Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Moorfresser im Feuchtgebiet

Von Bettina Dyttrich

Viel Sumpf ist der Schweiz nicht geblieben. Neunzig Prozent der Feuchtgebiete wurden seit 1850 trockengelegt, meist, um Agrarland zu gewinnen. Lange galt die Entsumpfung als Fortschritt – erst in den letzten Jahrzehnten, verstärkt seit der Rothenthurm-Abstimmung zum Moorschutz von 1987, wurde der breiten Bevölkerung klar, wie viel dabei verloren ging.

Doch so verhasst, wie man heute meint, war der Sumpf auch früher nicht. Das zeigt die Geschichte der Schweizer Feuchtgebiete von Martin Stuber und Matthias Bürgi. Stuber ist Historiker, Bürgi Umweltnaturwissenschaftler, in ihrem Buch «Hüeterbueb und Heitisträhl» (2011) gingen die beiden schon der Geschichte der bäuerlichen Waldnutzung nach. Es braucht beide Blickwinkel, den natur- und den sozialwissenschaftlichen, um die Nutzung natürlicher Ressourcen zu verstehen.

Im neuen Buch geht es um Handfestes wie Flussumleitungen, Entwässerungsrohre und Torfstiche, aber auch um die Ideologien dahinter. Denn die alte Fortschrittsgeschichte – Ingenieure und Arbeiter machten mit heroischen Anstrengungen ungenutztes Land urbar – stimmt nicht ganz. Die Feuchtgebiete wurden bereits vor der Trockenlegung genutzt: Sie dienten als Weiden, vor allem für Pferde, für die Streue- und Torfgewinnung oder zum Sammeln von Fröschen und Blutegeln. «Zudem wirkten die Feuchtgebiete sozial ausgleichend, da sie meist in Gemeinbesitz waren und damit auch Nischen für die landärmeren oder gar landlosen Bevölkerungsschichten boten.» Solche kollektiven Nutzungsformen fehlen heute und müssen in der Naturschutzarbeit aufwendig simuliert werden.

Die Bilder sind hervorragend ausgewählt und erzählen viel: von einer eindrücklichen Karte des Grossen Mooses als zusammenhängendes Sumpfgebiet (1817) bis zu einer frühen Rothenthurm-Karikatur mit Bundesrat Georges-André Chevallaz als Moorfresser. Ein vielschichtiges Buch, das Widersprüche nicht leugnet und daran erinnert, dass eine «naturale», von der Landnutzung direkt abhängige Ökonomie ganz andere Bedingungen hat als eine, die Erdöl verbrennt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch