Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Weltmusik mit Kalaschnikow

Ein Auftritt von Jerusalem In My Heart ist eine erschütternde Erfahrung – physisch wie politisch. Was das mit dem neuen Album der US-Indieband Beirut zu tun hat.

Von David Hunziker

Hör- und sichtbar gemachte Konflikte: Radwan Ghazi Mumneh mit dem audiovisuellen Performanceprojekt­ Jerusalem in My Heart am 5. Februar im Club Royal in Baden. Fotos: Lea Huser

Der dröhnende Bass fährt in Schockwellen durch den Fussboden, die Trommelfelle wollen sich zusammenziehen. Das ist nicht einer dieser Bässe, zu denen man sich bewegen will – im Gegenteil, er drückt einen zu Boden, lässt einen erstarren. Umringt von Synthesizern sitzt im Halbdunkel ein Mann, das Gesicht hinter Vollbart und Sonnenbrille verborgen, und spielt eine Buzuk, eine arabische Laute – der effektbeladene Klang treibt den arabischen Tonleitern den Wohlklang aus.

Die Leute, die vor der Bühne am Boden sitzen und gebannt nach oben blicken, scheinen die Konfrontation geahnt zu haben: Ein Auftritt von Jerusalem In My Heart ist nicht nur eine physische Erschütterung, diese Musik steht auch unter politischer Spannung.

Aus Beirut vertrieben

Der Mann auf der Bühne ist der in Montreal lebende Musiker Radwan Ghazi Mumneh. Er will nicht gesehen werden. Unser Blick wird abgelenkt, auf die Leinwand hinter ihm. Die Bilder, die der Filmemacher Charles-André Coderre mit vier analogen Projektoren dorthin projiziert, sind Teil dieses audiovisuellen Performanceprojekts. Wir sind hier also genau am richtigen Ort: im bezaubernden Club Royal in Baden, wo Jerusalem In My Heart im Rahmen des Festivals One of a Million auftreten. Unter körniger Patina und kunstvoller Kolorierung kommen Palmen und sandgelbe Häuser zum Vorschein, vermutlich aus einer Stadt im Nahen Osten, auch einzelne Objekte und Menschen – darunter ein Mann mit Kalaschnikow –, und lösen sich in abstrakten Formen auf.

Mumneh wurde in Beirut geboren und verliess die Stadt noch als Kind zusammen mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Er wuchs in Oman auf und zog später nach Montreal, wo er zunächst in verschiedenen Punk- und Hardcorebands spielte. Als Studiotechniker und Produzent kam er mit der kanadischen Rockavantgarde in Kontakt, der Postrockband Godspeed You! Black Emperor etwa oder Suuns, mit der er 2015 unter dem Namen «Suuns and Jerusalem In My Heart» ein hypnotisches Album aufnahm.

Für das letzte Album, «Daqa’iq Tudaiq», ging Mumneh nach Beirut zurück und nahm dort mit einem fünfzehnköpfigen Orchester ein vierteiliges klassisches Lied eines ägyptischen Komponisten auf. Auch unter dem Eindruck der Flüchtlingskatastrophe bürstete er den Inhalt des Originals gegen den Strich: Während die ursprüngliche Fassung von friedlicher Koexistenz erzählt, geht es nun ums Scheitern der mündlichen Sprache. Die Interpretation beginnt akustisch, nicht weit weg von klassischem arabischem Folk; erst mit der Zeit schleichen sich Noise-Elemente und Verzerrungen ein, die auf der zweiten Albumhälfte überhandnehmen und auch auf den Gesang übergreifen.

Im Gegensatz zu früheren Stücken singt Mumneh auf diesem letzten Album ausschliesslich auf Arabisch. Trotzdem richtet sich diese Musik in erster Linie an ein westliches Publikum. Die meisten seiner HörerInnen im Libanon würden sie nämlich gar nicht verstehen, sagt er, ausser sie seien mit westlicher Musik vertraut. Will diese Musik also gar nicht verstanden werden? Will sie provozieren, uns gar zum Orientalismus verleiten?

Von Beirut angezogen

Wie virtuos Jerusalem In My Heart politische und kulturelle Konflikte sichtbar machen und verhandeln, wird umso deutlicher, wenn man ihre Musik und Bilder mit einer Band vergleicht, die sich kürzlich wieder einmal mit einem Album zu Wort gemeldet hat: Beirut aus Santa Fe, New Mexico. Man hört es schon dem Namen an, dass auch das Projekt des US-Amerikaners Zach Condon auf irgendeine Weise mit Ost und West zu tun haben will. Doch tatsächlich ersetzt es Politik durch kosmopolitische Naivität – und tränkt sie in schwülstigem Pathos.

Beirut ist von der Musik inspiriert, die Condon als junger Mann auf einer Reise durch Süd- und Osteuropa hörte, vor allem Balkanfolk. Ohne je da gewesen zu sein und ohne jede Scheu vor kultureller Aneignung benannte er sein Projekt nach der Hauptstadt des Libanon. Beirut stelle er sich urban und mondän vor, sagte er vor Jahren dem «New York Magazine», umringt von der alten muslimischen Welt. Als konfliktreicher Ort, wo Kulturen aufeinanderprallen, sei die Stadt eine gute Analogie für seine Band.

Spiegel von Fernweh

Der Charme, den die schwärmerischen Melodien, die knalligen Bläsersätze und die rumplige Perkussion auf den frühen Alben noch ausstrahlten, ist in dreizehn Jahren Bandgeschichte verflogen. «Gallipoli», das kürzlich erschienene fünfte Album, klingt stilistisch sehr ähnlich wie zur Anfangszeit – nur klinischer, verkrampfter. Was auch geblieben ist: die Belanglosigkeit der Texte.

Inhalt ist nicht die Stärke von Zach Condon. Das sagt er auch selber; er hasse es, Lyrics zu schreiben, gehe stattdessen von Gefühlen aus. So auch beim Song «Gallipoli», der nach der apulischen Kleinstadt benannt ist, wohin es ihn auf einer seiner Reisen zog, weil ihm der Name so gefiel. Um das Gefühl zu illustrieren, liefert Condon zu seinen Songs manchmal kleine Reiseanekdoten. Er erzählt von einer Strassenszene, einer religiösen Prozession und einer Blaskapelle, vom Echo der Mariachi-Bands in seinen Ohren, die er als Kind auf einem Platz in seiner Heimatstadt Santa Fe gehört habe. Es ist schwer auszumachen, worum sich der nichtssagende Text dreht, aber die erste Zeile wirkt wie ein glatter Bluff: «Wir erzählen uns Geschichten, um dazuzugehören.» Passiert hier nicht vielmehr das Gegenteil?

Ein Markenzeichen von Beirut sind Songs, die nach Orten benannt sind. Solche gibt es auch auf «Gallipoli», zum Beispiel «Corfu», nach der griechischen Insel. Bezeichnenderweise ist «Corfu» ein Instrumentalstück, der Ort also höchstens imaginäre Atmosphäre. Ferne Orte funktionieren hier etwa gleich wie für den touristischen Narzissmus: als Spiegel von Fernweh, als Trophäen uneingeschränkter Mobilität. Dazu passt die Nostalgie in der pathetisch phrasierten Stimme, dem anderen Markenzeichen von Beirut.

Solche Musik tut niemandem weh. Anders Jerusalem In My Heart. Ein Anfang Februar im Club Mjut in Leipzig geplanter Auftritt wurde abgesagt, weil Radwan Mumneh mit der israelfeindlichen Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) sympathisiert. Der Club habe ihn nicht einmal direkt kontaktiert und sein Gesprächsangebot nicht erwidert, schreibt Mumneh auf Facebook. Seinen deutschen KritikerInnen spricht er das Recht ab, seine komplexe Identität zu beurteilen und ihn als Antisemiten zu verorten.

Heilige Musik

Die Haltung, mit der Mumneh hier auf Widerstand stösst, ist freilich nicht bloss persönliche Ansicht, sondern eng mit Jerusalem In My Heart verbunden. Der Name des Projekts drehe sich um einen Ort, der für ihn nur als Idee existiere. Es geht also um eine Sehnsucht, die von politischen Konflikten erst erzeugt wird.

Bei Beirut ist die Sehnsucht völlig losgelöst von allem, was irgendwie greifbar ist – Hauptsache irgendwo in der Alten Welt. Oder wie Zach Condon einmal gesagt hat: «Musik ist zu heilig, um in etwas Widerlichem wie Politik zu versanden.» Da kippt die Naivität in Arroganz. So einfach ist Weltmusik nicht mehr zu haben.

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