Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

T wie Testosteron?

Tamedia wird zur TX Group und organisiert sich neu. Für die vielen Tageszeitungen, die das Unternehmen herausgibt, bedeutet das vermutlich nichts Gutes.

Von Daniel Stern

Unternehmen umstrukturieren, ihnen neue Namen geben – das ist eine Passion vieler ManagerInnen. Auch Pietro Supino, der einst durch die Schule der Unternehmensberatungsfirma McKinsey gegangen ist, macht das offenbar gern. Der 54-jährige Spross der Tamedia-Besitzerfamilie Coninx verpasst dem Unternehmen den Namen TX Group und teilt es in vier voneinander weitgehend unabhängige Geschäftseinheiten auf. Supino wird den Verwaltungsrat des Konzerns weiter präsidieren. Als Bindeglied zur Politik holt er sich die ehemalige Aargauer SP-Ständerätin Pascal Bruderer ins Gremium. Für was das TX wohl steht? Den Namen könnte auch ein Kampfjet tragen. Doch vielleicht soll das T ja an die Wurzeln des Unternehmens erinnern: den «Tages-Anzeiger», der als «überparteiliche Zeitung» die Familie Coninx einst reich machte. Und das X für die ungewisse Zukunft?

Schwund der Vielfalt

Was ist das Ziel der Aktion? Supino spricht auf der Tamedia-Website von einem «eigenständigen, starken Narrativ», das jede der vier Einheiten entwickeln soll. Alle sollen dabei jedoch «ihren Beitrag zum Ganzen unter Beweis stellen müssen». Aha. Es darf also vermutet werden, dass speziell für die Bezahlzeitungen aus dem Haus Coninx der Wind noch rauer werden dürfte. Sie, die kaum noch Gewinne abwerfen, müssen sich beweisen.

Tamedia war in den letzten Jahren vor allem dadurch aufgefallen, weil sie sich Stück um Stück Zeitungstitel unter den Nagel gerissen hatte. Von der «Berner Zeitung» und dem «Bund» über die Westschweizer «24 heures» und die «Tribune de Genève» etwa bis zum Winterthurer «Landboten» und der «Basler Zeitung». All diese Bezahlzeitungen stehen vor denselben strukturellen Problemen: Einerseits nimmt die Zahl der LeserInnen ab (auch wegen der Gratisangebote aus dem Haus Tamedia), andererseits schwinden die Inserate. Heute sucht man sich eine neue Stelle oder Wohnung auf den einschlägigen Webportalen. Doch wie soll eine Zeitung ohne diese Einnahmen die redaktionelle Qualität halten? Supino löste das Problem so, dass nun je eine zentrale Redaktion in der Deutschschweiz und in der Romandie die Inland-, Ausland-, Wirtschaft- und Sportseiten der verschiedenen Titel produziert. Das spart Kosten, führt aber auch zu einem Schwund der Meinungsvielfalt. Wirklich lukrativ ist das Zeitungsgeschäft dennoch nicht.

So werden die Bezahlzeitungen zusammen mit den Druckereien in der neuen Struktur der TX Group nur noch eine von vier Geschäftseinheiten darstellen (unter dem Namen Tamedia und geleitet von Marco Boselli, bisher Leiter «Publizistik und Prozesse Pendlermedien»). Mit Geld aus den übrigen Geschäftsfeldern dürfen sie nicht rechnen. Der Gesamtkonzern macht zwar dank einverleibter Internetportale weiterhin saftige Gewinne mit Inseraten, setzt einen Teil dieser Einnahmen jedoch schon längst nicht mehr für den Betrieb der Zeitungen ein. Vielleicht hofft Supino ja auf eine verstärkte staatliche Presseförderung. Mit dem abgetrennten Zeitungsteil wird er es einfacher haben, diese einzufordern, während er gleichzeitig Millionengewinne einstreicht. Bezeichnend ist allerdings, dass sich der Konzern mit der Namensänderung in den Statuten auch einen neuen Zweckartikel verpasst: Von «Verlagsgeschäft» und «grafischer Industrie» wie bisher ist keine Rede mehr.

Gewichtiger Machtfaktor

Das ist die Achillesferse des Schweizer Mediensystems: Die Medienkonzentration hat dazu geführt, dass einige wenige wie die Familie Coninx den Ton angeben. Was passiert, wenn sie keine Lust mehr auf ihre Zeitungen und Zeitungskonglomerate haben? Werden diese dann einfach an den Meistbietenden verkauft? An Leute wie Christoph Blocher oder Tito Tettamanti, die mit ihren Medienerzeugnissen eine klare politische Zielsetzung verfolgen? Supino stellt das in Abrede. Er sagt auf der Konzernwebsite, dass Tamedia «ein wichtiger Teil der Gruppe und von uns bleibt». Er spricht allerdings nicht von den einzelnen Zeitungen, sondern nur allgemein von der «führenden journalistischen Plattform der Schweiz». Vielleicht ist es ja gerade das, was ihn reizt: die Bündelung all dieser zusammengekauften Zeitungstitel. Wenn sie schon kaum Gewinn einbringen, so sind sie doch ein gewichtiger Machtfaktor. Vielleicht steht das T ja auch einfach für Testosteron.

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