Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Der grünliberale Tesla

Ruedi Widmer über vegane Löwen

Von Ruedi Widmer

Die Regenbogenliberalen, offiziell «Grünliberale» genannt, können bei Exekutivwahlen gegenüber ihren grünen KollegInnen keine Farbe bekennen, da sie farbenblind sind. Deshalb ist es für sie egal, ob etwas rot, grün, orange, gelb oder blau ist. Es ist für sie alles so grau wie ihr neues Lieblingsauto, der Tesla Cybertruck, ein elektrisch betriebener Stealth Bomber auf Rädern. Ein Pick-up, also ein Kleinlaster, der laut Elon Musk schneller beschleunigt als ein Porsche 911. Das sagte der Tesla-Chef natürlich nur, damit Leute wie ich das hier weiterverbreiten. Ich muss sagen, vom Design her ist dieses Objekt wirklich einmalig und allen anderen Muskelpanzern vorzuziehen, aber es ist eben doch ein grosser Unsinn, denn die wenigsten werden auf der kleinen Ladefläche Holz transportieren oder Gartenwerkzeuge. Mit dem Cybertruck posiert man im Stadtzentrum herum am Samstagabend oder bringt das Kind in den Kindergarten. Dabei kann man noch mehr Kinder, Velofahrerinnen und Fussgänger anfahren als bisher, weil das geile Teil breiter ist und noch mehr Kraft hat. Der Autokäufer als Amokläufer. Okay, Boomer, mit dem Cybertruck zeigt die Generation X, dass sie gleich viel Energie wie die Babyboomer verschwenden darf, einfach in Grün.

Was bis jetzt mit der E-Mobilität passiert, ist genau das, was nicht passieren sollte: Es werden die tonnenschweren Pornofahrzeuge elektrifiziert statt die Mittelklassewagen. Gegen einen E-SUV kann ein Klimademonstrant ja nicht mehr so richtig etwas sagen, denn ihm geht es ums CO2, aber ein E-Auto ist nicht mehr im CO2-Problemkomplex drin, sondern im Batterien-Kobalt-Kinderarbeit-Problem (aber dafür sind wieder andere Gruppen zuständig). Kurz: Ein E-SUV ist dasselbe wie ein veganes Hohrückensteak: ein absurdes Ding.

Kürzlich, als ich im Migros-Restaurant einen dieser neuen, sich wie Fleisch anfühlenden Beyond-Veganburger (inklusive Randenblut) zu mir nahm, dachte ich über etwas nach … Moment, zuerst noch dies: Warum muss sich ein nichtfleischiges Essen überhaupt noch wie Fleisch anfühlen? Um uns sachte vom Fleischkonsum wegzuführen. Auch die ersten Teslas hatten vorne noch einen angedeuteten Kühlergrill. Aber ein Elektromotor braucht keinen Kühler. Nur der Autokäufer braucht diesen Kühler, damit er erkennt: Ah, das ist ein Auto, auch wenn es keinen Benzinmotor mehr hat. Bei späteren Teslas ist der Grill weg. Tesla gewöhnt uns daran, das Auto als etwas ganz Neues zu sehen.

Gut, über was dachte ich beim Veganburger nach? Dass es VeganerInnen egal ist, wenn Tiere immer noch Fleisch essen. Bei einem Löwen kommt niemand auf die Idee, ihm mit erhobenem Zeigefinger das Zebrasteak wegzuzerren oder dieses irgendwie mit Gemüse im Labor nachzuzüchten. Nein, da findet sowohl der Naturschützer als auch die Fleischfeindin: Momoll, der Löwe darf das. Doch ein solcher Löwe braucht sehr viel Land, viel mehr als ein umweltfreundlicher Zoolöwe. Alleine der Jagdgrund eines wilden Löwen ist Hunderte von Hektaren gross. Auf diesem Land werden Hunderte Zebras (Methanfürze) gehalten, nur damit der Löwe mal eins von ihnen fressen kann. Es wäre nachhaltiger, der Löwe würde wie die Grünliberalen mit dem E-SUV zum Biometzger fahren. Oder statt so viele Zebras zu halten, nur um einen einzelnen Löwen durchzufüttern, wäre es gescheiter, wir Menschen ässen statt den Löwen lieber die Zebras, oder, als Veganer, gleich das Steppengras. Dann braucht es im Nahrungskreislauf weder Zebra noch Löwe. Denn die sterben sowieso irgendwann aus. Ich würde im Nahrungskreislauf gar nicht mehr mit denen rechnen. Es isst sowieso niemand mehr Löwe. Das Restaurant Löwen, das ich kenne, ist kürzlich geschlossen worden, weil es keinen Pächter mehr fand. Es wird auch kein Bier mehr aus Löwen gebraut: Das Löwenbräu-Areal in Zürich ist heute nur noch für grünliberale Kunst bekannt.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in der Stadt der fussballspielenden Löwen des FC Winterthur.

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