Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Wenn die Daten tanzen lernen

Was bringt die Zukunft? An den Winterthurer Kurzfilmtagen berauscht man sich am digitalen Erhabenen und an den Phantombildern eines sterbenden Gletschers.

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Swatted»: Abstrakte Gittermodellgrafik als gespenstische Kulisse für besonders perfides Cybermobbing. Still aus dem gleichnamigen Dokumentarfilm.

Gibt es Bereiche unseres Lebens, die noch nicht statistisch erfasst und quantifiziert sind? Unser schlaues Telefon zählt schon jeden unserer Schritte, es misst unseren Schlaf, und vielleicht weiss es bald schon genauer als wir selbst, wie glücklich wir gerade sind auf einer Skala von null bis mega. Da hat uns eine grafische Fantasie, die diesen chronischen Dataismus unserer Zeit zum Tanzen bringt, gerade noch gefehlt.

Im neuen Animationsfilm der Zürcherin Maja Gehrig entwickeln farbige Kurven, Balken und Kuchendiagramme unversehens ein berauschendes Eigenleben: Sie befreien sich aus ihrem Koordinatensystem, mutieren zu abstrakten Fabelwesen, rotten sich zusammen zu einer pulsierenden Metropole aus statistischen Daten. «Average Happiness» heisst dieser Kurzfilm, aber die Glücksgefühle, die er auslöst, schlagen weit über dem Durchschnitt aus – und münden stilgerecht in einen datenpornografischen Orgasmus.

Galaktische Botschaften

An den Winterthurer Kurzfilmtagen läuft «Average Happiness» im Schweizer Wettbewerb, der Film hätte aber auch ganz gut in den grossen Schwerpunkt gepasst, mit dem das Festival unsere Zukunft vermessen will. «The Future Is …» heisst dieses Programm und versammelt insgesamt 44 Filme, verteilt auf neun Blöcke, gebündelt unter diversen Schlagwörtern, von «Space Oddity» über «Digital Healing» bis «Sisterhood». Im Einzelnen wirkt das teils etwas beliebig zusammengewürfelt, aber quer durch die verschiedenen Programme entdeckt man hier auch eine neue Form von ästhetischer Überwältigung: das digitale Erhabene.

Gleich mehrere Kurzfilme spielen damit, dass sich die medial vermittelte Wirklichkeit in einem wahren Rausch von Datenpunkten und Drahtgittermodellen auflöst. Etwa in «I Saw the Future» von François Vautier: Ein legendäres TV-Interview mit dem britischen Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke wird hier derart verfremdet und in einen schwarzen Kosmos projiziert, dass seine Prognosen von damals wie galaktische Botschaften aus einem posthumanen Zukunftsraum daherkommen. Oder das Musikvideo «Algo-Rhythm» der Künstlerin Manu Luksch: Senegalesische RapperInnen führen uns wortstark die Käuflichkeit der Demokratie im Zeitalter von Big Data vor Augen, umgeben von abstrakten dreidimensionalen Kulissen, die sich in lauter Datenpunkte aufgelöst haben.

Spielerische Kapitulation

Es hat etwas Berauschendes, wie uns diese Filme in ein flirrendes Datengestöber einsaugen. Und die Seherfahrung ist in einem ganz klassischen Sinn erhaben: Das sind Filme, die unser Gefühl von Ohnmacht und Überforderung angesichts von Big Data lindern, indem sie es in abstrakte visuelle Poesie umformen. Man könnte es aber auch als spielerische Kapitulation sehen, weil diese Filme uns letztlich gar nichts von der Übermacht der Daten erzählen – sie versetzen uns mit ihren unwiderstehlichen Bildern bloss in Staunen.

Auf komplexere Weise spielt Ismaël Joffroy Chandoutis in seinem Dokumentarfilm «Swatted» mit solchen Formen von digitaler Abstraktion. Der Film ist ausschliesslich aus vorgefertigtem Material montiert: Computerspiele, Youtube-Videos, Notrufe aus Polizeiarchiven. Dabei werden die hyperrealistischen Bildwelten von «Grand Theft Auto» mithilfe einer Software auf ihre nackten räumlichen Koordinaten reduziert, das Videogame also quasi bis aufs Skelett freigelegt. Diese abstrakte Gittermodellgrafik ist aber nicht einfach eine visuelle Spielerei, sondern liefert eine gespenstische Kulisse für die besonders perfide Form von Cybermobbing namens Swatting, die der Regisseur hier erkundet.

Die erschütternden Notrufe, die wir auf der Tonspur hören, sind echt, aber gelogen. Ein Beispiel: Da gibt ein junger Mann an, er habe gerade seine Mutter erschossen, aber er täuscht das nur vor, um einem unliebsamen Mitspieler aus seiner Onlinecommunity ein Sonderkommando der Polizei auf den Hals zu hetzen – Demütigung im Livestream. An den Kurzfilmtagen war «Swatted» letztes Jahr schon im Wettbewerb zu sehen, nach über sechzig Festivals in aller Welt läuft er jetzt also bereits als Reprise in Winterthur.

Bezaubernd, morbid

«The Future Is Melting» heisst ein anderes der neun Programme im grossen Schwerpunkt. Aber schmilzt unsere Zukunft nicht schon jetzt und heute? Richtig zu spüren bekommt man das im Schweizer Wettbewerb, bei der Walliser Künstlerin Laurence Bonvin. Ihr Film «Aletsch Negative» ist ein überwältigendes Poem über das Schrumpfen des grössten Gletschers der Alpen. Indem sie die Graustufen vertauscht, verwandelt sie jede Einstellung in ein Vexierbild, bei dem man sich wundert ohne Ende: Wo ist hier Licht, und wo ist Schatten, wo ist oben, wo ist unten?

Das ist ungemein bezaubernd, aber auch irgendwie morbid, weil die abstrakte Schönheit aus dem nicht mehr so ewigen Eis unweigerlich vom drohenden Klimakollaps kündet. Es sind Phantombilder aus dem Inneren eines sterbenden Gletschers, dazu hören wir das Knacken von Eis, ein Gurgeln und Sprudeln. Wie über mehrere Strophen schwillt der Geräuschpegel aus dem Herzen des Gletschers allmählich an, bis zuletzt alles in einem tosenden Sturzbach untergeht. The Future is Schmelzwasser.

Die Winterthurer Kurzfilmtage dauern noch bis Sonntag, 10. November 2019. Genaues Programm und Infos unter www.kurzfilmtage.ch.

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