Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Soul auf Diät

Ihre Inszenierung ist makellos, ihre Selbstkontrolle unglaublich – trotzdem ist «Magdalene» von FKA Twigs ein Album voller Trostlieder gegen die Selbstoptimierung.

Von Arno Raffeiner

Immer weiter, gegen das latente Gefühl des Ungenügens: FKA Twigs, hier bei einem Auftritt in Oakland. Foto: Steve Jennings, Getty

Was Instagram-Filter inzwischen zum Massensport gemacht haben, gilt für Tahliah Barnett schon lange: Der menschliche Körper ist zum Gestalten da. Verlängerte Hälse, Kulleraugen, mit dem Mund verschmolzene Hände, monströs aufgeschwollene Körperteile – all das gibt es in den Videos und auf den Plattencover der englischen Musikerin zu sehen. FKA Twigs, die Pop-Persona von Barnett, lässt sich als Skulptur verstehen, als Gesamtkunstwerk kreativer Selbstverbiegung.

Die 31-jährige Barnett wuchs im Südwesten Englands auf; mit ihrem familiären Background – die Mutter spanischer Abstammung, der Vater aus Jamaika – wurde sie im Provinzkaff zur Aussenseiterin und Einzelgängerin. Sie wollte Operngesang studieren und wurde zu einer fanatischen Tänzerin, bevor sie mit siebzehn nach London zog. Obwohl sie mit ihrem skelettierten Avantgarde-R-’n’-B ökonomisch deutlich weniger erfolgreich ist als die Superstars des Pop, spielt sie in der Perfektion ihrer Inszenierung locker in deren Liga. Ihre Konzerte haben die Anmutung von aufwendig produzierten Cyberopern. Es ist bemerkenswert, wie wenig Zugeständnisse an sogenannte Mainstreamtauglichkeit Barnett in ihrer Musik nach wie vor macht. Diese klingt vor allem nach Radikaldiät: eine moderne Spielart von Soul, die sich vor lauter Leerstellen, Transparenz und Nacktheit fast zu Tode gehungert hat.

Mut zur Verunstaltung

Barnett spricht immer wieder davon, dass sie R ’n’ B gar nicht möge und sich im Grunde als Punk verstehe. Trotzdem zeigt sie gerne, was sie alles kann: Sie ist eine virtuose Sängerin, Produzentin, Tänzerin, Art-Direktorin und leistet in jeder Disziplin Atemberaubendes. Sie führt auch vor, was mit digitalen Hilfsmitteln alles möglich ist. Das tun viele andere ebenfalls, aber selten ist jemand mit so viel Mut zur Verunstaltung auf die grosse Bühne getreten.

Das Cover des eben erschienenen zweiten FKA-Twigs-Albums zeigt sie verquollen, mit aufgeworfenen Lippen, die Augen geblendet. Dieses Bild und die neun Songs sind wie eine einzige grosse Metapher für eine Sache, die so alt ist wie die Menschheit: «Magdalene» ist ein Herzschmerzalbum. Es zeigt mit allem, was an Videoclips, Fashionshootings, Artwork und Merch-Artikeln dazugehört, was die Liebe mit einem anstellt, wenn sie vorbei ist. Wie kaputt man sein kann. Aber auch, wie man sich wieder aufrichtet.

Barnett machte nach einer privaten Krise nicht nur im übertragenen Sinn schlapp. Sie hatte akute gesundheitliche Probleme, ihr durchtrainierter Körper klappte zusammen. Für eine Künstlerin, die Teil einer zu Dauerpräsenz genötigten Generation ist und am Beginn einer grossen Karriere stand, war sie in der Folge lange weg. Ihr Debüt «LP1» erschien 2014. Ihre Rückkehr fünf Jahre später inszenierte sie im Video zum Song «Cellophane» als grandiosen Auftritt an der Poledance-Stange, mit einer Körperbeherrschung von solcher Absolutheit, dass sie wie computeranimiert wirkte. Bei einer Reihe von Konzerten im Sommer 2019 bewies Barnett, dass natürlich nichts von ihrer Tanzakrobatik am Rechner dazugedichtet wurde.

Gefühle in Zellophan

Resilienz ist eine Fähigkeit, die im Erwerbs- und im Privatleben heute stillschweigend vorausgesetzt wird: die Selbstaufrichtung, wenn mal etwas kaputtgegangen ist, die immerwährende Arbeit am Selbst. So gesehen haucht und stöhnt und flötet FKA Twigs auf «Magdalene» auch über die Verformung durch diese Ansprüche und über das latente Gefühl des Ungenügens. Selbst den Kontrollverlust und die Katastrophe macht sie noch zu einem Akt disziplinierter Beherrschung. «Ich finde, wenn man anerkennt, dass man die Kontrolle verloren hat, liegt darin auch etwas Kontrolliertes», erklärte sie unlängst in einem Interview.

«Eine Ballade sollte beim Hörer das Bedürfnis wecken, Liebe zu machen», schrieb wiederum Prince in seiner unvollendeten Autobiografie «The Beautiful Ones», die soeben erschienen ist. Barnett zählt den 2016 verstorbenen Musiker zu ihren Vorbildern. Aber in ihren eigenen Balladen – und «Magdalene» besteht fast ausschliesslich daraus – geht es eher um das Bedürfnis, die einstigen, inzwischen erkalteten Gefühle wie in «Cellophane» gewickelt zu konservieren. Und dann als Ablenkung den nächsten Hot-Yoga-Kurs zu buchen. Auf «LP1» gab es vor fünf Jahren noch Hohelieder an die Freuden der Selbstliebe, wenn es mit dem Partner aus irgendwelchen Gründen nicht klappt. Jetzt ist sogar die Lust, sofern sie doch mal hochkommt, nur eine Resilienzstrategie. «It’s all for the lovers trying to fuck away the pain», singt Barnett im Song «Mirrored Heart» – Sex als Schmerzmittel.

Das klingt traurig, ist aber keine Kritik an der Musik von FKA Twigs. «Magdalene» ist fast durchgehend so atemberaubend wie ihre Performances. Das Album ist eher ein Indiz für ihre radikale Zeitgenossenschaft und eine Erklärung dafür, warum sie trotz verstörender Aspekte so erfolgreich ist. Man kann es auch so sagen: Tahliah Barnett schreibt die faszinierendsten Trostlieder für alle, die an der ganzen Selbstoptimiererei fast zugrunde gehen. Und trotzdem weitermachen.

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