Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Ein Faber im Gegenwind

Wer ist eigentlich Faber? Den Zürcher Musiker Julian Pollina, der auf diesen Namen hört, scheint diese Frage am meisten zu verwirren. Das hören wir auch auf dem neuen Faber-Album «I Fucking Love My Life».

Von David Hunziker

Faber: «Ich spreche ein wichtiges politisches Thema an, was in der Musikszene zu selten geschieht.» Foto: Peter Kaaden

Was wollen wir hier eigentlich alle? Ende Oktober stehen die JournalistInnen Schlange, um Julian Pollina in der Zürcher Bar El Lokal zum Interview zu treffen. Als Faber hat der 26-Jährige kürzlich sein zweites Album veröffentlicht: «I Fucking Love My Life». Reine Plattenkritiken erscheinen im Gegensatz zum ersten Album dazu aber kaum mehr; man will offenbar wissen, was hinter diesem Faber steckt. Doch ist Pollina überhaupt der Richtige, um uns davon zu erzählen? Gehen wir ihm damit gar auf den Leim?

Julian Pollina wuchs im Zürcher Seefeld als Sohn des berühmten Liedermachers Pippo Pollina und der Fernsehjournalistin Christina Pollina-Roos auf. Nach dem Gymnasium entschied er sich für ein Leben als Berufsmusiker und veröffentlichte 2015 erste Songs. Vor allem in Deutschland schlug Faber mit seinem schwermütigen, tanzbaren Balkanfolk und den in perfektem Hochdeutsch und mit gegerbter Stimme gesungenen Texten voll ein. Faber war wieder mal einer, der es im Ausland geschafft hatte, manche Kritiker hofften gar auf einen Schweizer Serge Gainsbourg.

Heute wollen die JournalistInnen Faber auch zur Rede stellen. Mit seinem Song «Das Boot ist voll» hat er Anfang August wieder einmal die Gemüter erhitzt. Im Refrain des Songs, der rechtspopulistische Erregung und Stimmungsmache gegen Geflüchtete anprangert, fantasierte er darüber, einem besorgten Bürger sein Geschlechtsteil in den Mund zu stecken. Die sexualisierte Gewaltfantasie kam nicht gut an. Und nur einen Tag nach der Veröffentlichung des Songs entschied sich Faber zu einem ungewöhnlichen Schritt: Er ersetzte die derb formulierte Stelle durch einen Vergleich zum Jahr 1933. Seither gibt er sich reuig.

Spott und Wut

Faber ist es gewohnt, sich zu entschuldigen. Als «I Fucking Love My Life» erscheint, scherzt er auf Facebook: «Mein neues Album ist jetzt draussen. Es tut mir leid!» Faber gibt sich gerne als übereifriger Lausbub, der manchmal eben übers Ziel hinausschiesst. Gleichzeitig will er aber auch ernst genommen werden, wie er im Gespräch betont: «Ich finde es schade, dass es in der Diskussion um den Song immer nur darum ging, wie ich etwas gesagt habe, und nicht, was. Ich spreche darin ein wichtiges politisches Thema an, was in der Musikszene zu selten geschieht. Die zwei Zeilen habe ich auch darum geändert, weil sie vom Inhalt ablenken.»

Auch über das Wie liesse sich hier weiter streiten: über das triefende Pathos in Fabers Stimme, die bedrohliche Dramatik der Klavierbegleitung, die Karikaturen von deutschem White Trash, die im zugehörigen Musikvideo am Strand liegen und grimmig glotzen. Doch was ist mit dem Inhalt? Faber nimmt die Position des besorgten Bürgers ein und reiht rechtspopulistische Motive aneinander: Lügenpresse, Drittes-Reich-Nostalgie, Überfremdung. Dazwischen klagt er an: «Wie schlau von dir». Grob geschnitzter Sarkasmus, plakative Bilder, dieser Text erzählt keine Geschichte, eher ist er ein Ventil für Spott und Wut.

Thematisch ist «Das Boot ist voll» nicht typisch für das neue Album. Es geht darauf etwa um die Heuchelei und den nihilistischen Hedonismus junger StadtbewohnerInnen («Jung und dumm», «Generation YouPorn», «Ihr habt meinen Segen»), Kokainsucht («Nie wieder»), Sex mit einem Groupie («Vivaldi»), Trennungen («Sag mir wie du heisst», «Heiligabig ich bin bsoffe»). Doch der Tonfall – wahlweise sarkastisch, ironisch oder zynisch – bewegt sich immer in einem ähnlichen Register. Faber provoziert Affekte mit spitzen Pointen und Schlagworten; wenn er Geschichten erzählt, bleiben sie schematisch. Obwohl er musikalisch oft so klingt, wirkt Faber weniger wie ein Liedermacher als ein von Harmoniesucht geheilter Schlagersänger.

Der verlassene Mann

Bei «Das Boot ist voll» wurde Faber nicht zum ersten Mal eine sexistische Sprache vorgeworfen. In «Sei ein Faber im Wind» vom gleichnamigen Album von 2017 richtet Faber sich an eine Frau, die ihn verlassen hat, und beschimpft sie als Prostituierte. Auch diese Zeile sieht er heute als Fehler, den Song hat er aus seinem Liverepertoire gestrichen. Doch man versteht solche Songs nicht, wenn man sie an einzelnen Wörtern aufhängt. Interessant ist die Perspektive, die Faber darin immer wieder einnimmt.

Der verlassene Mann in «Sei ein Faber im Wind» ist gekränkt, er vergleicht sich mit dem Neuen seiner Ex, ist eingeschüchtert von dessen Männlichkeit. Ähnlich in zwei weiteren Songs vom ersten Album. Auch in «Brüstebeinearschgesicht» singt ein Mann, dem die begehrte Frau verwehrt bleibt. Sie war die Letzte auf der Tanzfläche, bevor der Türsteher, mit dem der Erzähler sich vergleicht, sie «stahl». Die Frau wird sexualisiert, und die Besitzfantasie wird im Refrain noch expliziter: «Sie wär so gern allein / Allein mit mir». In «Lass mich nicht los» spielt eine verlassene Person gar mit einer Gewaltfantasie: «Lass mich nicht auf dich los».

Erinnert das nicht an die traurige Welt des französischen Autors Michel Houellebecq, in der Sex nur noch eine Ware ist auf einem Markt mit GewinnerInnen und VerliererInnen, körperliche Nähe nur noch durch Gütertausch zu haben ist? In «Wem du’s heute kannst besorgen», Fabers meistgehörtem Song, geht es um einen Mann, der eine Sechzehnjährige in vulgärer Sprache verführen will und ihr dafür materielle Absicherung verspricht: «Wem du’s heute kannst besorgen, dem besorgst du’s morgen auch». In «Top» vom neuen Album werden Kleider gegen Oralsex getauscht: «Ey, mach’s wie mit einem Lollipop / Dann kauf’ ich dir was Schönes bei Topshop». Als ZuhörerInnen schlüpfen wir in die Rolle des Verlierers oder eines Zynikers, der seine Macht ausspielt.

Genug von diesem Leben

In «Highlight», dem ersten Song auf dem neuen Album, klingt es wieder ganz ähnlich, doch hier geht es nicht um Sex, sondern um den falschen Schein in der Musikindustrie: «mehr Highlight im Gesicht als im Leben». «Ich Hure wollte euch doch nur gefallen», singt Faber und scheint nicht zufrieden zu sein mit dem Deal, den er als Popstar kriegt: die Partys wild, die Freunde fake. Im Gespräch macht Pollina keinen Hehl aus seiner Unzufriedenheit. Im Moment habe er genug von diesem Leben: «Ich war acht Jahre lang besoffen, bei mir war acht Jahre lang Freitagabend. Es war geil, doch für 2020 habe ich mir vorgenommen, erwachsen zu werden.»

Diesen Sommer habe er zum ersten Mal erlebt, dass er vor Konzerten Angst hatte, die Bühne zu betreten, erzählt Pollina. «Als ich noch vor viel weniger Leuten gespielt habe, hatte ich das Gefühl, dass ich die Sachen, die ich mache, erklären kann. Wenn das Publikum immer grösser wird, kann ich nicht mehr so sicher sein, was die mit meinen Songs machen. Einen Song wie ‹Sei ein Faber im Wind› im intimen Rahmen zu singen, fühlt sich völlig anders an, als wenn der Text plötzlich von betrunkenen Typen an der Bar mitgegrölt wird.» Hat Pollina Angst, die Kontrolle über seinen Faber zu verlieren?

Im Begleittext zum neuen Album wird der erste Satz von Max Frischs Roman «Stiller» zitiert: «Ich bin nicht Faber.» «Manchmal wünsche ich mir, ich könnte alles einfach von mir weisen, die Probleme, die ich mit meiner Figur habe», sagt Pollina. Doch da ist immer eine Spannung, denn auf der anderen Seite beansprucht Faber für sich auch eine naiv wirkende Echtheit: die trunkene Küchentischromantik, den Herzschmerz, den Wunsch, zu erklären, wie er seine Texte «wirklich meint». Man hat das Gefühl, dass wir seine Ohnmacht nur schlimmer machen, wenn wir hier mit Julian Pollina sitzen und Faber einfangen wollen. Eigentlich will man ihm nur wünschen: Sei einfach Faber!

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