Nr. 46/2017 vom 16.11.2017

Ringier hat ausgedruckt

Wie im Monopolkapitalismus langsam die Druckereien ausgehen. Und wieso die WOZ wohl bald bei einer alten Bekannten anklopfen muss.

Von Stefan Howald

Ringier schliesst seine Zeitungsdruckerei in Adligenswil, wo auch die WOZ gedruckt wird. Diese Zeitung wird womöglich bald bei Tamedia anklopfen müssen. Bleibt uns eine andere Wahl? Vielleicht. Aber nur knapp. Es gibt noch drei Druckereien in der Schweiz, die für ein mittelgrosses Produkt infrage kommen.

Die WOZ ist schon einmal knapp daran vorbeigeschrammt, beim «Tages-Anzeiger»-Konzern gedruckt zu werden. Gleich zu Beginn nämlich, 1981. Die Verträge waren unterzeichnet, die Nullnummer war gesetzt, dann liess die TA-Geschäftsleitung die Druckmaschinen vertragswidrig stoppen. Anlass war eine Glosse von Niklaus Meienberg, der über die hauseigene Zensur beim «Tages-Anzeiger» gelästert hatte.

Was eine alte Weisheit bestätigte: Wer über die Produktionsmittel verfügt, befiehlt.

Immerhin gelang es 1981 mithilfe einiger wohlwollender TA-Drucker, die Nullnummer in einer Nacht-und-Nebel-Aktion doch noch herauszubringen. Seither hat die WOZ einen weiten Bogen um Tamedia gemacht.

Aber jetzt verlieren wir innerhalb weniger Jahre unsere zweite Druckerei. Mitte 2015 legte die NZZ ihre Druckmaschinen in Schlieren still und entliess 125 Leute. Die WOZ wechselte, notgedrungen, nach Adligenswil zu Ringier. Nun hat der Ringier-Konzern angekündigt, die Druckerei im Luzernischen auf Ende 2018 zu schliessen. Es droht ein Verlust von 172 Arbeitsplätzen. Vor wenigen Jahren wurde die Druckerei noch als modernste der Schweiz angepriesen. Und jetzt soll sie nicht mehr rentieren.

Aber was heisst in dieser Branche schon rentieren? Der Akzidenzdruck für Zeitschriften und Kataloge, sagt Roland Kreuzer, Zentralsekretär bei der Gewerkschaft Syndicom, werde aus dem Ausland konkurrenziert – da sei die Lage eingestandenermassen schwierig. Für den Zeitungsdruck kann das nicht gelten. Da kannibalisieren sich die verbliebenen Schweizer Grossdruckereien gegenseitig.

Tamedia geht am aggressivsten vor, mit Tiefstpreisen. Alles wird mit Mengen gemacht. Die Pressen sollen möglichst 7 mal 24 Stunden laufen. Das fixe Kapital der Maschinen muss pausenlos zur Mehrwertproduktion verfügbar sein.

Deshalb krallt sich Tamedia, was es zu krallen gibt. Und die andern Konzerne machen bei dieser Arrondierung mit. Ringier konzentriert sich auf den Zeitschriftendruck. Die NZZ gibt die drucktechnische Eigenständigkeit zusehends auf. «Tages-Anzeiger», «Blick», NZZ, von der «BaZ» ganz zu schweigen: alles unter einem Firmendach gedruckt. Für die ordoliberale NZZ sollte dieser Monopolkapitalismus ein Sündenfall sein. In ihren Leitartikeln beschwört sie gelegentlich die Medienvielfalt als staatspolitisches Postulat. Bei den Druckereien ist das bloss heisse Luft. Aber auch bei Tamedia sind Kommerz und Publizistik strikt getrennt: Sollte mal eine Maschine aussteigen, werden zuerst die Fremdaufträge gedruckt, weil sonst die Konventionalstrafen zu hoch ausfallen. Die «Tages-Anzeiger»-AbonnentInnen werden das schon verstehen.

Die Medienbranche ist auf dem Kannibalisierungstrip, nicht nur online: Die Printmedien sind ironischerweise jetzt auch gefährdet, weil allmählich die Druckereien ausgehen.

Mit einer Redimensionierung hatte die Belegschaft in Adligenswil gerechnet, nicht mit der totalen Schliessung. Personalkommission und Syndicom versuchen, in Gesprächen zu retten, was zu retten ist. Lässt sich eine Auffanggesellschaft finden, ein Management-Buy-out, gar eine neue Genossenschaft? Zumindest soll, so wird von Tamedia wie von Ringier gefordert, allen betroffenen MitarbeiterInnen eine Stelle in einer anderen Druckerei angeboten werden. Nicht nur mit den neuen Druckaufträgen Geld machen, sondern auch Arbeitsplätze schaffen. Doch das ist besonders störend am Zürcher Konzern: Der ist, neben dem fehlenden Gesamtarbeitsvertrag im Pressebereich, vor zwei Jahren auch aus dem GAV für den Drucksektor ausgestiegen. Die Arroganz der ökonomischen Macht.

Und wenns nicht (nur) um Geld geht, gehts um politisch-ideologische Macht. Vor viereinhalb Jahren hat der Christoph Blocher nahestehende Zürcher SVP-Unternehmer Werner Hofmann von Ringier die Immobilien des Betriebs in Adligenswil gekauft. Womöglich wird dort bald die «BaZ» gedruckt. Denn Blocher weiss, was Produktionsmittel bedeuten.

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