermordung von JüdInnen. Während Kaczynski die katholische Lehre als die Quintessenz des Polnischen rühmt, jenseits derer «nichts als Nihilismus» sei, schreibt Tokarczuk, etwa in den kürzlich auch auf Deutsch erschienenen «Jakobsbüchern», vom multireligiösen Erbe ihres Landes. Und wo die PiS mit aller Macht den nationalen Mythos als sicheren Rückzugsort vor der Welt verkündet, da bietet die Psychologin Tokarczuk die «Unrast» (2009 auf Deutsch erschienen) als Gegenmodell an: ein dem Menschen eingeschriebenes Bedürfnis, die Welt zu erkunden, um der Starre zu entkommen. «Reg dich, beweg dich, los, Bewegung, Unrast. Nur so kannst du ihm entkommen. Er, der die Welt beherrscht, hat keine Macht über die Bewegung, weiss, dass unser Körper in Bewegung heilig ist», schreibt Tokarczuk in dem Buch, für das sie 2018 den renommierten Man Booker International Prize erhielt.

Von Gegensätzen lebt auch Tokarczuks Literatur: «Sie konstruiert ihre Romane in einer Spannung zwischen kulturellen Gegensätzen; Natur versus Kultur, Vernunft versus Wahnsinn, Mann versus Frau, Heimat versus Entfremdung», so die Jury bei ihrer Begründung für die Vergabe des Literaturnobelpreises. Nur vier Tage nach der Auszeichnung bestätigen mehr als acht Millionen ihrer Landsleute bei den Parlamentswahlen die Macht der PiS. Dass solch sich scheinbar widersprechende Ereignisse fast zeitgleich stattfinden, mag Zufall sein – und doch repräsentieren sie zwei Momente eines zusammengehörenden Ganzen.

C. G. Jung als privater Meister

Tokarczuks bisheriges Opus magnum sind «Die Jakobsbücher» (2014); an den über tausend Seiten hat sie fast sechs Jahre gearbeitet. Es ist, als wäre gerade dieses Werk, das die so schillernde wie geheimnisvolle Vita des jüdischen Mystikers Jakob Frank im 18. Jahrhundert nachzeichnet, eine Art Antidot gegen den national-autoritären Zeitgeist, und zwar nicht nur in Polen. «Frank prägte die Geschichte der jüdischen Diaspora mit, doch er wird darin wie Luther in der katholischen Kirche behandelt – als Verursacher der gefährlichsten Spaltung», schreibt der polnische Kritiker Przemyslaw Czaplinski. «Er gehört zur Geschichte aller Staaten Mitteleuropas aus der Zeit des 18. Jahrhunderts – Polen, Russland, Österreich, Deutschland –, doch keine dieser Geschichten kann ihn in eine gemeinsame Sprache übersetzen.» Tokarczuk sei dies gelungen, «doch es war methodischer Wahnsinn notwendig, um den Roman zu beenden», so Czaplinski. Tokarczuk selber sagt: «Die ‹Jakobsbücher› haben mich so erschöpft, dass ich dachte, dass mir die Worte fehlen würden, um je wieder irgendetwas zu schreiben.»

Doch sie schrieb weiter. Inspiration für die Schaffung ihres inzwischen ein gutes Dutzend Prosawerke und Essaybände umfassenden Werks findet sie beim Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung (1875–1961), den sie als ihren «privaten Meister, der das benennt, was ich ahne», sieht. Die Konzeption Jungs sei ein «Grenzbereich von Psychologie, Theologie, der Versuch, einen gemeinsamen Nenner mit moderner Physik zu finden, die Anknüpfung an Traditionen der Philosophie und Mystik», die zudem durch das Denken des Ostens bereichert werde. «Aus der Psychologie sollte – und ich glaube, dass es geschehen wird – eine Disziplin entstehen, die versucht zu verstehen, was die Geistigkeit der Seele ist», schrieb sie bereits in den neunziger Jahren.

Ihre eigene Literatur ist heute ein bedeutender Teil jener Disziplin, die die Seele verständlicher macht – und ihre Stimme nun umso mehr eine, die auch jenseits des verfassten Wortes Gewicht hat. «Wir sind in einer Situation mit einer ganz klaren Wahl zwischen Demokratie und Autoritarismus», sagte sie am Freitag. Das bedenkliche Wahlergebnis dürfte sie künftig auch literarisch verarbeiten.

Die Bücher von Olga Tokarczuk erscheinen auf Deutsch seit neustem im Zürcher Kampa-Verlag.

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