Nr. 44/2019 vom 31.10.2019

«Der Winter kommt»

Seit dem Beginn der türkischen Invasion in Nordsyrien sind 300 000 Menschen vertrieben worden. Mittendrin im umkämpften Rojava: das Frauendorf Jinwar. In einem Brief bitten die Bewohnerinnen die internationale Gemeinschaft um Unterstützung.

Von Linda Dorigo (Text und Fotos)

Am Dienstag vor einer Woche beschlossen der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und der russische Staatspräsident Wladimir Putin bei einem Treffen in Sotschi, den am 17. Oktober zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei vereinbarten Waffenstillstand zu verlängern. Vorgesehen sind die Aussetzung der türkischen Angriffe sowie der Rückzug der KurdInnen aus den Gebieten an der Grenze zur Türkei. Dieser 30 Kilometer breite und 120 Kilometer lange «Sicherheitskorridor» ist im Visier der Militäroperation «Friedensquelle», die am 9. Oktober von der türkischen Armee gestartet wurde. Ihr Plan: die kurdische Bevölkerung aus diesem Gebiet zu vertreiben und Hunderttausende syrische Flüchtlinge arabischer Herkunft, die während des Krieges in die Türkei geflohen waren, nach Syrien umzusiedeln.

Laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden im Gebiet entlang der syrisch-türkischen Grenze seit dem 9. Oktober rund 300 000 Menschen vertrieben und laut verschiedenen Quellen Hunderte ZivilistInnen getötet. Die Bevölkerung ist gezwungen, ihre Dörfer in den Gebieten Tal Abdschad, Ras al-Ain, Darbasija, Ain al-Arab, Ain Issa und weiteren Gebieten östlich des Euphrat zu verlassen. Gleiches gilt für die Bewohnerinnen des Frauendorfs Jinwar in der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien (Rojava), die ihr Dorf verlassen haben, um Frauen in anderen bedrohten Dörfern zu helfen. «Wir wissen nicht, was als Nächstes kommt»: So steht es in einem «Brief» auf der Facebook-Seite des Frauendorfs vom 10. Oktober. Demzufolge haben einige Frauen Verletzungen erlitten, waren bis zu diesem Zeitpunkt aber alle in Sicherheit. «Aber der Winter kommt, und die Situation wird immer schwieriger.»

Mit ihrem Brief bitten die Frauen von Jinwar die Internationale Gemeinschaft um Unterstützung. Ihr Aufruf richtet sich insbesondere an jene, die in den letzten Jahren das Dorf besucht haben: «Sie konnten sehen, was wir aufgebaut haben: die Lehmhäuser, die Schule, das Heilzentrum für Naturmedizin, das bald eröffnet werden soll, unsere Bäckerei, den Garten, die Felder, all die Bäume, die grösser und grösser werden – und unser ganzes gemeinsames Leben, weit weg von Unterdrückung und Gewalt, basierend auf unserem Willen, als freie Frauen und Kinder zusammenzuleben. All dies wird jetzt direkt vom türkischen Staat bedroht, der offen Angriffe auf Nordsyrien startet.»

Die Briefautorinnen gehen davon aus, dass es Erdogans Plan sei, «das kurdische Volk auszulöschen und unsere Region zu besetzen». Sie verweisen dabei auf die kurdische Enklave Afrin, die im Januar 2018 von der Türkei besetzt wurde: «Die Situation in Afrin ist dramatisch, insbesondere für die Frauen, denen die Rechte genommen wurden, die Gewalt und Vergewaltigung erleiden, verkauft und wie Sklavinnen behandelt werden. Die Angriffe und eine weitere Besetzung durch die Türkei in anderen Teilen Nordsyriens könnten die gleiche brutale Ausbeutung für Frauen bedeuten.» Wie schlimm die Situation von Frauen im syrischen Bürgerkrieg ist, wurde in einem 2018 veröffentlichten Uno-Bericht der unabhängigen internationalen Untersuchungskommission für Syrien COI bestätigt: Demnach sind in Syrien in den vergangenen Jahren Tausende Frauen «systematisch» vergewaltigt worden.

Der Angst vor einem «zweiten Afrin» stellen die Frauen von Jinwar die demokratische Erfahrung von Rojava entgegen. Jinwar symbolisiere einen Ort, «an dem Frauen auf gemeinschaftliche Weise leben und ihre Kinder autonom erziehen können, ohne grossen täglichen Einfluss der vorherrschenden männlichen Mentalität. Viele mutige Frauen und Männer kämpften und gaben ihr Leben, um dieses Territorium zu befreien und die Möglichkeit zu schaffen, ein neues System aufzubauen, das vom Konzept des demokratischen Konföderalismus inspiriert ist.» Dieses System, so betonen die Schreibenden, basiere «auf Ideen von Abdullah Öcalan über die Freiheit und Selbstverwaltung von Frauen in verschiedenen ethnischen und sozialen Gruppen, die hier nebeneinander leben. Jinwar ist ein Teil und zugleich ein Ergebnis dieses revolutionären Prozesses – und auch ein praktisches Beispiel dafür, wie wir als Frauen Alternativen in Bereichen wie Zusammenleben, Ökologie und Ökonomie schaffen können.»

Der Weg des zivilen und sozialen Wiederaufbaus, der in den letzten Jahren im nordöstlichen Syrien stattgefunden hat, führte zur Gründung mehrerer feministischer Organisationen – so etwa zur Kongreya Star, aus der auch Jinwar hervorging. Die bisherigen Erfahrungen zeigten, so heisst es im Brief, dass «die Führungsrolle von Frauen und ihre Beteiligung an Entscheidungsprozessen eine Schlüsselkomponente des in Rojava eingeführten Modells der direkten Demokratie» seien. Der Hilferuf endet mit der Hoffnung, dass solche «Erfolge ein Vorbild für alle Frauen in der Welt» sein könnten.

Diese Hoffnung wird im Moment zerstört: Berichte vom 24. Oktober über Luftangriffe auf das Nachbardorf Zigran beweisen, wie akut bedroht Jinwar ist. Die Videoaufnahmen der schweren Misshandlung der kurdischen Kämpferin Cicek Kobane zeigen zudem, was Frauen zu befürchten haben, wenn sie in die Hände der islamistischen Kämpfer im Dienste der Türkei fallen.

Linda Dorigo, freie Fotojournalistin in Rom, arbeitet seit 2009 regelmässig im Nahen und Mittleren Osten. 2015 erschien ihr Buch «Bedrohtes Refugium. Christliche Minderheiten im Nahen Osten». In den letzten vier Jahren hat Dorigo an einem Fotoprojekt über die kurdische Identität im Iran, im Irak, in Syrien und in der Türkei gearbeitet.

Alle hier gezeigten Fotos wurden im Herbst 2018 aufgenommen. www.lindadorigo.com

Aus dem Englischen von Cigdem Akyol.

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